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Jürgen und Frederic Todenhöfer – "Die große Heuchelei"

Ein Friedens-Plädoyer

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Jürgen und Frederic Todenhöfer – "Die große Heuchelei" | Video verfügbar bis 05.05.2020 | Bild: ttt

Keine normale Reise, kein normales Land. Jürgen Todenhöfer ist unterwegs im Jemen. Er ist vom Süden des Landes in den umkämpften Norden gereist. Dorthin, wo eine Koalition um Saudi-Arabien mit westlicher Unterstützung einen gnadenlosen Krieg gegen die Huthi-Rebellen führt. Laut UN die größte humanitäre Katastrophe der Welt – von der wir fast nichts wissen. "Die Berichterstattung ist fast null", sagt Todenhöfer. "Als ich dann im Norden, in Sanaa war, haben mich die Leute völlig erstaunt auf den Straßen  begrüßt, weil ich offenbar nach zwei Jahren der einzige Europäer war, der dort hingekommen ist. Und wie wollen sie berichten über ein Land, das so hermetisch abgeschlossen ist".

Todenhöfer will berichten: Über den Jemen, aber auch über alle anderen Kriege, in denen der Westen mitmischt  und – so Todenhöfer – seine Werte verrate. "Die große Heuchelei" heißt sein neues Buch. Es ist ein lautes, nachdrückliches Plädoyer für den Frieden. Schweigen sei eben keine Option. "Man darf’s man darf’s nicht", sagt er. "Wenn sie das gesehen haben, was Frederick und ich gesehen haben, sterbende Kinder, sterbende Rebellen, sterbende Soldaten. Menschen im Todeskampf. Da können sie nicht schweigen, wenn sie nach Deutschland zurückkommen. Da können sie nicht schweigen." Die westlichen Werte, die Menschenrechte – die lassen wir nur für uns selber gelten, sagt Todenhöfer. Um das zu dokumentieren, reist er in die Krisengebiete dieser Welt. Meistens dabei: sein Sohn Frederic. Er ist zuständig für die Bilder – und gelegentlich auch für die Sicherheit. "Er ist jemand, wenn er etwas will, zieht er es durch. Zu hundert Prozent. Ihm ist alles andere egal und da ist es manchmal schon gut, wenn man ihn ein bisschen bremsen kann", sagt Frederic Todenhöfer über seinen Vater.

Zwei, die den Krieg sichtbar machen wollen

2017 reisen die beiden nach Mossul, wo sich irakische Truppen Kämpfe mit dem IS liefern. Die ehemals lebendige, multikulturelle Stadt liegt zu großen Teilen in Trümmern. Frederic fährt 2019 noch mal hin, nachdem Mossul vom IS befreit wurde. Aber was heißt schon "befreit"? Die Bombardements der Amerikaner gegen den IS trafen zwangsläufig vor allem die Zivilbevölkerung. Mindestens 9000 Menschen starben, die tatsächlichen Zahlen kennt niemand. Frederic Todenhöfer berichtet von seinen Erlebnissen in Mossul: "Dieser Geruch wenn du in manche Viertel gehst und es einfach so sehr nach Verwesten riecht, so sehr nach Verwesten. Das geht nicht mehr aus dem Kopf, wenn von uns gerettete Menschen zehn Monate später immer noch auf den Trümmern dahinvegetieren, verrotten und von Hunden gefressen werden und kein westlicher Politiker, niemand, der diese Menschen befreit hat, den Anstand hat, dahin zu gehen und diese Menschen zu beerdigen". Er meint: "Solange man nicht zeigt, was Krieg wirklich bedeutet, solange werden es die Leute auch nicht verstehen".

Was Krieg wirklich bedeutet: Das ist das Lebensthema der Todenhöfers. In Syrien versorgen sie kriegsversehrte Kinder mit Prothesen. Nach Syrien gehen auch die Erlöse aus dem Verkauf ihres Buches. Krieg schaffe immer nur Tote und Verwundete – Gewalt und Terror. Der Irakkrieg war der Sündenfall, sagen sie. Die Geburt des Islamischen Staates.

