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Frank Schätzings Klimathriller "Was, wenn wir einfach die Welt retten?" und Elizabeth Kolberts "Wir Klimawandler"

PlayEin Wald brennt.
Neue Bücher zum Klimawandel | Video verfügbar bis 18.04.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit mehr als 1.200 Jahren dokumentiert die japanische Literatur die Kirschblüte. Sie ist Symbol für Schönheit und Aufbruch. Und jetzt auch für den Klimawandel. Denn noch nie fand der Höhepunkt der Blüte so früh statt wie in diesem Jahr.

Corona hat den Klimawandel erfolgreich in den Hintergrund gedrängt. Frank Schätzing nutzte die eine Krise, um ein Buch über die andere zu schreiben.

“Wir müssen jetzt aktiv werden”

Sein Eindruck war, dass die Menschen in Corona-Zeiten sehr unter der Ohnmacht gelitten hätten, sagt Bestseller-Autor Frank Schätzing. "Uns sind die Gestaltungsspielräume weggenommen worden. Und ich dachte, wenn wir überhaupt eine Handlungsoption haben, dann ist das Klimaschutz. Und so sehr wir Corona ernstnehmen müssen, ist der Klimawandel die existenziellere Bedrohung. Also, habe ich mir gedacht:  Schreib doch einfach mal ein Buch darüber und erklär aus deiner Sicht, warum es so wichtig ist, dass wir jetzt aktiv Klimaschutz betreiben."

Das Rennen gegen die fatalen Folgen der Erderwärmung

Frank Schätzing
Frank Schätzing | Bild: ttt/ARD

"Was, wenn wir einfach die Welt retten?", lautet der etwas saloppe Titel des Buches, das der Autor als Klimathriller bezeichnet. Tatsächlich ist es ein – im besten Sinne – populärwissenschaftliches Buch. In den ersten Kapiteln schildert Schätzing, wissenschaftlich belegt, die Folgen einer Erderwärmung von mehr als zwei Grad, er benennt die Kipppunkte, die Kettenreaktionen. Seinen dystopischen Ausmalungen zum Trotz findet Schätzing eine positive Antwort auf die wichtigste Frage unserer Zeit.

Schätzing hat sich gefragt: "Was können wir tun? Insofern ist das Buch von Optimismus geprägt, denn wir können sehr viel tun! Es ist noch nicht mal so, dass wir irgendetwas Bahnbrechendes erfinden müssten – alles liegt auf dem Tisch. Alle Technologien, die wir brauchen, können wir jetzt implementieren."

"Wir haben uns in ein ziemliches Schlamassel manövriert"

Der Mensch hat sich die Erde untertan gemacht. Und für viele der Probleme, die dabei entstanden sind, hat er die Lösung hinterher geliefert. Die US-Journalistin und Buchautorin Elizabeth Kolbert reist seit Jahrzehnten an Orte, an denen der Mensch all sein Wissen einsetzt, um zu retten, was noch zu retten ist. Für ihr Buch über das Artensterben erhielt sie 2015 den Pulitzer-Preis. Im Sommer erscheint ihr neues Buch auf Deutsch. Titel: "Wir Klimawandler".

Der Punkt, den sie versucht in ihrem neuen Buch zu machen, sagt Kolbert, ist, "dass wir uns in ein ziemliches Schlamassel manövriert haben. Es mag Hybris sein, dass wir denken, wir könnten den Planeten zum Besseren verändern. Aber wir haben ihn ja schon so sehr verändert – jetzt müssen wir uns den Konsequenzen stellen, und zwar schnell."

Kampf gegen die Natur – das Beispiel New Orleans

Elizabeth Kolbert
Elizabeth Kolbert  | Bild: ttt/ARD

Die Konsequenzen des menschlichen Eingriffs in die Abläufe der Natur sind nur vage berechenbar, das ist die Erkenntnis des Buches "Wir Klimawandler". Beispiel New Orleans. Das Delta des Mississippi ist denkbar ungeeignet für eine Millionenstadt. Nach den Überschwemmungen durch Hurrikan Katrina wurde die Metropole fast aufgegeben. Doch dann entschied man sich, den Kampf gegen die Natur aufzunehmen. Mehr Dämme wurden gebaut, mehr Pumpen installiert. Das Ergebnis: Ein großer Teil des Landes, besonders New Orleans, sinkt rasant ab. Kolbert erklärt: "Zum einen kann der Fluss nicht mehr genug Sediment ablagern, zum anderen wird gerade sehr viel Wasser abgepumpt und das trägt zur Verdichtung des Bodens bei. New Orleans ist eine der am schnellsten sinkenden Städte der Welt – und gleichzeitig steigt der Meeresspiegel. Sie können es sich ausrechnen: Es ist eine sehr, sehr schwierige Situation für die Stadt."

