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Omri Boehm: "Israel – eine Utopie"

Klug-provokante Streitschrift

PlayOmri Boehm: "Israel – eine Utopie"
Omri Boehms Streitschrift: "Israel - eine Utopie" | Video verfügbar bis 06.07.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Erinnerung ist allgegenwärtig wie die Stolpersteine für die ermordeten Juden. Auch 75 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur quält die Frage: Wie umgehen mit der Schuld?

Können Deutsche mitreden?

An Israel, dem zum Fanal des Überlebenswillens gegründeten Staat der Juden, entzündet sich einmal mehr eine hitzige Debatte: Ist die angekündigte Annexion der Westbank moralisch vertretbar? Und haben Deutsche da ein Recht mitzureden? Ja, sagt der Philosoph Omri Boehm, geboren in Haifa, israelischer und deutscher Staatsbürger.

Boehm gegen Selbstzensur in der Debatte

Philosoph Omri Boehm
Philosoph und Autor Omri Boehm | Bild: ttt

Keine Kritik zu üben, wäre ein Verstoß gegen einen freien Dialog im Geiste der Aufklärung, findet er: "Wenn sich deutsche Intellektuelle da eine Selbstzensur auferlegen und sich weigern, auch kritisch über Israel zu sprechen, dann unterlaufen sie die freie Diskussion, gerade jetzt in den Tagen der Entscheidung über die Annexion des Westjordanlandes" Da gebe es in Deutschland noch manche irrige Meinung "zum Beispiel, dass Israel zu 75 Prozent aus Juden und nur zu 25 Prozent aus Palästinensern besteht. Dabei hält sich das Verhältnis annähernd die Waage."

Der angekündigte Völkerrechtsbruch, die Einverleibung wesentlicher Teile der von Palästinensern bevölkerten Westbank würde die Situation im Nahen Osten mit Gewissheit weiter verschärfen. Auch angesichts der nie zu tilgenden Hypothek der Vergangenheit hat sich der Bundestag, um diplomatische Wortwahl bemüht, am Donnerstag, kaum hatte die EU-Ratspräsidentschaft begonnen, von Israels Annexions-Plänen distanziert.

Posener: "Interventionen stehen uns nicht zu"

Alan Posener, Blogger und Publizist mit jüdischen Wurzeln
Alan Posener, Blogger und Publizist mit jüdischen Wurzeln | Bild: ttt

"Derlei Interventionen stehen uns nicht zu", sagt dazu Alan Posener, der streitlustige Blogger und Publizist mit jüdischen Wurzeln: "Wir haben ja mal festgestellt, dass die Sicherheit Israels Staatsräson ist. Was aber die Sicherheit Israels ist, das entscheiden doch die Israelis – und nicht wir!

Bloß weil wir die Endlösung der Judenfrage in Europa betrieben haben, gibt uns das doch nicht das Recht, die Endlösung der Judenfrage auch noch im Nahen Osten zu betreiben. Warum halten wir uns da nicht raus? Das ist ein demokratischer Staat, der einzige in der Region. Die Mehrheit in der Bevölkerung will das."

"Apartheid mit menschlichem Antlitz"?

Boehm erinnert daran, dass sich Israel einmal ernsthaft um eine Koexistenz mit den Palästinensern mühte. Er klammert nicht aus, dass dies von der Gegenseite immer wieder torpediert wurde. Die gegenwärtige Politik der Einvernahme, der Vertreibung aber geißelt er als "Apartheid mit menschlichem Antlitz".

"Für manchen Deutschen dürfte dieser Begriff 'Apartheid'  als Umschreibung für Israels Politik verstörend sein. Aber schon Menachem Begin, Ministerpräsident in den 1970er-Jahren, hat ihn gebraucht und gesagt: 'Wenn wir den Palästinensern keine israelische Staatsbürgerschaft geben, dann wird Israel zum Apartheidstaat.'"

Da zieht ein zorniger Denker Bilanz, der sich, bei aller Kritik, als israelischer Patriot begreift. Er rechnet ab mit den Scharfmachern im Land, den orthodoxen Siedlern, die kurzen Prozess machen wollen. An eine faire Zweistaaten-Lösung glaubt er nicht mehr.

US-Politik verschärft nationalistische Tendenzen

Dies Modell, seit 40 Jahren immer wieder krachend gescheitert, ist seit Netanjahus Dauerregentschaft vollends ohne Chance – und ohne einflussreiche Opposition, besonders seit Trump regiert und Israels Ministerpräsidenten auf Schritt und Tritt stützt.

Omri Boehm kommentiert: "Trump erlaubt den Israelis zu tun, was sie immer schon tun wollten, denken wir nur an die Annexionspläne oder die Verlegung der US- Botschaft nach Jerusalem. Trump hat mit Jahrzehnten amerikanischer Nahost-Politik gebrochen, die darauf ausgerichtet war, die schlimmsten nationalistischen Tendenzen zu stoppen."

Neu nachdenken über Israel

Stolpersteine erinnern an NS-Opfer
Stolpersteine erinnern an NS-Opfer | Bild: ttt

Boehms pointierte Streitschrift befeuert eine ungemein wichtige Debatte: Wie radikal, wie politisch unkorrekt muss dieser Tage das Nachdenken über Israel sein, dessen Existenz auf dem Trauma des Holocaust, auf den deutschen Todes-Deportationen beruht?

Boehm zufolge gelten die alten Tabus, was man über Israel sagen soll – und was nicht - nicht mehr. "Kritik an Israel ist nicht länger mit Antisemitismus gleichzusetzen. Wer früher den  jüdischen Staat existentiell kritisierte, mag antisemitisch gedacht haben. Aber kann man überhaupt noch von einem jüdischen Staat sprechen, wenn rund 50 Prozent der Bevölkerung Palästinenser sind?"

"Das Leben miteinander teilen" – Gleichberechtigt unter einem Dach?

Boehm wagt sich auf vermintes Terrain und entwirft eine Staatsform, in der Israel kein rein jüdischer Staat mehr sein wird. Er ist Philosoph und kein Realpolitiker. Machbarkeitsstudien interessieren ihn nicht, den Querdenker, den scharfsinniger Visionär, den Anhänger des Prinzips Hoffnung. In seinem provokanten Zukunftsessay beschwört er, als Utopie, den Alltag in der nordisraelischen Hafenstadt Haifa, wo mitten im Kampf eine Koexistenz möglich scheint, wo – Zitat – "Araber und Juden, wie selbstverständlich die Liebe, das Leben miteinander teilen": "Gründen wir zwei halbsouveräne Länder unter einem gemeinsamen staatlichen Dach, gewissermaßen zwei Bundesländer also. Beide unterstehen ein und derselben neutralen Verfassung, in beiden gelten die gleichen Bürger- und Freiheitsrechte."

"Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen"

Alan Posener glaubt nicht daran: "Das gibt Ärger ohne Ende. In der Schweiz klappt sowas ganz wunderbar. Ok, wenn die Palästinenser Schweizer und Schweizerinnen wären, würde ich sagen: Super, machen wir das so. Aber wer je dort in der Region war, weiß, dass die Palästinenser und Palästinenserinnen keine Schweizer sind."

Boehm hält dagegen: "Es mag wie ein großer Zukunftstraum klingen, aber deswegen komme ich in meinem Buch immer wieder auf die zionistische Weisheit von Theodor Herzl zu sprechen: 'Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.'"

Autor des TV-Beitrags: Tilman Jens

Buchtipp
Omri Boehm: "Israel – eine Utopie"
Propyläen
256 Seiten

Stand: 06.07.2020 09:30 Uhr

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