Keine Befreiung, sondern ein Terrorzuchtprogramm

Der Irak unter Saddam Hussein war eine Diktatur. Aber auch ein lebendiges Land mit einer reichen Kultur, relativ stabil und sicher. 2003 kündigten die USA an, das Land erneut anzugreifen, weil Saddam Hussein im Besitz von chemischen Massenvernichtungswaffen sei. Eine offensichtliche Lüge – die den Irak und die ganze Region ins Chaos stürzte – und auch Europa erschütterte. Deutschland machte nicht mit, eine historisch richtige Entscheidung von Bundeskanzler Schröder. Er sagte damals: "Meine Antwort in diesem Fall war und ist: nein."
Deutschland war dennoch beteiligt – als Unterstützer im Hintergrund. Die Amerikaner feierten schon 2003 ihren Sieg. Tatsächlich aber war es der Beginn einer Ära der Gewalt. "Der Irakkrieg war das größte Terrorzuchtprogramm der Neuzeit", so drückt es Todenhöfer aus. Denn es waren die entlassenen Generäle Saddam Husseins, die schließlich den Islamischen Staat gründen sollten: neuer Terror.

Der Irakkrieg war für die Todenhöfers ein reiner Eroberungsfeldzug – und ein typisches Beispiel für das Vorgehen des Westens. "Wir haben in den letzten 500 Jahren die Welt nicht mit unseren Werten erobert und nicht mit unserer Genialität, sondern mit grenzenloser Brutalität und alle wissen das, in Asien weiß das jeder, in Afrika weiß das jeder. Nur wir wissen nicht, dass es eigentlich die ganze Welt weiß. Dass wir in all diesen Ländern nicht für unsere Werte gekämpft haben, sondern für unsere Interessen. Für Macht, Märkte, Geld, Öl und was wir gemacht haben, was der Westen sehr geschickt gemacht hat – und zwar seit Jahrhunderten – war, diesen Kampf um Interessen und diese Brutalität einzupacken in schöne Worte und edle Werte", so Todenhöfer. Im Jemen sei der Westen wieder dabei, sich schuldig zu machen.

Deutsche Mitschuld

Die Bilder der Todenhöfers zeigen nicht nur Zerstörung, sondern auch Alltagsleben. Denn das ist, was im Krieg immer auf dem Spiel steht. Die Todenhöfers wollen, dass wir uns berühren lassen. Von den Menschen, ihrem Leid und davon, dass die Koalition um Saudi-Arabien die Bevölkerung vor allem mit westlichen Waffen unter Dauerbeschuss nimmt. Jürgen Todenhöfer sagt: "Amerika und Großbritannien sind die zwei Länder, die jedes Jahr Milliarden Dollar an den Waffenlieferungen an Saudi-Arabien verdienen. Das ist einer der Hauptgründe, warum der Krieg nicht beendet wird." Laut Schätzungen sind hier bereits  85.000 Kinder an den Folgen von Hunger gestorben.

Über die Rolle Deutschlands sagt Todenhöfer: "Die Deutschen sind überhaupt nicht die Hauptantreiber in all diesen Kriegen. Aber sie machen mit. Und die Deutschen haben an die Saudis, die den Jemen kaputtbomben, die den Jemen aushungern, Waffen geliefert." Gerade hat der Bundessicherheitsrat neue Waffenteilexporte nach Saudi-Arabien beschlossen. "Wir haben ein Friedensgebot in unserer Verfassung. Dem Frieden verpflichtet ist unsere Verfassung und Waffenlieferungen an Kriegsführende Parteien sind ein ganz klarer Verstoß gegen das Friedensgebot unserer Verfassung. Darüber wird viel zu wenig gesprochen und diskutiert", kritisiert er.

Vermitteln für den Frieden

Vom Jemen reiste Todenhöfer direkt nach Saudi-Arabien – ein eigentlich völlig ausgeschlossener Weg. Er wollte Gespräche führen mit denen, die Einfluss haben. Er traf Vertreter des Schura-Rates und des saudischen Königshauses. Wer Krieg wirklich verhindern will, muss verhandeln, mit jedem reden, auch oder gerade mit dem Gegner. "Ich sehe die Rolle Deutschlands sowieso ganz anders. Wir dürfen nicht länger der Mitläufer sein, der Vasall, der den Amerikanern dann die Hilfstruppen schickt, oder der, wie im Irak und in Syrien, die Aufklärung macht. Deutschland ist stark genug, um eine völlig andere Rolle zu spielen: die des Vermittlers. Das ist eine große Aufgabe", so Todenhöfer.

Er hat damit schon begonnen, bei seinen jugendlichen Fans. Die er auffordert, in Parteien zu gehen und sich zu engagieren

Bericht: Tanja Küchle

Jürgen Todenhöfer "Die große Heuchelei"
352 Seiten, 19,99 Euro
Propyläen Verlag, März 2019

Stand: 05.05.2019 23:05 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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