SENDETERMIN So., 15.08.21 | 23:50 Uhr | Das Erste

Don Giovanni

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Don Giovanni | Video verfügbar bis 15.08.2022 | Bild: BR

Achtung! Dieser "Don Giovanni" ist anders und – groß. Zunächst wird eine Kirche demontiert. Deren Gesetze gelten hier nicht. In der so entstandenen weißen Leere tauchen Personen auf, verdoppeln sich, handeln gleichzeitig und widersprüchlich, irreal, wie in einem Spuk oder Traum. Das hier ist der Ort des Begehrens selbst, ein mentaler Zustand. Romeo Castellucci, einer der radikalsten Opernregisseure derzeit, verweigert Eindeutigkeit. Ihn interessiert hier nicht eine Person, sondern das Prinzip des Verlangens selbst.

Das Begehren selbst umarmen

Romeo Castellucci
Romeo Castellucci | Bild: BR

"Wir alle orientieren uns in unserem Leben an unseren Wünschen, unserem Wollen", sagt Regisseur Romeo Castellucci. "Das lässt uns weitermachen. Es ist eine Orientierung. Aber für Don Giovanni ist es mehr als das. Das ist das Kranke. Don Giovanni will alles. Er will das Begehren selbst umarmen. Aber das ist unmöglich. Es ist, als wolle man den unerreichbaren Horizont selbst umarmen."

Teodor Currentzis
Teodor Currentzis | Bild: BR

Der griechische Dirigent Teodor Currentzis, berühmt für seine gewagten musikalischen Interpretationen, erzeugt auch musikalisch eine wahre Höllenfahrt. Ekstase und Stille. "Es fängt an mit diesem düsteren kirchlichen Mozart-Sound", sagt Currentzis. "Beginnt so etwa ein Dramma giocoso, im Ernst? Don Giovanni ist bereit für die Todesfahrt. Da ist sprichwörtlich ein Todesdurst, der stärker ist als jede Libido. Er lädt den Tod selbst ein."

Der weiße Raum füllt und leert sich, doch der Held verliert immer mehr Kontrolle über das, was er scheinbar beherrscht. Castellucci bietet poetische Traumbilder, nie einen Plot. So wird aus einer burlesken Verführungsszene plötzlich ein surreales Spiel mit Möglichkeiten, über dem drohend eine Totenkutsche schwebt.

Der rosarote Wahn

Mezzosopranistin Anna Lucia Richter
Mezzosopranistin Anna Lucia Richter | Bild: BR

"Man sieht die nackte, sich hingebende Zerlina, die alles wagt, die jede Vernunft aufgibt", sagt die Mezzosopranistin Anna Lucia Richter, die in dieser Inszenierung die Zerlina singt. "Wir sind sozusagen in dem Moment an einem Scheidepunkt in der Geschichte. Es könnte in die Richtung der sich hingebenden Zerlina gehen und es kommt zu der Nacht, oder nicht – und in diesem Moment kann man sozusagen beides sehen." Mehr und mehr wird der weiße Raum von Frauen besetzt. Die vielbesungenen Lustobjekte: plötzlich sind sie alle da. Mal unerreichbares Ideal, mal Bedrohung. Die eine große Liebe, nichts als ein rosaroter Wahn.

Don Giovanni
Don Giovanni | Bild: BR

"Das Rosa verblasst mehr und mehr und wird zu Weiß", sagt Regisseur Romeo Castellucci. "Auch die Hautfarbe wird immer blasser, bis alles weiß ist. Tatsächlich sind die letzten Frauen auf der Bühne am Ende wirklich nichts anderes als Gespenster." Zwei extreme Ausnahmekünstler und ein Stück, das ist ein Risiko. Hier ist es aufgegangen. In einem gewagten, reflexiven Opernabend. Kein Frauenheld. Nirgends. Aber der Versuch, hinter die Mechanik des Begehrens selbst vorzudringen.

"Hinter den Beziehungen, hinter dieser ängstlichen Einsamkeit, die uns weitertreibt, von Beziehung zu Beziehung, verbirgt sich eine Sehnsucht nach dem Tod", sagt Dirigent Teodor Currrentzis. "Wenn du den Horizont umarmen willst, suchst du eine Verbindung mit der Leere. Die Fülle und die Leere liegen ja nah beieinander."

Am Ende frisst das Begehren sich selbst. Weißes Nichts. Herausfordernd. Düster. Inspirierend.

Autorin: Angelika Kellhammer

Stand: 15.08.2021 20:56 Uhr

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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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