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Salo Mullers Kampf um Entschädigung für Deportationsopfer

Vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

PlaySalo Muller betrachtet eine Inschrift an einer grauen Mauer.
Salo Muller und der Schatten von Auschwitz | Video verfügbar bis 25.01.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alte Aufnahmen zeigen ihn in Aktion bei einem Fußballspiel des holländischen Spitzenclubs Ajax Amsterdam. Nach einem Foul gegen Vereins-Star Johan Cruyff eilt Physiotherapeut Salo Muller hinzu und macht seinen Job.

Zu dieser Zeit weiß niemand, dass dieser Mann ein düsteres Schicksal mit sich herumträgt, dass er seit Kindestagen einen ständigen Begleiter hat: den Schatten von Auschwitz. Salo Muller selbst hat versucht zu vergessen, was war. Er hat 50 Jahre geschwiegen.

"Bis heut’ Abend – und sei schön brav!"

1936 wird Salo Muller in Amsterdam geboren. Seine jüdischen Eltern arbeiten in einer Textilfabrik. An seine frühe Kindheit hat Salo Muller schöne Erinnerungen: "Ich war ein Einzelkind und soweit ich mich erinnern kann, wurde ich verwöhnt. Ich hatte schöne Geburtstagsfeiern, bei uns war immer viel Besuch: Oma, Opa, Tanten, Onkel – ich fand es schön zu Hause."

Die Jahre nach dem Einmarsch der Nazis verbindet Salo Muller vor allem mit einem Ereignis: Am 27. November 1942 bringt ihn seine Mutter morgens noch in die Schule. Sie verabschiedet sich mit dem Satz: "Bis heut’ Abend – und sei schön brav!".

Es waren die letzten Worte, die sie zu ihm sagen konnte. Am Abend wird der Sechsjährige von den Deutschen aus der Wohnung seiner Tante gezerrt: "Ich wurde am Arm gepackt und nach unten auf die Straße mitgenommen, dort stand ein LKW und ich wurde einfach auf die Ladefläche geworfen zwischen die Menschen, die schon dort waren."

Eltern nach Auschwitz deportiert

Das Jüdische Theaer Hollandsche Schouwburg
Das Jüdische Theaer Hollandsche Schouwburg | Bild: ttt

Seine Eltern hat man auf der Arbeit verhaftet und in das jüdische Theater "Hollandsche Schouwburg" in Amsterdam gebracht, als Sammlungsort der zur Deportation bestimmten Juden. Dort landet auch Salo Muller. Die Stuhlreihen sind ausgebaut, wie er sich erinnert, ist der Saal voller Menschen. Oben auf der Bühne entdeckt er plötzlich seine Eltern.

"Ich rannte auf sie zu und wollte nach der Hand meiner Mutter fassen, aber da kam ein deutscher Soldat und hat mich weggerissen, er brachte mich hinaus. Ich habe geweint, gerufen, geschrien. Ich hatte meine Eltern ja gesehen, ich wollte zu meiner Mutter und meinem Vater."

Einsames Überleben im Versteck: Den eigenen Namen vergessen

In der KZ-Gedenkstätte Westerbork
In der KZ-Gedenkstätte Westerbork | Bild: dpa

Noch am selben Tag werden seine Eltern ins Durchgangslager Westerbork deportiert, wenige Wochen später nach Auschwitz. Dort werden sie Anfang 1943 ermordet.

Salo Muller wird von holländischen Widerstandskämpfern versteckt. Drei Jahre lang. Er schläft in Hühnerställen, auf Dachböden, in Scheunen. "Niemand hat mich in diesen Jahren zu Bett gebracht. Es gab niemals einen Gute Nacht-Kuss, keiner hat mich in den Arm genommen. Ich durfte nicht mit anderen Kindern spielen, nicht mal mit ihrem Spielzeug. Es war eine schreckliche Zeit für mich."

