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"Pegasus" und der digitale Angriff auf die Freiheit

Interdisziplinäres Ausstellungsprojekt im Berliner Haus der Kulturen der Welt

PlayPegasus-Überwachungsprotokoll
Pegasus - Verbrechensschutz mit einer verbrecherischen Software? | Video verfügbar bis 25.07.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Fall Snowden brachte es ans Licht: Das Abhören weltweiter Kommunikation durch den amerikanischen Geheimdienst NSA – ein Skandal. Die Weltmacht China rühmt sich, den ganzen öffentlichen Raum im Blick zu haben. Diktatoren, die ihr eigenes Volk überwachen mittels Gesichtserkennung. Und jetzt "Pegasus": Die nächste Generation, ein Produkt der israelischen NSO-Group und Exportschlager für die Geheimdienste der Welt.

Mehrere tausend Smartphones von Spionagesoftware gehackt

Ein futuristisch anmutendes 3D-Diagramm flirrt über einen Bildschirm. Es ist ein Protokoll digitaler Überwachung. Die Farbmarkierungen zeigen, welche Personen an welchen Orten und zu welchem Zeitpunkt mit Hilfe von „Pegasus“ ausgespäht worden sind: Journalisten, Regimegegner, Aktivisten aus aller Welt. Einer davon ist der marokkanische Publizist und Regierungskritiker Maati Monjib. Von Amnesty International erfuhr er, dass der Geheimdienst "Pegasus" auf sein Telefon gespielt hatte: "Seitdem ich weiß, dass ich ausgespäht werde", so Monjib, "habe ich psychische Probleme. Ich habe mich stark verändert in den letzten fünf Jahren. Meine seelische Verfassung ist eine andere, weil ich so viel Stress spüre. Ich breche leichter in Tränen aus als früher."

"Mehr als eine Verletzung der Privatsphäre. Das ist Gewalt!"

Erstellt wurde die Grafik von dem Londoner Recherche-Kollektiv "Forensic Architecture". Dort sammelt man Daten zu Menschenrechtsverletzungen, in Zusammenarbeit mit Amnesty International. Der Gründer Eyal Weizman beschäftigt sich seit Jahren mit "Pegasus und digitaler Überwachung. Was genau passiert, wenn das eigene Smartphone seinen Besitzer ausspäht?  

"Forensic Architecture"-Gründer Weizman sieht hier nicht nur einen deutlichen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht: "Der gesamte Inhalt des Telefons steht Leuten zur Verfügung, die das Opfer verletzen wollen. Diese Leute wollen nicht nur alles wissen, sie wollen gezielt Schaden anrichten. Ihr Ziel ist es, die abgehörte Person zu belästigen, zu bedrängen und zu beschämen. Das ist mehr als eine Verletzung der Privatsphäre. Das ist Gewalt!"

Ausstellungen in Berlin zeigen Wege digitaler Spurensuche

Eyal Weizman
Eyal Weizman  | Bild: ttt

Überwachung ist auch das Thema der Filmemacherin Laura Poitras. Im Neuen Berliner Kunstverein zeigt sie jetzt Videos über die Arbeit von Eyal Weizman. Datenrecherche hält Einzug ins Museum. Für Weizman ein wichtiges Mittel, um Bewusstsein zu schaffen: "Die visuelle Darstellung investigativer Arbeit ist unglaublich wichtig. Alle unsere Beweise beruhen auf Bildern und Videos. Deshalb brauchen wir Fotografen und Filmemacher bei der Suche nach Wahrheit." Das gilt auch für den Fall von Carmen Aristegui, Mexikos bekanntester Journalistin. Sie dokumentiert staatliche Gewaltexzesse in ihrem Land. In ihr Büro wurde eingebrochen, 2016 wurde ihr Smartphone mit "Pegasus" infiziert, dann das Gerät ihres Sohnes. Dann wurden ihre Kollegen gehackt, einer nach dem anderen. Das Ausstellungsvideo zeichnet die Infektionswege nach.

