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Der "Tatort des Ostens" – "Polizeiruf 110" feiert 50. Jubiläum

PlayPolizeiruf-Kommissare der ersten Stunde
"Polizeiruf 110" feiert 50. Jubiläum | Video verfügbar bis 30.05.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie schlau sie es auch anstellten, im "Polizeiruf 110" ist bisher noch kein Täter entwischt. Als Gegenentwurf zum auch im Osten sehr beliebten "Tatort" schickt das DDR-Fernsehen im Juni 1971 ein gut gerüstetes Polizeikollektiv auf Verbrecherjagd. Eigentlich braucht ein Staat, der sich als Zukunftsmodell versteht, keine Bühne für Übeltäter. Aber ohne sie ist auch in der DDR kein Krimi zu machen. Schauspieler Henry Hübchen beschreibt den Spagat:

"Die großen Verbrecher gab es natürlich nicht, die Serienmörder, von Angst und Hysterie sollte in der DDR nicht erzählt werden. Es waren wirklich Kleindelikte, Flaschenpfand-Delikte, sag ich jetzt mal so, Betrügereien."

389 Fälle, 120 Ermittler und ein feiner Unterschied

Jackie Schwarz war Kriminalhauptkommissar Schmücke
Jackie Schwarz war Kriminalhauptkommissar Schmücke | Bild: ttt

50 Jahre später gibt es den "Polizeiruf 110" immer noch. Vorläufige Bilanz: 389 Fälle, 120 Ermittler und ein kleiner, aber feiner Unterschied zum "Tatort".

Nicht ganz so wild und Action-betont seien die Filme gewesen, sagt Schauspieler Jackie Schwarz. Und seine Ermittler-Kollegin Claudia Michelsen sieht darin auch einen Vorteil: "Diese verschiedenen Erzählweisen, die sich der 'Polizeiruf' erlaubt oder erlauben kann, das ist wirklich toll."

"Es waren eigentlich Gesellschaftsdramen"

In der DDR entsprach die Physiognomie von Henry Hübchen anscheinend den gängigen Vorstellungen vom Bösewicht: Typ Jugendlicher, der, statt das Leben zu meistern, auf die schiefe Bahn gerät. Ein Irrläufer der Gesellschaft, allerdings mit beschränkten Fluchtmöglichkeiten: "Es waren ja keine richtigen Krimis. Es waren eigentlich Gesellschaftsdramen. Und nach meiner Erinnerung war es so, dass die Regisseure gerne 'Polizeirufe' gemacht haben, weil sie über dieses Format den Alltag erzählen konnten."

Vom Alltag in der DDR erzählen können

Henry Hübchen wechselte 1994 die Seiten: Fünf Mal spielte er den Ermittler Tobias Törner und bekam den Grimme-Preis.
Henry Hübchen wechselte 1994 die Seiten: Fünf Mal spielte er den Ermittler Tobias Törner und bekam den Grimme-Preis. | Bild: ttt

Als Abbild einer Gesellschaft. Mit beklemmenden Studien über menschliche Ansprüche und Abstürze. Alkohol, die Volksdroge Nr. 1, ist in der DDR die häufigste Ursache für Strafdelikte. In den 1980er-Jahren sitzen die Täter nicht mehr am Rande der Gesellschaft, sondern mittendrin. Daran orientierten sich auch die Rollenbilder, wie Hübchen beschreibt: "Also die Figur wurde schon auserzählt: 'Wo kommt sie her? Was ist ihre Geschichte? Was hat sie für ein soziales Umfeld?'  Das war immer wichtig, weniger die Frage: 'Wer ist der Mörder und wann haben wir den Verbrecher mit den langen Zähnen?'"

Seit 1994 im Ersten

Nach der Wende, 1994, schafft der "Polizeiruf" den Sprung ins Erste Deutsche Fernsehen und läuft im Wechsel mit dem "Tatort". Nun wird auch hier bundesweit ermittelt. Und die Rollen sind gesamtdeutsch besetzt. Das bedeutet einen "Karrieresprung" auch für Henry Hübchen: vom Kleinganoven des Ostens zum Serienkiller im bergischen Land. 2003 erhält Hübchen das unwiderstehliches Angebot: Er soll die Seite wechseln. Vom Kriminellen zum Kommissar. Fünf Mal spielt er Tobias Törner und bekommt den Grimme-Preis.

Zeigen, wie das Leben spielt: Fälle und Schicksale

Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau ermitteln in Rostock und sind Kult.
Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau ermitteln in Rostock und sind Kult. | Bild: ttt

Seit 2010 kommt der "Polizeiruf 110" auch aus Rostock. Katrin König und Sascha Buckow, die Ermittler hier, sind inzwischen Kult. Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner wissen auch, woran das liegt: "Es war uns von Anfang an klar, wir wollen nicht einfach nur Polizei spielen, sondern es muss eine Relevanz haben, eine politische, gesellschaftliche, soziale", sagt Sarnau. "Und es muss mit Rostock zu tun haben, Rostock ist ja nicht Köln oder München", ergänzt Hübner. "Es darf nicht eine Schablone sein, die woanders auch so passen würde", betont Sarnau.

Zeigen, wie das Leben spielt. Wenn das gelingt, wird aus einem Fall ein Schicksal und aus dem Polizei-sucht-Täter-Spiel große Schauspielkunst.

Neues Team in Halle: Peter Kurth und Peter Schneider

Halle an der Saale – hier arbeitet seit heute ein neues Team, mit ganz eigenem Charme: Peter Schneider und Peter Kurth – als Michael Lehmann und Henry Koitzsch. Fälle gibt es genug. Schicksale auch.

Autor: Lutz Pehnert

Stand: 31.05.2021 12:59 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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