SENDETERMIN So, 13.08.17 | 23:35 Uhr | Das Erste

Porträt – die saudi-arabische Schriftstellerin Manal al-Sharif

PlayManal al-Sharif in Oslo
Porträt – die saudi-arabische Schriftstellerin Manal al-Sharif  | Video verfügbar bis 13.08.2018

Manal al-Sharif ist die erste Frau, die in Saudi-Arabien selbst Auto gefahren ist und dafür ins Gefängnis kam. In ihrem Buch "Daring to Drive", das nun auf Deutsch erscheint, erzählt sie von ihren Erfahrungen. Wir haben sie in Oslo getroffen, wo sie das Freedom Forum besucht hat.

Ein Leben voll Unterdrückung und Befreiung

Manal al-Sharif im Interview mit "ttt"
Manal al-Sharif im Interview mit "ttt"

11. Juni 2011, Khobar in Saudi-Arabien. Eine junge Frau, Manal al-Sharif tut das Unerhörte. Sie setzt sich ans Steuer ihres Autos und - fährt los. Eine Freundin filmt die Aktion mit dem Smartphone. Die beiden sind nervös: Nach den Regeln dürfte nur ein männlicher Vormund, "Schutzengel" genannt, sie chauffieren. Wie angsteinflößend stattdessen – und wie erregend – was sie jetzt tut. Für Manal al-Sharif kam die Entscheidung einfach lozufahren, nicht über Nacht. Sie war das Ergebnis jahrelanger Fragen. Des Infragestellens der Regeln, die uns Frauen in Saudi-Arabien gängeln.

Saudi-Arabien  – das Land mit Millionen Königinnen

Khobar in Saudi-Arabien
Khobar in Saudi-Arabien

Das Land, wo Geld und Öl fließen und eine rigide Religionspolizei das gesamte öffentliche Leben überwacht. Wo im Auto bislang immer die Männer am Steuer sitzen und die Frauen auf dem Rücksitz, wo die Frauen – unter der vorgeschrieben Verhüllung von Gesicht und Körper – allenfalls frei zum Shoppen sind. "Saudi-Arabien – bei uns heißt es das "Land mit einem König und Millionen von Königinnen". Eine Königin wird geschützt und bedient. Deshalb darfst du als Frau nicht Auto fahren und Männer treffen für dich alle Entscheidungen. Ich darf nicht mit einem Mann spazieren gehen, Ingenieurin werden oder Fahrrad fahren. Ich habe mich oft gefragt: Warum hat Gott mich zur Frau gemacht, ich will ein Mann sein!", sagt Manal al-Sharif im Interview.  

Al-Sharif studierte in den USA

Manal wächst auf mit Geschwistern und frei denkenden Eltern. Ein Glück, das in Saudi-Arabien nicht allen zuteil wird. Dann: Studium in den USA. Sie macht den Führerschein und findet danach in Saudi-Arabien einen Job: Beim Öl-Riesen Aramco darf sie sogar Gesicht zeigen. Umso unerträglicher wird für sie der Alltag  im von Religion, männlichen Ehrvorstellungen, von Doppelmoral und Angst kontrollierten Land. "In einer repressiven Gesellschaft sorgen viele dafür, dass du den Mund hältst. Die Regierung. Deine Mutter, Dein Vater. Die Kollegen am Arbeitsplatz – sie reden nicht mit dir, aus Angst vor Ärger. Mein ganzes Leben lang hat meine eigene Gesellschaft versucht, mich zum Schweigen zu bringen.", Manal al-Sharif.

Die Regierung hat sie gestoppt, nicht die Menschen

Autofahrer in Saudi-Arabien
Autofahrer in Saudi-Arabien

Darüber, was auf ihren verwegenen Trip folgte, hat Manal al-Sharif ein Buch geschrieben. Das Youtube-Video wird damals sofort tausendfach angeklickt, sie selbst landet in Untersuchungshaft. Nach Morddrohungen muss sie Saudi-Arabien verlassen und – weil auch ihre Ehe geschieden wird – den gemeinsamen Sohn Aboudi zurücklassen. Einem westlichen Publikum berichtet sie von der Situation der Frauen in ihrer Heimat. Viele, auch der Dalai Lama wollen hören, was Manal zu sagen hat. Und sie bekommt einen Preis für "kreativen Widerspruch" – mit der Kampagne "Frauen ans Steuer", Männer auf die Kamele! Dabei finden – wie es aussieht – auch unter ihnen ein paar die neue Frauenpower am Steuer gut. "Bei meiner Tour habe ich immer Augenkontakt mit männlichen Fahrern gesucht. Ich erinnere mich genau an einen, es war an einer Ampel: Er sah zurück – und lächelte! Ich war erleichtert. Und tatsächlich hat niemand mich angehalten. Nicht Menschen haben mich gestoppt – es war die Regierung.", Manal al-Sharif.

Manal al-Sharif kämpft für die Rechte der Frauen weltweit

Der Westen würde den Menschenrechten im Land König Abdullahs gern mehr Respekt verschaffen, wären da nicht diese lukrativen Geschäfte – die Doppelmoral. Manal al-Sharif rät den Europäern: Schickt wenigstens nur noch Frauen als Botschafter nach Saudi-Arabien, damit würdet ihr mächtig Druck machen!

Für die Rechte der Frauen tritt sie weltweit auf, hier in Oslo während des "Freedom Forum". Es geht ihr darum, Frauen zu ihrem Recht zu verhelfen. "Es geht immer ums Geld. Und es geht nicht, die Hälfte der saudischen Gesellschaft aus religiösen Gründen zuhause einzusperren. So sind sie auch ökonomisch nichts wert. Diesen Luxus können sich die Machthaber nicht mehr leisten. Wenn Frauen auf den Rücksitz verbannt bleiben, ist Saudi-Arabien ruckzuck bankrott.", Manal al-Sharif.

Manal al-Sharif lebt jetzt in Sydney, mit ihrem zweiten, brasilianischen Mann und Sohn Rafael. Doch Aboudi, den in Saudi-Arabien zurückgelassenen Erstgeborenen, darf sie nur gelegentlich besuchen. Frauen am Lenkrad des eigenen Lebens, ist das Motto ihrer Kampagne. Manal al-Sharif hat ein Signal gesetzt, einen Anfang gemacht. Inzwischen folgen ihr viele.     

Autor: Andreas Lueg

Stand: 13.08.2017 22:10 Uhr

4 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird sobald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 13.08.17 | 23:35 Uhr
Das Erste