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Leipzig setzt mit Popup-Buchmesse ein Zeichen

Nach der Absage organisierten Buch-Enthusiasten ein alternatives Angebot

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Der Absage zum Trotz - Leipzig setzt mit Pop-up-Buchmesse ein Zeichen | Video verfügbar bis 20.03.2023 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Ende war es doch nur ein Traum. Ein Traum von Besucherströmen in gläsernen Hallen, von Büchern und Menschen, die sie lieben. Von Begegnungen und Gesprächen mit Gästen aus aller Welt. Das Erwachen kam völlig überraschend, die Hallen blieben leer.

"Lesen? Schön und gut"

Immerhin: Leipzig liest, trotzdem. Trotz Absage der Buchmesse, trotz Pandemie. Und trotz anderer, größerer Sorgen, wie Judith Hermann im Literaturhaus Leipzig vor der Lesung von Gregor Sander erklärt: "Jetzt ist ein Jahr um, es ist immer noch Corona, und die Welt ist ein ganzes Stück dunkler geworden. Ich bin froh, dass wir hier so zusammensitzen können."

Sander, der nach der Absage in einer Petition mit anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern gefordert hatte: "Macht die Buchmesse auf! Wir wollen lesen!", liest nun in Leipzig aus seinem neuen Buch "Lenin auf Schalke". Und das ist schön und gut, wie er findet, aber:

"In Leipzig soll nicht nur gelesen werden, in Leipzig soll eine Buchmesse stattfinden, das ist das, was mir total wichtig ist. Das ist das kulturelle Event in ganz Ostdeutschland. Das ist extrem wichtig für die Menschen hier, dass die Messe stattfindet. Und ich finde auch für Gesamtdeutschland."

Nicht nur Gregor Sander, viele befürchten, dass diese dritte Absage in Folge das Ende der Messe bedeuten könnte.

Staatsministerin Roth: "Es kann nicht sein, dass die Leipziger Buchmesse einschläft"

Verwaiste Glashalle auf der Neuen Messe
Verwaiste Glashalle auf der Neuen Messe | Bild: ttt

Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur will es soweit nicht kommen lassen: "Es kann nicht sein, dass die Leipziger Buchmesse einschläft, das wäre wirklich verheerend. Und ich kann Ihnen sagen, ich werde alles dafür tun, dass diese Messe aufrecht erhalten bleibt, dass sie wieder Schwung bekommt. Wir brauchen nicht nur Frankfurt, sondern wir brauchen auch Leipzig!“

Es soll Gespräche geben mit den großen Verlagen, irgendwann. Aber was ist jetzt? Ist Frühling in Leipzig ohne die Buchmesse wirklich Frühling?

Zeit für eine Analyse: "Wer wollen wir sein? "

Die von den Verlegern Leif Greinus und Gunnar Cynybulk spontan organisierte Popup-Messe in einem alternativen Kulturzentrum, dem Werk 2 im Leipziger Süden, ist natürlich kein Ersatz für das große Event in den Messehallen. Ein starkes Zeichen setzt sie mit rund sechzig Ausstellern allemal. Die beiden Popup-Macher glauben nicht, dass Corona für die Großverlage nur ein Vorwand war, ihren Auftritt bei der Buchmesse 2022 abzusagen.

Verleger Greinus sieht "kein Ost gegen West, groß gegen klein"
Verleger Greinus sieht "kein Ost gegen West, groß gegen klein" | Bild: ttt

Leif Greinus vom Voland & Quist Verlag erklärt: "Es gab auch kleinere und unabhängige Verlage, die nicht auf die Messe kommen wollten. Und bei den großen Verlagen, den Konzernverlagen, sind es drei von drei, die abgesagt haben, also hundert Prozent. Deswegen entsteht der Eindruck: Ost gegen West, groß gegen klein. Aber das ist zu kurz gegriffen und wird der Komplexität der Lage nicht gerecht.“

Sein Kollege Gunnar Cynybulk vom Aufbau Verlag findet: "Ich glaube, dass die Geschichte dieser Messe-Absage nochmal erzählt und geschrieben werden muss und dann muss alles, was jetzt vielleicht auch so ein bisschen plakativ und konfrontativ gesagt wurde, überprüft und vor allem geschaut werden: Was brauchen wir, was brauchen wir als Branche? Was wollen wir? Wer wollen wir sein? Und was ist eigentlich unser Kulturgut Buch? Und wie stützen wir das?"

Messen: Mehr als ein Kostenfaktor

Beim Buchmesse-Popup in Leipzig
Beim Buchmesse-Popup in Leipzig | Bild: ttt

Klar ist, dass Buchmessen ein Kostenfaktor sind für die Verlage. Klar ist auch, dass die großen Verlage wirtschaftlich sehr gut durch die Coronakrise gekommen sind, auch ohne die teuren Messen. Also: Wäre es nicht naheliegend, künftig einfach darauf zu verzichten? Tom Kraushaar vom Klett-Cotta-Verlag entgegnet: "Am Ende sind die Buchmessen konstitutive Kernelemente für den Zusammenhalt von Kultur und Wirtschaft. Und darüber müssen wir uns im Klaren sein. Dann ist es leichter zu sagen: 'Ja, okay, dafür lohnt es sich auch, zweimal im Jahr Geld und Aufwand zu investieren, weil es um mehr geht, als nur darum, mal ein paar Tage Bücher zu präsentieren."

Leipzig als Ort für die Literaturen Osteuropas als stärktes Argument

Tanja Maljartschuk im ttt-Interview
Tanja Maljartschuk im ttt-Interview | Bild: ttt

Dass es im kommenden Jahr wieder eine große Messe in Leipzig geben wird, davon sind zumindest die Österreicher fest überzeugt. Österreich ist Gastland der Buchmesse 2023 und lieferte 2022 schon mal einen Vorgeschmack auf das, was kommen soll: skurril, prominent, lässig an einem Abend unter dem Motto: "meaoiswiamia". Bis zu dem Moment, in dem die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk auf die Bühne kommt, die sagt:

"Ich hab' so Angst, Ihnen den wunderschönen Abend zu verderben. Mit diesem, meinem Krieg."

Maljartschuk lebt seit 2011 in Wien, sie schreibt auf Deutsch. 2018 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sie ist Wienerin, Ukrainerin, Europäerin. Im Gespräch mit "ttt" erklärt sie: "Natürlich können Schriftsteller jetzt nicht viel sagen, sie sind keine Militärexperten, keine Analytiker in dem Sinne. Aber Schriftsteller können der Öffentlichkeit, ihrer Öffentlichkeit helfen, diese Situation ein bisschen zu verdauen. Ich habe vor kurzem irgendwo einen Satz gelesen: 'Jede Erfahrung ist beschreibbar.' Ich bezweifle das natürlich, wenn ich die schrecklichsten Geschichten aus der Ukraine höre. Es ist so schwierig, hier zu beschreiben, natürlich. Aber vielleicht können die Schriftsteller einen Weg finden."

Leipzig war schon immer der Ort, an dem die Literaturen Osteuropas einen besonderen Stellenwert haben. Wie wichtig die Auseinandersetzung mit diesen Autorinnen und Autoren ist, das erleben wir gerade alle.

Die Nähe zum Osten – sie ist vielleicht sogar das stärkste Argument für diese Messe.

Autorin: Petra Böhm

Stand: 22.03.2022 18:18 Uhr

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