"Uns bleiben noch zehn Jahre Zeit, die Weichen zu stellen"

Die Vor- und Nachteile von Technologien zeigen sich besonders deutlich am Beispiel Atomkraft. Einst gepriesen als Lieferant sauberer Energie, durch Tschernobyl und radioaktiven Müll in Verruf geraten. Nach Fukushima, zumindest in Deutschland, aufgegeben. Auch Bestseller-Autor Frank Schätzing sei "kein Fan von Atomkraft": "Ich bin auch gegen Atomkraft auf die Straße gegangen, aber wofür ich in einer existenziellen Krise wie dieser plädiere ist: Uns bleiben vielleicht noch zehn Jahre Zeit, die Weichen zu stellen – da darf es keine Denkverbote geben." Außerdem müsse man, sagt er, eine Technologie, auch wenn sie vor einigen Jahrzehnten mal katastrophal versagt habe, immer wieder aufs Neue daraufhin überprüfen, ob sie sich in anderer Weise weiterentwickelt hat, ob ihre Vorzüge mittlerweile die Risiken übersteigen.

Alternative Geoengineering – ökologisch und geopolitisch verheerend

Ohne große Sympathie sieht Schätzing die Versuche des Geoengineering. Beispiel: Mit Hilfe von Schwefelpartikeln, die in der Stratosphäre verteilt werden, soll das Sonnenlicht ins Weltall reflektiert werden. Das Vorbild in der Natur: Vulkaneruptionen. Den Himmel verdunkeln, um die Temperatur zu senken? Die Folgen, und zwar sowohl die ökologischen als auch die geopolitischen, könnten verheerend sein.

In ihrem aktuellen Buch spricht Elizabeth Kolbert auch über die Folgen von Geoengineering: "Im Moment ist das nur eine Idee. Und es ist eine, über die wir immer mehr hören werden. Die amerikanische Akademie der Wissenschaften will 100 Millionen Dollar für Geoengineering ausgeben. Die Logik dahinter ist ziemlich einfach: Wir reduzieren unseren CO2-Ausstoß nicht ausreichend und deshalb kann es sein, dass die Lage sich so zuspitzt, dass das als die einzig vernünftige Alternative erscheint. Das ist wirklich ein erschreckender Gedanke, aber leider auch ein ziemlich realistischer."

Klimaneutral bis 2060 – schafft China den Kohleausstieg rechtzeitig?

Eine unerwartet gute Nachricht kam Ende des vergangenen Jahres aus China. Das Land will bis 2060 klimaneutral sein. Allerdings müsste es dazu, nach Berechnungen von Klimainstituten, mindestens 600 Kohlekraftwerke in nur zehn Jahren stilllegen. Längst sind erneuerbare Energien billiger als Kohle – aber wird China den Ausstieg aus der fossilen Energie rechtzeitig umsetzen?

Elizabeth Kolbert hat eine klare Antwort: "Wenn die größten CO2-Produzenten der Welt, also Europa, China, die USA und Indien ihre Emissionen reduzieren, dann wäre das ein großer Fortschritt. Allerdings wäre damit das eigentliche Problem nicht gelöst. Das Problem mit dem Klimawandel ist nämlich, dass es nicht gelöst werden kann. Das Klima, das wir einmal hatten, werden wir nicht zurückbekommen."

Können wir die Welt doch noch retten?

Aber, sagt der Optimist, müssen wir das denn? Noch sind die wichtigsten Kipppunkte nicht überschritten. Können wir die Welt doch noch retten? Bleibt uns Klimawandlern überhaupt etwas anderes übrig? Schriftsteller Schätzing hält es für möglich: "Wir hatten noch nie so fabulöse Lösungsmöglichkeiten auf unserer Seite wie heute. In einer Zeit, in der mehr geht denn je, erzählen wir einander, was nicht geht, ist das lächerlich. Wir müssen einfach den Arsch hochkriegen, uns auf die Schulter hauen und sagen: Let's have fun, do it!"

Autorin: Petra Böhm

Frank Schätzing
"Was, wenn wir einfach die Welt retten? Handeln in der Klimakrise"

336 Seiten, Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erschienen am 15. April 2021

Elizabeth Kolbert
“Wir Klimawandler – Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft“

250 Seiten, Suhrkamp / Insel Verlag
Erscheint am 16. August 2021

Stand: 20.04.2021 14:00 Uhr

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