"Wer überwacht wird, wird niemals alleine überwacht"

Die Ermordung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi durch die saudische Regierung ist sicher der extremste Fall von digitaler Gewalt, die zu physischer Gewalt führt. "Wer überwacht wird, wird niemals alleine überwacht", so Weizman. "Wir zeigen, wie die Spionage-Software sich in Netzwerken von Aktivisten verbreitet. Es geht der Regierung nicht um Individuen. Das Ziel sind immer Netzwerke. Manchmal kann das zu physischer Gewalt führen, wie bei der Ermordung von Jamal Khashoggi. Heute wissen wir, dass eine Menge Personen in seinem Umfeld mit Pegasus überwacht wurden."

Rechercheagentur "Forensic Architecture" sucht nach Wahrheiten

Die Rechercheagentur "Forensic Architecture" sammelt Daten von allen Ländern der Welt über den Missbrauch staatlicher Macht. Auch das ist in einer Berliner Ausstellung zu sehen, im Haus der Kulturen der Welt. Gezeigt wird beispielsweise ein Video zum Thema Polizeigewalt bei den Protesten der Black Lives Matter-Bewegung in den USA. Das Ziel ist immer: Der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen. Weizman erklärt: "Nehmen wir zum Beispiel die Erschießung eines schwarzen Motorradfahrers durch einen weißen Polizisten irgendwo in den USA. Sofort wird der Vorfall von Mobiltelefonen aufgenommen. Hunderte, vielleicht Tausende von Personen schießen Bilder aus unterschiedlichen Perspektiven. Wir sind darauf spezialisiert, diese Tausenden und Abertausenden von Videos, Daten und Spuren des Ereignisses zusammenzubringen. Die wahre Geschichte liegt in der Kombination von allen Einzelaspekten."

Egal ob bei dem unerlaubten Einsatz von Waffen oder von Tränengas-Granaten – "Forensic Architecture" stellt die staatlichen Übergriffe anschaulich dar. Jeder soll sie verstehen können. "Investigative Commons" heißt die Berliner Ausstellung: "Rechercheergebnisse als Allgemeingut".

Die Motivation für Eyal Weizman: Er will, dass "die Menschen Bescheid wissen", will "Gegenrede leisten" und nutzt dafür Medien, Museen, Gerichtssäle oder Aktivismus. Er appelliert: "Wir müssen Überwachung nicht passiv ertragen!"

"Citizenfour"-Regisseurin Laura Poitras startet Gegenangriff

Die Regisseurin Laura Poitras betrieb Gegenspionage: Mit einer Mini-Drohne filmte sie, wie auf der Gefängnisinsel Hart Island illegal Corona-Tote begraben wurden. Von Insassen. Obwohl sie selbst überwacht wird. Sie selbst steht seit 2016 auf der Beobachtungsliste der US-Regierung: "Ich wurde sowohl direkt als auch elektronisch ausgespäht", so Poitras, "das geht wohl weiter bis heute". Laura Poitras, die für ihren Film "Citizenfour" über den Whistleblower Edward Snowdon mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, will sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Genau wie die unzähligen Pegasus-Abhöropfer, wie Eyal Weizman schildert: "All diejenigen, die Ziel einer Pegasus-Attacke wurden und die wir befragt haben –  es waren Dutzende! –, versicherten uns, dass sie nicht aufhören zu arbeiten. Dass sie keine Angst haben und weitermachen, trotz allem." Pegasus ist eine brutale Waffe. Wir müssen wissen, wie Regierungen sie einsetzt. Ob sie gestoppt werden kann, steht auf einem anderen Blatt.

Autorin: Hilka Sinning

Laura Poitras "Circles", Neuer Berliner Kunstverein, bis 8. August
"Investigative Commons", Haus der Kulturen der Welt, bis 8. August

Stand: 26.07.2021 11:13 Uhr

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