SENDETERMIN So, 05.05.19 | 23:05 Uhr | Das Erste

Eine Insel und zwei Milliardäre

"Was kostet die Welt?"

Insel "Sark"
Insel "Sark" | Bild: Bettina Borgfeld

Man braucht ein unbeirrbares Gemüt, um auf Sark überleben zu können, um diese Insel auszuhalten. Von Oktober bis April versinkt Sark im Nebel. Die Menschen hier leben von sanftem Tourismus und Landwirtschaft. Edric Baker zum Beispiel hält Schafe: "Das Beste an Sark ist, man hat sein Schicksal selbst in der Hand. Das Leben hier ist sehr einfach, es ist sehr unkompliziert. Aber wir müssen arbeiten. Wir müssen arbeiten um zu leben. Aber wir haben enorme Freiheit und Sicherheit."

Ein britisches Monaco

2007 war es vorbei mit Frieden und Sicherheit. Die Barclay-Brüder betraten die Insel und kündigten "Investitionen" an. Ein Luxusresort, sagten sie, solle aus Sark werden – aber das ist die Insel bis heute nicht. Die Barclays kauften vielen Einwohnern ihr Land ab und überschrieben es auf die Virgin Islands – eine Steueroase. Warum? Sollte aus Sark auch eine Steueroase werden? Ein britisches Monaco?

Rosanne Guille ist eine der vielen Einwohner Sarks, die nicht verkaufen wollte und die sich gegen die Pläne der Barclay-Brüder stellt: "Das ist hier nicht Monaco. Sark ist nicht Monaco. Schauen sie mal: Hier versinkt man bis zu den Knien im Schlamm. Hier machen die Pferde und Kühe mitten auf die Straße. Das ist kein Ort, der das Monaco-Publikum anzieht."
Rosanne sollte sich irren! Und sie sollte spüren, was es bedeutet, sich mit den Barclay-Brüdern anzulegen. Auf der Insel begannen Gerüchte die Runde zu machen: Wer steht auf der Seite der Barclay-Brüder und wer nicht? Bald gab es kein anderes Thema mehr unter den Bewohnern. Regisseurin Bettina Borgfeld sagt: "Das hat mich interessiert, das zwei Leute so präsent sind und diese ganze Insel verändern und in allen Köpfen der Leute drin sind. Als ich da angefangen habe zu drehen – jedes Gespräch handelte irgendwie um die Barclays. Aber gesehen hat sie kaum jemand."

Die Insel Sark gehört der britischen Krone. Hier zahlt man fast keine Steuern. Weder britische, noch EU-Gesetze gelten hier. Diese Insel ist außen vor und doch mittendrin: in der Business-Welt zwischen Paris und London.

Wer ist auf der Seite der Milliardäre und wer nicht?

Die Milliardäre schickten ihren Statthalter Kevin Delayne. Er kaufte in ihrem Namen das Land. Wer bereit war zu verkaufen, an den zahlten die Barclays angeblich jede Summe. Misstrauen breitete sich aus unter den Bewohnern – langsam und Stück für Stück, wie Gift. Die Barclay-Brüder gingen beim Grundstückskauf strategisch vor: Sie sicherten sich die beiden Zugänge an der West- und Ostseite, sie kauften Grundstücke – und 4 von 6 Hotels. Die Bevölkerung begann sich aufzuspalten in zwei Lager: Wer ist auf der Seite der Milliardäre und wer nicht?

Aber Kevin Delayne kaufte nicht nur Immobilien, sondern er gab irgendwann den Sark-Newsletter heraus. Eine Zeitung, die über Leute wie Rosanne Lügen verbreitete, sie diffamierte, die Inselbewohner gegeneinander aufhetzte und Sark mit der Nazidiktatur verglich. Rosanne sieht sich alte Ausgaben noch einmal an: "'Wie im Deutschland der 1930er Jahre hecken machthungrige Extremisten Fahrverbote und überzogene Artenschutz-Vorschriften aus'. Sie haben mich als Pseudo-Umweltschützerin, Faschistin und Rassistin bezeichnet."

