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SOS Amazonas: Der Fotograf Araquém Alcântara

PlayBrand im Amazonas
SOS Amazonas | Video verfügbar bis 08.12.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir begleiten den brasilianischen Fotografen Araquém Alcântara bei einer Expedition ins Pantanal – in eines der größten Feuchtgebiete der Erde an der Grenze zu Amazonien. Alcântara ist der bekannteste Naturfotograf Brasiliens und hat dort den Ruf eines Kämpfers: Für den Erhalt des Ökosystems Amazonien mit all seinen Bewohnern. Der Regenwald, sagt er, sei seine "kreative Matrix".

Massaker am Wald: Eine Fläche so groß wie Bayern jedes Jahr

Araquém Alcântaras Aufnahme eines Ameisenbärs als Sinnbild unserer Verbrechen gegen die Natur
Mit verbranntem Fell und blind: Araquém Alcântaras Aufnahme eines Ameisenbärs | Bild: Araquém Alcântara

Seine Fotos aus diesem Jahr sehen so aus: Der Regenwald brennt. 30.000 Quadratkilometer, 4,2 Millionen Fußballfelder, werden zu Asche allein im August. Alcântara zeigt Amazonien zwischen Schönheit und Zerstörung. Er sagt: "Ich suche nach Schönheit, nach dem, was ich meine poetische Landschaft nenne. Es gibt aber auch eine politische Landschaft. Ich sehe meine Fotos als politischen Akt.

"Verbrechen gegen die Menschheit" nennt er das Massaker am Wald. Sieben Millionen Hektar werden jedes Jahr vernichtet, was etwa der Fläche von Bayern entspricht.

Raubbau jetzt auch offiziell OK: "Sogar gut für diese Indios"

In diesem Jahr geriet die Brandrodung, sonst business as usual, außer Kontrolle. Das lag am immer heißeren Wetter. Und daran, dass illegaler Raubbau in Brasilien jetzt ganz offiziell OK ist. Der Wald soll weg: Für Cashcrops wie Soja und Weiden für Rinder. Amazonien ist zum Spielball der Agrarkonzerne geworden, zum El Dorado der Goldschürfer.

Präsident Jaír Bolsonaro, zweiter Vorname: Messias, sieht im Regenwald vor allem dessen wirtschaftliches Potenzial: "Wir werden unser Amazonasgebiet ausbeuten. Das ist sogar gut für diese Indios, die dort leben – sie wollen nicht mehr wie prähistorische Wesen behandelt werden."

"Dieser Präsident ist ein großes Unglück"

Araquém Alcântara im Pantanal
Araquém Alcântara im Pantanal | Bild: ttt

Ein zynischer Satz und für einen wie Araquém Alcântara die ultimative Kampfansage an Mensch und Natur: "Dieser Präsident ist ein großes Unglück. Das Einzige, was wir tun können, ist, auf bestehende Umweltschutzgesetze zu pochen und dafür zu kämpfen, dass vorhandene Schutzgebiete erhalten werden."

Selbst in ihren Schutzgebieten sind die Indigenen inzwischen durch Holzfäller, Goldsucher und Banditen bedroht. Deshalb protestieren die selbsternannten "Wächter des Waldes"  in Brasilia, fordern von Bolsonaro Respekt für ihre Kultur, ihr Zuhause: Amazonien.

Wieder mal Klimagipfel: Landraub als Side-Event

Madrid diese Woche. Man trifft sich mal wieder zu einem Gipfel, dem UN-Klimagipfel und redet – nicht endgültig auszuschließen, dass mal Taten folgen.

"Zeit zu handeln" – gerade für  Amazonien. Die brasilianische Greenpeace-Aktivistin Fabiana Alves hat schlechte Nachrichten: "Die Umweltpolitik in Brasilien ist im Moment paralysiert. Für den Umweltschutz geschieht nichts. Deshalb ist die Zahl der Brände – und jeder einzelne ist ein Verbrechen an der Umwelt –  massiv gestiegen, um 30 Prozent zwischen Juli 2018 und Juli 2019. Ein historischer Höchststand."

Ein so genanntes Side-Event in Madrid ist der Katastrophe gewidmet: Dem illegalen Landraub, der Gewalt gegen die Indigenen, der Vernichtung des Waldes aus Profitinteressen.

Kurz vor dem Kipp-Punkt

Einzigartige Natur
Einzigartige Natur | Bild: Araquém Alcântara

Alves kommentiert: "Klimaforscher sind sich einig, dass die Abholzung für den Regenwald bald zur Schicksalsfrage wird. Bei 20 Prozent Verlust, dem so genannten Kipp-Punkt, kann der Wald sich nicht mehr selbst regenerieren, weil er nicht mehr genug Feuchtigkeit produziert. Und das heißt, er wird verschwinden – unter unseren Augen." Derweil irrlichtert Bolsonaro, die Umweltschützer selbst fackelten den Regenwald ab und Hollywoodstar Leonardo DiCaprio gebe ihnen das Geld dafür.

Ölpest, Dammbruch, Flutung für Mega-Staudamm

Bolso, wie sie ihn nennen, fliegt sein Brasilien gerade um die Ohren. Anfang November verseuchte eine Ölpest 2.000 Kilometer Traumstrände. Verursacher: unbekannt. Im Januar 2019 hatte sich ein verheerender Dammbruch ereignet, fahrlässig verursacht durch den Bergbaukonzern Vale. 248 Menschen wurden dabei getötet, eine nachhaltig zerstörte Landschaft hinterlassen. Der Mega-Staudamm bei Belo Monte setzt riesige Waldflächen unter Wasser:  Symbol schlechthin für die rücksichtslose Ausbeutung Amazoniens.

"Ich kämpfe!"

Schon 2005 macht Araquém Alcântara ein Foto, das er jetzt wiederveröffentlicht hat. Es zeigt einen Ameisenbären, für ihn symbolisiert dieses "verängstigte Tierchen" das Grauen der Waldbrände und der Abholzung: "Er ist davongekommen – mit verbranntem Fell und blind."

Alcântara versteht seine Fotos als Appell
Alcântara versteht seine Fotos als Appell | Bild: Araquém Alcântara

Auch 2019 verbirgt der Rauch der Feuer die Sonne. In der Luft hängt der Geruch verkohlter Bäume, verbrannter Erde, toter Tiere. Beim Fotografieren brennen Araquém Alcântara die Augen, dennoch macht er sich dabei so seine Gedanken. Wenn schon ein Bolsonaro kein Gewissen hat: Warum sind die Brasilianer, warum sind wir alle so fatal in diesem Endspiel am Amazonas?

"Ich kämpfe für den Erhalt des Lebens. Mein Traum ist, dass zukünftige Generationen das gleiche Privileg haben wie ich, diese Schönheiten zu erleben. Gleichzeitig muss ich zusehen, wie Brasilien sich in eine Steppe verwandelt."

Autoren: Matthias Ebert, Andreas Lueg

Stand: 09.12.2019 12:03 Uhr

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