SENDETERMIN So., 12.06.22 | 23:35 Uhr | Das Erste

Das Russlandbild der Nachkriegskinder

Ansichten aus ostdeutscher Perspektive

PlayEine Skulptur von einem Mann und einem Kind
Verändert der Ukrainekrieg das Russland-Bild im Osten? | Video verfügbar bis 13.06.2023 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was sagen uns die allenthalben erinnernden Mahnmale über den Lauf unserer Geschichte und die gerade diagnostizierte Zeitenwende? Was sagt uns dieses weltberühmte Gedicht des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko: "Meinst du die Russen wollen Krieg?", veröffentlicht 1961, als durch die Kuba-Krise die Gefahr eines Atomkrieges die Welt in Atem hielt.

Nie wieder Krieg!?

Publizist Christoph Dieckmann
Publizist Christoph Dieckmann | Bild: ttt

Das redliche Vermächtnis der Nachkriegszeit – "Nie wieder Krieg" – ein in Trümmern liegender Generationsglaube? Dazu sagt der 1956 im brandenburgischen Rathenow geborene Publizist Christoph Dieckmann: "Die Gefahr ist immer groß, wenn sich Generationen ablösen und die Geschichte absinkt in die Vorgeschichte, dass also die Geschichte des sowjetischen Martyriums mit absinkt in die Vorgeschichte, dass man sagt: 'Das war einmal, das gilt nicht mehr. Guck dir an, wie die Russen sind, die haben ihr Recht auf Gedächtnis verwirkt.' Das ist die große Gefahr. Ich sage aber, Gut und Böse wandern, jene Menschen sind nicht die heutigen Menschen, jene sind Opfer und gestorben, jene sind Täter und überfallen die Ukraine."

Sowjetsche Opfergeschichte pervertiert zu aggressiver Nationalreligion

Nun ist der Krieg zurück und die Angst. Putins Einmarsch in die Ukraine und das grausame Wüten der Enkel jener Rotarmisten, die sich einst gegen Deutschlands Vernichtungskrieg im Osten gewehrt hatten, verstören und widerrufen historische Erfahrung. "Was ruiniert wird, und das durch Putin selber, nämlich das Zentralheiligtum der Sowjetgeschichte, der entsetzlich errungene Sieg, das ist eine Allunionstragödie gewesen, eine Opfergeschichte, und die umzumünzen zur patriotischen aggressiven Nationalreligion, das ist eine Pervertierung."

Dieckmann: Ehrenmale erinnern an eine "Allunionstragödie"

Das Ehrenmal im Treptower Park erinnert an die 27 Millionen Toten auf Seiten der Sowjetunion.
Das Ehrenmal im Treptower Park erinnert an die 27 Millionen Toten auf Seiten der Sowjetunion. | Bild: ttt

Der Zeit-Journalist und Autor Christoph Dieckmann wuchs mit der Erzählung und den Fakten von den Millionen sowjetischen Opfern auf. 3.500 sowjetische Soldatenfriedhöfe gibt es in Deutschland. Fast alle liegen im Osten. Der wohl bekannteste in Berlin-Treptow: "Dieser Ort zeigt mir, wo ich als ostdeutsches Nachkriegskind herkomme und wem ich es zu verdanken habe, dass ich nicht in Hitlers Großreich aufwachsen musste. Wenn ich jetzt hierher komme, ist die entsetzliche Gegenwart in der Ukraine ständig vor meinen Augen. Aber dieses sowjetische Ehrenmahl ist kein nur russisches, sondern auch ein ukrainisches und ein kirgisisches und ein kasachisches, ein georgisches und ein aserbaidschanisches."

Die Befreiung vom Hitlerfaschismus als moralischer Kern und Erbe der Sowjetgeschichte – das prägte die Identität vieler Generationen und nützte der politischen Legitimation in Ostdeutschland. Die historische Lehre vom grausamen Raub- und Rassenkrieg der Wehrmacht im Osten, sollte in der DDR mit Macht auch in der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, einer Massenorganisation mit Millionen Mitgliedern, gezogen werden.

Was heißt eigentlich "Russland verstehen"?

Die Jahreszahlen markieren den Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion und das Kriegsende.
Die Jahreszahlen markieren den Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion und das Kriegsende. | Bild: ttt

Später bedeutete "Russland verstehen" dann den vom Zwang befreiten Gedanken an ein "gemeinsames Haus Europa"; eingefordert durch sogenannte Russland-Versteher. Ein Begriff, den Dieckmann hasst, weil er immer abwertend gebraucht worden sei: "Menschen, die versucht haben, sich einzufühlen, die sich bemüht haben, diese Sisyphusarbeit der Ost-West Verständigung zu leisten, die wurden runtergemacht und verspottet. Dass man ein vollkommen anderes Verhältnis zur Sowjetunion und vielleicht zu Russland entwickelt, wenn man zum Beispiel mit der russischen Sprache in der Schule aufwächst, mit sowjetischen Filmen, mit russischer Literatur, das ist doch ganz klar."

"Linie des Fortschritts krümmt sich zum Kreis der Gewalt"

Mit welchen Gefühlen treten wir heute vor die Ehrenmäler, deren Verschwinden immer mal wieder gefordert wird? Erzählen sie von der Vergeblichkeit, sich von Krieg und wiederkehrenden Tyrannen unwiderruflich zu befreien? Oder sind es Orte der Mahnung, dass Unrecht und Gewalt sich nicht durchsetzen dürfen?

Kerze am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park
Kerze am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park | Bild: ttt

Christoph Dieckmann steht heute in neuer Erschütterung davor: "Man dachte mit der entsetzlichen Katastrophe des zweiten Weltkriegs sei der Krieg geächtet und gebannt. Man dachte, seitdem gäbe es zumindest in Europa eine Fortschrittsgeschichte, eine Linearität. Mit dem, was jetzt geschieht, hat man das Gefühl, diese Linie krümmt sich wieder zum Kreis des immer Gleichen, von Gewalt, mühsamer Befriedung. Eine Generation erlebt die Zerstörung, wird traumatisiert, die nächste versucht es aufzuarbeiten. Und diese Aussicht ist mir ganz entsetzlich."   

Autoren: Caterina Woj, Jens-Uwe Korsowsky

Stand: 14.06.2022 12:34 Uhr

2 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@ard.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 12.06.22 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste