SENDETERMIN So., 15.08.21 | 23:50 Uhr | Das Erste

Intolleranza 1960

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Intolleranza 1960 | Video verfügbar bis 15.08.2022 | Bild: BR

Eintreten in ein Kunstwerk, wie in einen Raum. In der Musik geht das und Luigi Nono hat genau so komponiert. Der Klang ist im Raum verteilt und der Zuschauer mittendrin: vorne ein Chor und 25 Tänzer. Sie bezeugen das menschengemachte Elend: Grausamkeit, Folter, Unterdrückung, Heimatlosigkeit.

Achterbahn in der Musik

Regisseur Jan Lauwers
Regisseur Jan Lauwers | Bild: BR

Regisseur Jan Lauwers will keine expliziten politischen Bezüge. Er zeigt: Menschen. Auf einer leeren Bühne. "Dieser unglaubliche Chor ist der erste Chor auf der Welt, der es geschafft hat, diese Musik auswendig zu lernen und sich damit zu bewegen", sagt Lauwers. "Sie haben eineinhalb Jahre lang gebraucht, um es zu singen und sich dabei zu bewegen. Ihr physischer Einsatz ist enorm. Und entscheidend. Das ist eine Heraufbeschwörung jeder Form menschlichen Verhaltens, eineinhalb Stunden lang. Es ist eine Achterbahn in der Musik und im Kämpfen um Bilder, die von den Performern erzeugt werden."

Die Masse und der Einzelne. 25 Tänzer und 60 Chormitglieder der Wiener Staatsoper formen sich mal zu einer unterdrückten Masse, mal zum Unterdrücker. Nono komponierte 1960 zart und brutal die musikalische Skizze einer Flucht Namen- und Rechtloser. Wir kennen das alles zu gut. Aus den Nachrichten.

Dirigent Ingo Metzmacher
Dirigent Ingo Metzmacher  | Bild: BR

Dirigent Ingo Metzmacher hat die Musiker, allein zwölf Schlagzeuger, im Raum verteilt. Nonos Musik müsse man physisch spüren. "Auf jeden Fall war ihm der räumliche Klang wichtig. Er kommt ja aus der venezianischen Tradition in San Marco. Das geht weit zurück ins 16. Jahrhundert. Diese Mehrchörigkeit, dass Musik aufeinander reagiert aus verschiedenen Richtungen, hat ihn sehr interessiert. Dass man nicht davorsitzt und sich etwas ansieht und sich distanzieren kann, sondern: Man ist mittendrin. Das war ihm, glaube ich, außerordentlich wichtig."

Die heilige Handlung

Bei Nono ist der Untergang total. Und genau deshalb holt Jan Lauwers 200 Mitwirkende aus 40 Ländern auf die Bühne, die in ihrer Kunst gemeinsame Werte und Toleranz demonstrieren. "Alle Probleme sind noch dieselben. Auch die möglichen Lösungen", sagt Regisseur Jan Lauwers. "Es geht mir deshalb um die Frage: Was bringt Hoffnung? Hoffnung ist für alle dasselbe, ob du weiß oder schwarz bist. Hoffnung, Liebe, Liebe zu einem Kind, das ist für alle gleich. Wir verstehen Hoffnung und Liebe. Gewalt? Verstehen wir nicht. Das wollte ich hier einbringen, um ein bisschen Hoffnung in das Ganze zu bringen."

Intolleranza 1960
Intolleranza 1960 | Bild: BR

"Diese Aufführung zu dirigieren, ist für mich fast – klingt ein bisschen altmodisch – eine heilige Handlung", sagt Dirigent Ingo Metzmacher. "Ich kannte den Mann, ich habe ihn unglaublich bewundert und vermisse ihn auch sehr. Und es ist ja das Tolle an Musik, dass wenn so ein Komponist gestorben ist, seine ganze Kraft, seine Emotion und seine Intellektualität in diesen schwarzen Punkten, die man Noten nennt, aufbewahrt wird. Und dass wir das hier in Salzburg wiederbeleben können, das ist fantastisch."

Die Intolleranza. Eine großartige Zumutung.

Autorin: Angelika Kellhammer

Stand: 15.08.2021 20:12 Uhr

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So., 15.08.21 | 23:50 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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