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Der Osten: eine westdeutsche Erfindung

Der Osten: eine westdeutsche Erfindung | Video verfügbar bis 27.02.2024 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wäre die Wiedervereinigung nicht gekommen, würden wir heute in Zelten leben, hat der einstige sächsische Tatortkommissar Peter Sodann mal etwas zugespitzt gesagt. Leipzig heute. Was für ein schönes Versprechen. Soviel vorweg.Beginnen wir mit einem ernstzunehmenden Witz: "Wessis streicheln Ossis" nannten die bayrischen Zeichner Greser und Lenz eine Karikatur. Sicher doch, das ist lustig.

Es untermalt aber ebenso auf bitter ironische Art die Erfahrung, die der Leipziger Professor Dirk Oschmann mit Herkunft als Makel, als Festschreibung benennt. "Ich habe das Gefühl, dass sich die Zuschreibungen plötzlich zunehmend als normal anfühlen: Dass der Osten eben zurückgeblieben ist, dass er unterentwickelt ist in allen möglichen Hinsichten, dass er sich vielleicht verhaltensauffällig zeigt, dass er sich pathologisch verhält, dass er Dinge anders versteht oder gar nicht versteht", sagt der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann. "Und das hat sich doch in einer Weise schematisiert, die das fast als zweite Natur erscheinen lässt."

Erfahrungsbericht als Zornesausbruch

Autor Dirk Oschmann
Autor Dirk Oschmann  | Bild: MDR/ttt

Oschmann kommt aus dem thüringischen Gotha. Er hat Germanistik und Amerikanistik in Jena und New York studiert und ist einer der wenigen Ostdeutschen, die eine Professur haben. Üblicherweise beschäftigt er sich mit Benjamin und Kafka. Doch jetzt hat er eine Art Zornesausbruch geschrieben, einen Erfahrungsbericht mit dem pointierten Titel: "Der Osten: eine westdeutsche Erfindung". "Es geht nicht um den konkreten historischen, geografischen Osten mit den Millionen verschiedenen Menschen und verschiedenen Lebensentwürfen, sondern es geht darum, wie der Westen den Osten als monolithischen diskursiven Block zurichtet, von dem er schon immer meint zu wissen, was da vor sich geht", sagt Oschmann. "Die Leute werden ja überhaupt nicht mehr in ihrer differenzierten Individualität wahrgenommen, sondern, sie werden wahrgenommen als Ostdeutsche. Und dieser ganze semantische Raum, der mit Ost anfängt – ostdeutsch, Ossi, Osten und so weiter – dieser ganze semantische Raum ist verseucht. Das ist im Grunde nicht mehr zu gebrauchen."

Der Osten als Abweichung der Norm

Als ein Beispiel zieht Oschmann die Spiegel-Ausgabe vom August 2019 heran. Vor den Wahlen in Brandenburg und Sachsen und 30 Jahre nach der friedlichen Revolution titelt das Magazin spitz: "So isser, der Ossi". Oschmann sieht darin das Indiz für eine westdeutsch dominierte Perspektive und, auf eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung verweisend, die Wahrnehmung des Ostens überwiegend als Abweichung von der westdeutschen Norm. "Aber das, was hier gemeint ist, ist ja genau das Bedrohliche, das Unangenehme, das Unkalkulierbare. Und deshalb finde ich dieses Cover weder lustig noch humorvoll, noch in irgendeiner Weise auch ironisch zurechtzubiegen", sagt Oschmann. "Und der Osten ist mit diesem Cover komplett ausgeschlossen."

Kaum Ostdeutsche in Führungspositionen

Dirk Oschmanns Buch liest sich wie eine Fehlermeldung aus der Gegend der blühenden Landschaften. Sicher, es gibt materiellen Wohlstand. Auf der anderen Seite verweist er auf den immer noch bis zu 20 Prozent bestehenden Lohnunterschied zwischen Ost und West und den Mangel an Repräsentation: Ostdeutsche Führungskräfte seien beispielsweise viel stärker in der Minderheit als Frauen. "Es gibt einen bestimmten materiellen Wohlstand. Aber es gibt natürlich trotzdem ein scharfes Bewusstsein dafür, nicht Teil dieser Mitgestaltung der Wirklichkeit zu sein in der Demokratie", sagt Oschmann. "Ob das die Wissenschaft ist, die Wirtschaft, die Medien und anderes, da liegen die Prozentzahlen ja nicht bei 18 oder 19 Prozent, wie es dem Bevölkerungsanteil entsprechen würde, sondern sie liegen bei zwei bis vier Prozent maximal. Im Militär liegen sie bei 0,0 Prozent. Da gibt es überhaupt keine Ostdeutschen in irgendwelchen Spitzenpositionen bei der Bundeswehr. Und das teilt sich natürlich der Gesamtgesellschaft mit als etwas, was bedeutet, dass man hier nicht mitmachen können soll."

Von den frustriert Zufriedenen ist im Buch die Rede. Und Oschmann befürchtet, dass deren Unmut sich zunehmend ins Undemokratische auslagert. Das ist die dramatische Mitteilung. Das Buch "Der Osten: eine westdeutsche Erfindung" ist keine Handlungsanleitung. Es putscht eher gegen eine vorherrschende Blickrichtung und wirbt für Durchlässigkeit.

Ostbeauftragter der Bundesregierung – "ein Skandal"

Klar doch, es gibt stets einen Ostbeauftragten der Bundesregierung; auch im 33. Jahr nach der Wiedervereinigung, wer hätte das gedacht. Er habe prinzipiell gegen diese Position, sagt Oschmann. "Dass es sie überhaupt gibt, finde ich, ist ein unglaublicher Skandal. Und es ist ein Symbol für diese Art von Abhängigkeit, die da besteht, für diese Art von Bewirtschaftung von Untergebenen. Aber jemanden als Ostbeauftragten zu installieren bedeutet auch, den Osten immer noch als eine Art Sonderzone zu behandeln, ihn diskursiv, politisch, sozial, wirtschaftlich auszugrenzen etcetera. Und das war der Anlass – dass die neue Bundesregierung dann noch wieder zu diesem alten Muster zurückgegriffen hat –, dass ich gesagt habe: Jetzt reicht's! Jetzt muss der Text wirklich mal in die Debatte eingespeist werden."

Was machen wir jetzt mit dem Buch? Diesem zorngesättigten Zwischenruf? Dem Land den Puls gefühlt haben schon viele, die Themen sind bekannt, die Defizite auch. Einigen wir uns darauf: Alles zur Wiedervorlage!

Autoren: Hans-Michael Marten, Jens-Uwe Korsowsky

Dirk Oschmann
Der Osten: eine westdeutsche Erfindung
Wie die Konstruktion des Ostens unsere Gesellschaft spaltet

Ullstein
224 Seiten, 19,99 Euro
ISBN 978-3-550-20234-6

Stand: 16.05.2023 12:11 Uhr

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