Als der Krieg zu Ende ist, suchen die wenigen überlebenden Juden in Holland nach ihren Angehörigen. Salo Mullers Tante, die als Jüdin ebenfalls untertauchen musste, macht den inzwischen 9-jährigen Jungen ausfindig. Aber Salo Muller ist ein anderer: Er hat Asthma, er stottert, hat Angststörungen und spricht kein Holländisch mehr. Salo Muller hat vergessen, wie er heißt.

"Wir Juden mussten unsere Vernichtung auch noch selbst bezahlen"

Vier Reichspfennig pro Person und Kilometer
Vier Reichspfennig pro Person und Kilometer  | Bild: ttt

Die Juden mussten ihren Transport in den Viehwaggons der Deutschen Reichsbahn selbst bezahlen: Vier Reichspfennig pro Person und Kilometer die Erwachsenen, Kinder die Hälfte.

Die Reichsbahn der DDR, die Bundesbahn und die heutige Deutsche Bahn AG wurden gegründet auf dem Vermögen dieser Deutschen Reichsbahn.

Hat die DB AG heute eine juristische oder zumindest historisch-moralische Verantwortung für die Transporte in die Vernichtungslager? Salo Muller ist davon überzeugt: "Das Geld für die Deportationen haben die Deutschen den Juden abgenommen. Wir Juden mussten also unsere eigene Vernichtung auch noch selbst bezahlen."

Stellvertretend für alle Opfer: Klage gegen die Deutsche Bahn

Anwalt Axel Hagedorn
Anwalt Axel Hagedorn | Bild: ttt

Bis heute haben die Bundesrepublik und ihre Bahn für die Transporte in die Vernichtungslager nicht einen Cent an die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer gezahlt.

Axel Hagedorn ist Rechtsanwalt und erfahren in internationaler Prozessführung – er schrieb an Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Bahnchef Richard Lutz. Er schilderte die Geschichte seines Mandanten und mahnte die deutsche Seite, sich ihrer Verantwortung zu stellen: "Was mich vor allem stört, ist, dass die Diskussion über die Funktion der Deutschen Reichsbahn in der Vernichtungsmaschinerie eigentlich unzureichend aufgearbeitet wird, auch von der Deutschen Bahn selbst."

Die Deutsche Bahn antwortete – und schrieb, dass ihr leid tue, was geschehen sei, aber sie sei nicht die Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn und deshalb nicht zuständig. Man verwies auf die Bundesregierung. Angela Merkel ihrerseits ließ durch eine Unterabteilungsleiterin im Finanzministerium im Herbst 2020 antworten, dass Deutschland schon sehr viel gezahlt habe und es keine Extra-Entschädigungen geben könne. Rechtsanwalt Hagedorn findet, dass man den Druck auf die Bahn und den Vorstand erhöhen müsse: "Diese Briefe sind ja die Standardbriefe, die bekommt man immer erstmal. Ich glaube, dass man sich hier nicht einfach so vom Acker machen kann."

Salo Muller geht es um eine Geste, die mehr ist als Worte

Im Gespräch mit Salo Muller
Im Gespräch mit Salo Muller | Bild: ttt

Der Vorstandschef der holländischen Staatsbahn verkündete 2019 zusammen mit Salo Muller, dass sie Entschädigungen zahlen wird. Sie hatte die Juden an die deutsche Grenze deportiert.

Der heute 84-jährige Salo Muller und sein Anwalt wollen keine jahrelangen Prozesse, sie wollen keine riesigen Summen erstreiten. Salo Muller geht es um eine Geste, die aber mehr ist als nur Worte:

"Frau Merkel muss verstehen, dass sie diese Entschädigung nicht verweigern kann, sie sollte sagen: 'Herr Salo Muller, ich habe noch einmal darüber nachgedacht: Wenn dieses Schicksal meinen eigenen Eltern widerfahren wäre, dann würde ich dasselbe fordern wie Sie.'

Autor: Ulf Kalkreuth

Stand: 25.01.2021 14:51 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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