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Studie: Was Flüchtende zu Protokoll geben

Psychologen des Max-Planck-Instituts arbeiten an Trauma-Report

PlayFlüchtlingsmädchen vor Feuersbrunst
Wie viel kann ein junger Mensch ertragen? | Video verfügbar bis 12.10.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fotos von Narben, vermessen bei jungen Flüchtlingen, meist waren sie  noch Teenager, als ihnen das hier passierte: Schuss- und Stichwunden, Spuren der Folter, Elektroschocks.

"Manchmal denke ich, ich kann nicht mehr leben!"

Max-Planck-Studie über Fluchtfolgen
Martin Begemann vom Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin | Bild: ttt

Psychiater Martin Begemann vom Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin interessieren aber nicht nur körperliche Narben – denn die sind bereits verheilt. Ihm geht es um die Narben der Seele. Was haben diese Menschen vor und auf der Flucht erlebt? Und was machen traumatische Erlebnisse mit ihrem Leben?

Mit 133 Flüchtlingen zwischen 16 und 25 Jahren, führte er (Tiefen-)Interviews; akribisch protokolliert, einige davon auf Video festgehalten, eins führte er mit einem jungen Afghanen: Er ist 20 Jahre alt und als Kind allein vor den Taliban geflüchtet. Er versucht, das Unfassbare in deutsche Worte zu fassen: "Ich habe meinen Vater gesehen ohne Kopf. Meine Mutter hat gesehen, wie ihn die Taliban getötet haben. Ich war noch ein Kind, ich war sechs Jahre alt. Manchmal denke ich, ich kann nicht mehr leben!"

Das Bild bleibt unauslöschlich und wird sein Trauma, wie Martin Begemenann in einem Gespräch mit dem jungen Mann erfährt: "Als er mir seine Geschichte erzählte, da brach er in Tränen aus. Er sagte mir auch, dass er nachts immer von einem bösen Geist besucht werde, von etwas, das ihn bedroht und ihm den Schlaf raube. Das heißt, dass er und andere Personen, die ähnliches erfahren haben, durch eine erhebliche Menge von Umweltfaktoren gleichzeitig belastet sind, dass sie Schäden mitbringen, die zum Teil unerkannt sind."

Besonders junge Gehirne anfällig für psychische Störungen

Max-Planck-Studie über Fluchtfolgen
Interviews mit 133 Flüchtlingen zwischen 16 und 25 Jahren geführt | Bild: ttt

Dem Krieg und Terror in Syrien, Afghanistan oder Irak sind sie entkommen. Doch dann folgt die Flucht. Monate- oft jahrelange Torturen: Vergewaltigung, Versklavung, Folter durch libysche Milizen. Und sie erleben hautnah, wie andere getötet werden. Man weiß: Jugendliche reagieren extrem verletzlich auf Traumata, weil ihr Gehirn noch im Umbau ist. Und: Wer viele unterschiedliche Traumata akkumuliert, droht später psychisch krank zu werden.

Was man nicht weiß: Wie viele junge Flüchtlinge tragen eine hohe Risikolast? Genau das untersuchen Begemann und Team im Rahmen einer Studie des Göttinger Max-Planck-Instituts. Über zwei Jahre befragten sie dazu die häufig allein geflüchteten Minderjährigen – auf die Abgründe waren sie kaum gefasst.

So erinnerte sich ein junger Nigerianer, dessen Familie durch Ebola und Bürgerkrieg ausgelöscht wurde an seine Gefangennahme durch libysche Milizen auf der Flucht. Er wurde gefoltert und versklavt, lebte in ständiger Bedrohung: Er gab zu Protokoll: "Meinen Bruder erschossen sie vor meinen Augen mit sechs Schüssen. Sie zwangen mich, Waffen zu stehlen. Wenn du nicht bereit bist zu töten, töten sie dich. Frauen machen sie zu Prostituierten und pumpen sie mit Drogen voll – damit sie skrupellos töten."

"Auch diese jungen Menschen haben Ressourcen"

Die Göttinger Forscher fanden heraus: Rund 40 Prozent der jungen Flüchtlinge sind anfällig für psychische Erkrankungen. Der junge Afghane war eigentlich auf dem besten Weg, ein neues Leben in Bayern zu beginnen, wie Begemann berichtet. Aber dann seien die Flashbacks gekommen: "In Deutschland war er Altenpflegehelfer, er war sehr beliebt auf seiner Station. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem, wie das nun mal in Altenheimen geschieht, ein älterer Herr verstarb. Das aktivierte seine furchtbaren Erinnerungen an den Tod seines Vaters. Daraufhin musste er seine Tätigkeit abbrechen."

Feuer im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos
Feuer im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos, 9. September 2020 | Bild: dpa

Vieles kann aus dem Ruder laufen. Das zeigen auch die Flammen des Flüchtlingslagers Moria. Der Mix aus Frust, unbewältigtem Leid und Ohnmachtsgefühlen ist dort in geballter Form vorhanden, wie Begemann formuliert. Man müsse die jungen Menschen aus ihrer Hilflosigkeit befreien, ihnen helfen, mit ihren seelischen Erschütterungen umzugehen. Wichtig sei, sie erst einmal zu entdecken – also etwas zu tun.

Begemann kann den Einwand verstehen, dass mit der Anhäufung von seelischen Belastungen bei jungen Geflüchteten durchaus eine Gefahr für öffentliche Sicherheit gegeben sei. "Dem sollten wir mit einem therapeutischen und pädagogischen Angebot von Anfang an begegnen", erklärt der Wissenschaftler, denn: "Auch diese jungen Menschen haben Ressourcen." Man müsse sie von Anfang an stärken: auch durch Arbeit, sinnstiftende Tätigkeiten, Einbindung.

"Zuhören und Hilfe leisten"

Der Psychiater ist Realist, er will nichts beschönigen. Aber er will die Ergebnisse der Studie richtig verstanden wissen:

Max-Planck-Studie über Fluchtfolgen
Katalog der Grausamkeiten | Bild: ttt

Alle Flüchtlinge, die kommen, sollen gut aufgenommen werden – auch die mit verletzter Seele. Er ist besorgt, dass die Studie falsch interpretiert werde: "Wir möchten eine Warnung an die Entscheider in Regierungen, in öffentlichen Einrichtungen geben. Eine Warnung, dass wir diese Probleme nicht aufschieben dürfen und uns jetzt proaktiv um Integration kümmern müssen."

Junge Migranten könnten eine große Chance für die Gesellschaft sein, "wenn man mit ihnen auch zuhört und denjenigen, die es brauchen, Hilfe leistet".

Die Therapieerfolge geben ihm Recht: Dem jungen Mann aus Afghanistan konnte er zu einer Behandlung verhelfen. Jetzt hat der "Neu-Bayer" wieder eine Zukunft: "Er macht jetzt eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Er besucht gerade die Berufsschule. Ich finde das ganz toll, dass er den Weg bis dahin geschafft hat", sagt Begemann.

Autorin: Brigitte Kleine

Literaturhinweis
Martin Begemann, Jan Seidel, Luise Poustka, and Hannelore Ehrenreich
Accumulated environmental risk in young refugees
A prospective evaluation
EClinicalMedicine published by The Lancet; 30 April, 2020

Stand: 13.10.2020 09:29 Uhr

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