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Schulunterricht in der Pandemie: Nach Corona ist vor Corona

Welche Lehren Bildungswissenschaftler, Praktikerinnen und Politiker ziehen

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Schule in Zeiten der Pandemie: Was haben wir gelernt? | Video verfügbar bis 20.09.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Virus noch da, die Ferien vorbei, der Schulunterricht geht los. Die Voraussetzungen für das neue Schuljahr: Schwierig. Zwar gibt es viele Erkenntnisse aus der Praxis des Pandemie-Unterrichts. Nur umgesetzt werden sie kaum.

"Schule als lernende Organisation"

Prof. Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts in Frankfurt/Main
Prof. Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts in Frankfurt/Main | Bild: ttt

Bildungswissenschaftler suchen nach neuen Konzepten. Sie fordern, Schule "weiter zu denken", über die Pandemie hinaus. So, wie Prof. Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts für für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt/Main und Berlin:

"Es wäre völlig absurd zu erwarten, dass die Ausstattung, Pflege und Weiterentwicklung digitaler Infrastrukturen eine Aufgabe ist, die in den Schulen verortet sein darf. Das ist Aufgabe der Schulträger. Gleichzeitig ist zu überlegen: Kann man Schulen, kann man Schulleitungen dahingehend entlasten, dass man ihnen administrative Aufgaben stärker abnimmt und auch in administratives Personal investiert. Das würde den Schulleitungen Raum geben, konzeptionell pädagogisch zu arbeiten, die Schule als lernende Organisation weiterzuentwickeln."

Lehrermangel beheben, Ausbildungskonzepte neu ausrichten

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes
Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes | Bild: ttt

Mehr Personal für Computer und Verwaltung würden Lehrer entlasten, eine kurzfristige Maßnahme, schnell umsetzbar. Langfristig muss der seit Jahren herrschende Lehrermangel behoben werden – mit einem neuen Ausbildungskonzept. Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, bemängelt die veraltete Ausbildung an den Universitäten:

"Die Lehrerinnen und Lehrer, die jetzt studieren, erziehen und bilden Schülerinnen und Schüler für die Zukunft, werden oftmals aber ausgebildet nach Methoden und Inhalten der Vergangenheit. Das passt nicht zusammen. Wir müssen in der Lehrerbildung die aktuellen Herausforderungen abbilden. Ich brauche Profis für Inklusion, an allen Schulen, jetzt gelebt. Ich brauche Profis für Integration. Überall gibt es Kinder, die des Deutschen nicht mächtig sind, die eine andere Kultur mitbringen."

Digitalunterricht erreichte rund ein Drittel der Schüler nicht: "Beziehungsarbeit"

Prof. Dr. Kai Maaz, Michael Becker-Mrotzek: Schule weiter denken: Was wir aus der Pandemie lernen
Das Buch zur Stunde | Bild: ttt

Bildungsforscher schätzen, dass zwischen 20 und 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen durch Digitalunterricht nicht erreicht werden konnten. Für sie waren die Schulschließungen verheerend, bilanziert auch Sandra Hédiard vom Projekt "Lesezeichen" in München: "Die Kinder, die Unterstützung durch die Eltern bekommen haben, wo auch eine gewisse Lesekompetenz und technische Ausstattung da war, hatten weniger Probleme mit dem Distanzunterricht. Auf der anderen Seite waren die Kinder, die sozial bedürftiger sind und weniger privilegiert aufwachsen, wirklich auf sich alleine gestellt."

Auch Tomi Neckov, Leiter einer Oberschule in Schweinfurt, sieht im Homeschooling vor allem Nachteile: "Bei mir läuft ganz viel über Beziehungsarbeit. Die Kinder halten sich nicht an Regeln oder lernen um des Lernens willen, sondern machen das für die Lehrkraft. Weil das ihre Bezugsperson ist – besonders, wenn Vater oder Mutter fehlen oder wenig präsent sind. Wenn sie die Lehrkraft nur am Bildschirm sehen, dann arbeiten sie  für denjenigen wohl auch weniger."

Mehr Eigenverantwortung für Schulen, multiprofessionelle Teams

Thüringens Kultusminister Helmut Holter
Thüringens Kultusminister Helmut Holter | Bild: ttt

Die Bildungs-Ungerechtigkeit in Deutschland nimmt zu, daran besteht kein Zweifel. Zwar stellt die Bundesregierung zwei Milliarden Euro Fördermittel zur Verfügung, aber die Frage ist, wie diese Gelder eingesetzt werden. Mehr Laptops und Tablets sind eben nicht für alle Kinder und Jugendlichen die beste Lösung. Wie also könnte es weitergehen?

Thüringens Kultusminister Helmut Holter macht aufmerksam auf das, was im vergangenen Schuljahr aus seiner Sicht gut funktioniert hat und plädiert für mehr Freiräume an den Schulen. "Die Schulen brauchen mehr Eigenverantwortung. Wir haben zum Beispiel gute Erfahrungen mit den kleinen Gruppen gehabt im Wechselunterricht. Warum sollten wir das unter anderen Bedingungen nicht weiter fortführen? Das bedeutet aber auch, dass wir mehr Personal brauchen, dabei geht es nicht nur um Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch um multiprofessionelle Teams, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter."

Trias aus Wissenschaft, Praxis und Politik gefragt

Auch Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband warnt davor, die Lage aus rein wissenschaftlicher Sicht zu betrachten, es brauche auch die Politik und Praxis im Bildungsboot: "Wenn diese Trias gemeinsam überlegen würde, was Schule von Morgen sein soll, das wäre genial – unabhängig von den Koalitionen, unabhängig von den aktuellen Ministerpräsidenten. Das wäre professionelle Weiterentwicklung im Schulsystem in Deutschland."

Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Dabei läuft jedes vierte Kind in Deutschland Gefahr, die Schule ohne ausreichende Kenntnisse in Lesen, Rechnen und Schreiben zu verlassen. Es wäre eine gesellschaftliche Katastrophe mit Ansage.

Autorin: Petra Böhm

Buchtipp
Kai Maaz / Michael Becker-Mrotzek (Hrsg.)
Schule weiter denken: Was wir aus der Pandemie lernen
Dudenverlag

Stand: 18.11.2021 17:40 Uhr

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