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"Der Raum, in dem alles geschah" – John Bolton exklusiv in ttt

PlayEin ältere Mann im Porträt
Trumps Ex-Sicherheitsberater Bolton exklusiv in ttt | Video verfügbar bis 03.08.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Siegerlächeln, die Überlegenheitsposen – vorbei. Der Präsident, der Amerika wieder groß machen wollte, hat – hundert Tage, bevor er wiedergewählt werden möchte – ein paar nicht ganz kleine, ein paar nicht wegzulächelnde Probleme: Eine Pandemie, Rassismus, Polizeigewalt und Krieg in den Städten. Und jetzt auch noch dieses Buch seines im letzten September zurückgetretenen Sicherheitsberaters John Bolton. "Der Raum, in dem alles geschah" beschreibt das Oval Office als Kommandozentrale eines egomanischen Chaoten.

"Er hat keinerlei Philosophie", sagt Autor Bolton. "Sicher ist er kein Konservativer, wie Amerika das Wort versteht. Er ist auch kein Liberaler – er ist überhaupt nichts. Wir haben dafür ein schönes Sprichwort: 'Wenn du nicht weißt wo es langgeht, ist jede Straße die richtige'."

"Ich dachte, es gibt eine Arbeitsbasis"

John Bolton diente schon früheren Präsidenten: Ein Politprofi, der seine Verachtung für Trumps abenteuerliche Amtsführung auch im Buch kaum zügelt. Bolton selbst, ein republikanischer Hardliner, zettelte mit George W. Bush den Irakkrieg an – und  würde lieber heute als morgen Iran bombardieren. Im April 2018 übernimmt er den Top-Job: Nationaler Sicherheitsberater – anfangs mit gewissen Hoffnungen, dass das funktionieren würde. "Er kannte meine Ansichten, er kannte mich aus meiner Zeit als Kommentator bei Fox News und er verstand, was ich sagte – nehme ich jedenfalls an", sagt Bolton. "Ich dachte, es gibt eine Arbeitsbasis. Und ich hoffte auch, er werde im Amt seriös werden und begreifen, dass Entscheidungen, bei denen es um Leben und Tod geht, nicht von seiner Dienstagsmorgen-Laune abhängig sein sollten."

Blick hinter die Kulissen der Macht

Für Trumps erste große Bewährungsprobe – und den ersten Streit mit Bolton – sorgt der Nordkoreaner Kim Jong-un, der gern mit Atomraketen spielt. Seinerzeit drohte der US-Präsident Nordkorea mit "Feuer und Zorn", falls das isolierte Land die USA weiterhin bedrohe. Das ist nach Boltons Geschmack. Doch dann lässt sein Präsident sich beim Gipfel in Singapur von Kim vorführen. Ein hübsch choreografiertes Medienspektakel – gut für die Stimmung, aber bedeutungslos für die Sicherheit Amerikas und der Welt, zürnt Bolton.  

"Wir haben versucht, die Fehler zu minimieren"

"Das Beste was ich über meine Tätigkeit sagen kann, ist" gesteht Bolton, "dass wir versucht haben, die Zahl der Fehler zu minimieren. Aber das war mehr Glückssache."

16. Juli 2018, Helsinki: Beim Treffen mit  Putin geht es um die – erwiesene – Einmischung Russlands in den amerikanischen Wahlkampf. Putin dementiert. "Als er damals praktisch gesagt hat, er glaube Putin mehr als unseren eigenen Geheimdiensten, saßen wir wie angefroren auf unseren Stühlen. Auf dem Rückflug, an Bord von Airforce One: alle im Schadenkontroll-Modus", erzählt Bolton. "Wir versuchten, das zu korrigieren, die ganze Nacht über. Am nächsten Morgen gab Trump ausnahmsweise mal zu, dass er einen Fehler gemacht habe. Aber der Schaden war angerichtet