Barclay-Brüder hatten Sark im Griff

Filmemacherin Bettina Borgfeld hat die Inselbewohner vier Jahre lang begleitet. So gelingt es ihr, die Zuschauer hautnah teilnehmen zu lassen an dem Alptraum, der sich über Sark legte. Als zum Beispiel das Inselparlament gewählt wurde, kandidierte auch Kevin Delayne um einen der 28 Sitze. Er wurde nicht gewählt. Dennoch forderte er, einen der Parlamentssitze zu bekommen – das wurde natürlich abgelehnt. Einen Tag später schließen die Barclay-Brüder ihre vier Hotels auf der Insel. Borgfeld erinnert sich: "Wenn man sich vorstellt: eine Insel mit fünf- bis sechshundert Leuten – wie viele Leute sind da, die arbeiten? Wenn dann ein Arbeitgeber hundertvierzig bis hundertziebzig Leute hat und wenn der dann sagt: 'Die Wirtschaft hier wird ruiniert, wir schließen', dann hat der wirklich was in der Hand."

Die Barclay-Brüder hatten Sark nicht nur ökonomisch im Griff – sie hatten Angst und Verdächtigungen zwischen den Inselbewohnern gesät. Der alte Zusammenhalt war zerstört. Leuchtturmwärter Trevor Kendall beschreibt das so: "Es ist nicht mehr wie früher. Man muss sich gut überlegen, was man sagt und wie man es sagt. Weil man nicht weiß, mit wem man spricht und auf wessen Seite er steht. Wenn man ihren Ring sieht, fragt man sich: 'Ist das ein Ring oder ein Mikrofon?'"

Rosanne gibt Malunterricht. Eines Tages meldete sich ein Mann zum Kurs bei ihr an. Während der Zeichenstunden erzählt sie ihm von den Problemen auf der Insel und was sie als nächstes planen. Rosanne wusste nicht, dass er ein Agent der Barclay-Brüder war. Diese Gespräche wurden später im Newsletter veröffentlicht. Ihre Ehe geriet in eine schwere Krise. "Es ist furchtbar. Man fühlt sich dumm", sagt Rosanne. "Und missbraucht. Und sehr wütend. Und Peter ist wütend auf mich, weil ich dem Typ vertraut habe. Das hat einen Keil zwischen uns getrieben. Ich traue niemandem."

In London findet die Regisseurin Wirtschaftsexperten, die sehr genau wissen, warum die Barclay-Brüder bereit sind, jeden menschlichen und finanziellen Preis zu zahlen, um ihre Ziele zu erreichen.
John Christensen ist Mitbegründer des "Tax Justice Network". Er sagt: "Diese Leute agieren nach anderen Gesetzen, sie nutzen Steueroasen, um Gesetze für ihre Zwecke maßschneidern zu lassen. Sie umgehen damit das Steuersystem und die rechtlichen Richtlinien, die normale Demokratien aufstellen, um sich vor räuberischen Machenschaften zu schützen."

Eine Parabel auf das, was in der globalen Ökonomie passiert

Noch ist der Krieg der Barclay-Brüder gegen Sark in vollem Gange. Dieser Film erzählt mehr als nur die Geschichte einer Insel – er ist eine düstere Parabel auf das, was in der globalen Ökonomie läuft: Die Errichtung von plutokratischen Verhältnissen: Die Besitzenden versuchen die Machtübernahme. "Sark ist ein Mikrokosmos. Und auf dieser Insel passiert, so sehe ich es, auf engstem Raum, in kürzester Zeit, was sonst bei uns auf dem Globus passiert und was sonst bei uns Jahrzehnte dauert", sagt Borgfeld.

Edric Baker und seine Frau sind kurz davor, ihr Haus zu verkaufen. Der Schäfer Chris Nightingale muss seine Tiere von den Feldern nehmen, die nun den Barclays gehören. Und Rosanne? Ihre Ehe ist jetzt geschieden. Sie überlegt, ihre geliebte Insel Sark zu verlassen.

Autor: Ulf Kalkreuth

"Was kostet die Welt"
Regie: Bettina Borgfeld
Kinostart: 16. Mai

Stand: 05.05.2019 23:05 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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