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Guy Bourdin – Wie die Kunst in die Modefotografie kam

PlayBild eines Fotografen in schwarzweiß
Guy Bourdin - Wie die Kunst in die Modefotografie kam | Video verfügbar bis 03.08.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Familie besaß ein Haus in der Normandie. Guy Bourdin, der ohne die Mutter aufwuchs, war ein stilles Kind, das zeichnete. Er liebte diese Landschaft auch, als er nach dem Kriegsdienst in Senegal zu fotografieren begann. Licht- und Schatten-Reliefs, Bilder nur aus Oberflächen, Rastern und Winkeln. Der junge Fotograf Guy Bourdin, der bald die Modewelt in Aufregung versetzen sollte, begann als abstrakter Künstler.

"Er kommt definitiv nicht vom Handwerk her, wie damals Fotografie weitgehend verstanden und betrieben wurde", sagt der Fotohistoriker T.O. Immisch. "Er kommt von der Kunst her. Er hat sehr viel gezeichnet, was ja zu genauem Sehen erzieht und zu großem Formbewusstsein. Und das hat er dann in die Fotografie eingebracht."

Haute-Couture im Schlachthof – der Karrierestart für Bourdin

Der junge Künstler suchte und fand Anregung und Förderung beim Surrealisten Man Ray, schon damals eine Legende der Avantgarde. Bourdins Karriere als Modefotograf startete dann mit einem "Choc": Was vorher braves Herzeigen der neuen Kleidchen war, versetzte der 27-Jährige auf den Schlachthof. Das schöne Dekor der Damenwelt wird 1955 mit dem Tierischen, mit Fleisch und Tod konfrontiert: Provokation und Schock – ein Kulturbruch.

"Er ist in Bereiche gegangen, die vorher Tabuthemen waren: Tod, Obsession, Sexualität, Gewalt … Und diese Themen hat er versucht mit seinen Bildern zu inszenieren, aber dadurch auch Erzählungen zu schaffen", erklärt die Fotohistorikerin Franziska Schmidt.

Bruch mit allen Konventionen der Modefotografie

Eine Fotografie von Guy Bourdin in Halle
Rund 150 Bilder Guy Bourdins werden in der Kunsthalle Talstraße gezeigt. Die Arbeiten entstanden in einem Zeitraum von mehr als 50 Jahren.  | Bild: dpa / Hendrik Schmidt

Guy Bourdin war versessen aufs Bild: Er hat auch sehr viel gefilmt, am Mode-Set und darüber hinaus. In Bourdins Sinne zu erzählen heißt Brüche und Lücken zu inszenieren und das Begehren des Blicks zu wecken. Der Surrealismus lebte im Nachkriegs-Paris, hier fand Bourdin seine Ideen. Eros und Tod – das, was den Menschen im Innersten zusammenhält, wird für die Modefotografie aktiviert. "Es gibt ganz verblüffende, groteske, aberwitzige überraschende Bildideen und Bildlösungen", sagt Fotohistoriker Immisch. "Ihn interessieren Formen, Farben, Situationen; und die Mode, die Gewänder, die Schuhe sind im Grunde der Anlass, wenn man so will, der Vorwand, um die Bilder zu machen. Und das Bild zeigt dann eben mehr und ist mehr als nur der Transport des Kleides oder des Schuhs."

Surrealistische Bildsprache und viel schwarzer Humor

Ein grandioser Trick: Das Begehren wird geweckt – aber das Objekt der Begierde versteckt oder wie beiläufig mit hineingenommen. Bourdins Fotostrecken in der Vogue erzählen, wie Film oder Comic, Geschichten mit schönen Frauen, die – gut, das bleibt nicht aus – schicke Fummel tragen. Im Grunde alle spätere Modefotografie, in Ost und West, befreit sich aus dem Studio, was auch das Einzelbild verändert.

"Seine Fotos sind oft eine Art Momentaufnahme aus einem Kontext heraus, aber so spannend und so interessant umgesetzt, dass seine Bilder schon fast an Krimi-Szenen erinnern könnten", sagt Fotohistorikerin Schmidt.

Nur die Fische waren Zeugen: Ein Tatortfoto als Schuhwerbung. Der bei der Arbeit zuweilen wohl recht exzentrische Bourdin hatte ordentlich schwarzen Humor. Formal allerdings ließ er, zum Beispiel in Fotografien ohne Werbezwecke, keine Kompromisse zu. Freilich trug ihn der neue Freigeist seit den 60er Jahren. "Der Zeitgeist, also die sexuelle Revolution und die Studentenrevolten, all das schlägt sich natürlich auch im Kommerz nieder", sagt Immisch. "Und gerade solche witzigen und gewitzten Fotografen wie er lassen sich von solchen Ereignissen anregen und bauen bestimmte Bildelemente in ihre Bilder ein."

Das ist eindeutig: Ein Subjekt Mann schaut auf das Objekt Frau und benutzt es für den Kommerz. Doch der Humor und die Überstilisierung heben diese bekanntlich zeittypische Perspektive auf. Die Kamera lockt den Blick mit Sinnlichkeit und Geste: Aber der Blick kommt zurück. Bourdin lässt erkennen, was gerade passiert, oft durch ironische Übertreibung – und führt das männliche Begehren selbst durch die Manege.

Ein Star der Szene, der den Glamour scheute

Der junge Bourdin hatte nicht nur abstrakt, sondern auch den Alltag der Straße fotografiert. Diese Aufnahmen wurden überwiegend erst im Nachlass gefunden. Seitdem kann man überlegen, was er von hier mitnahm in seine Werbefotografie und was nicht. 1991, erst 62 Jahre alt, ist Bourdin gestorben. Nie gab er Interviews, er machte keine Bücher und Ausstellungen. Er kann nur in seinem Werk entdeckt werden, das nun aus den Fotostrecken der Vogue in die Galerien gewandert ist. Jetzt wieder in der Kunsthalle "Talstrasse" in Halle an der Saale.

Ausstellung "Guy Bourdin – Pariser Avantgarde der Nachkriegszeit",  noch bis zum 1. November in der Kunsthalle "Talstrasse" in Halle/Saale

Autor: Meinhard Michael

Stand: 03.08.2020 09:30 Uhr

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