John Bolton and US-President Donald Trump
Really, Mister President? John Bolton (rechts) war unter Donald Trump 17 Monate der Nationale Sicherheitsberater der USA. | Bild: picture alliance/ABACA / Douliery Olivier

In süffisant ausgemalten Details schildert Bolton den Alltag in Trumps Weißem Haus: Der Präsident, grundsätzlich nicht vor elf im Büro – weil er schon morgens stundenlang Fox News guckt und dort Inspiration sucht. Trump mal wieder in Florida beim Golf. Bolton ist zunehmend angewidert. Trump kennt keine Disziplin, auf Berater hört er nur, wenn sie seinem Ego schmeicheln. "Er hat kein großes Interesse dazuzulernen, weil er glaubt, er hat ein natürliches Talent, ein Bauchgefühl, mit dem er alles versteht", meint Bolton. "Und dass er die Nationale Sicherheit genauso händeln kann wie seine Immobiliengeschäfte in Manhattan."

So nah am Präsidenten wie kaum ein Mitarbeiter zuvor

Nach 519 Tagen als Trumps Berater hat Bolton genug. Oder Trump von ihm? Die Differenzen zwischen den beiden sind zu groß geworden. Trump twittert, Bolton werde im Weißen Haus nicht länger gebraucht. Bolton wiederum reicht es mit Trumps bizarren strategischen Einfällen. "Der Gipfel für mich war, als Trump, um Afghanistan zu befrieden, die Taliban nach Camp David einlud", so Bolton, "aber es war eben nur die letzte von vielen Fehlentscheidungen."

Anschaulich, mit grimmigem Witz porträtiert John Bolton einen Präsidenten, der keinen Unterschied macht zwischen den Interessen des Landes und seinen eigenen, der keine Prioritäten kennt außer einer: Donald Trump. "Viele sagen, Trumps Aufmerksamskeitsspanne ist kurz, er kann sich auf nichts lange konzentrieren. Aber für seine Wiederwahl tut er alles und seine Aufmerksamkeit dafür ist unbegrenzt", sagt sein ehemaliger Sicherheitsberater.

Kritik an Trumps Umgang mit China und Corona

Anfang des Jahres wird bekannt: Trump hat Chinas Xi Jinping gebeten, noch mehr amerikanischen Weizen zu kaufen und ihm so Wählerstimmen in den "US-"Farmstaaten“ zu verschaffen.

Da ahnen nur wenige, dass kurz darauf aus China ein tödliches Virus in die Welt kommt. Trump spielt die Gefahr herunter, versucht, die Maßnahmen der Bundesstaaten zu torpedieren. "Da Trump keinerlei Idee vom Regieren hat, versteht er auch nicht, was falsch ist an seinem Umgang mit Corona", sagt Bolton. "Er denkt zum Beispiel, er kann den Gouverneuren reinreden, was sie zu tun haben. Aber das ist nun mal nicht das, was die Verfassung vorschreibt."

"Trump ist ein Störfall des amerikanischen Systems"

Der Blick hinter die Kulissen der Macht, auf Amerikas Demokratie unter Donald Trump: Nicht alles in John Boltons Buch ist Breaking News oder selbstlose Aufklärungsarbeit. In seiner Abrechnung mit Trump propagiert er sein eigenes, aggressiv-konservatives Weltbild. Schwer bestreitbar dagegen sein Resümee: Dieser Präsident, Donald Trump, sei "unfit for office".

"Die Lektion, die die Welt aus dieser Präsidentschaft mitnehmen sollte ist: Trump ist ein Störfall des amerikanischen Systems, nicht das 'neue Normal'", betont Bolton. "Wenn er im November verliert und Biden übernimmt, wird es eine andere Politik geben – auch wenn die mir nicht gefällt –, doch vor allem werden die Amerikaner wieder wissen, dass sie einen amerikanischen Präsidenten vor sich haben."

John Bolton "Der Raum, in dem alles geschah" (Das Neue Berlin), erscheint am 14. August 2020

Autor: Andreas Lueg

Stand: 03.08.2020 10:50 Uhr

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