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"Utopie ist machbar"

Harald Welzer und die Zuversicht. Ein Buch zum Thema "Utopie ist machbar"

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"Alles könnte anders sein" | Video verfügbar bis 17.02.2020 | Bild: hr

Die Katastrophen rücken näher. Extremwetter. Obszöne Ungleichheit zwischen Arm und Reich – weltweit. Ressourcen am Ende.  Unsere Art zu Wirtschaften bringt den Planeten an den Rand. Man muss schon sagen: Wir haben es vermasselt.

Und jetzt? Dem Klima ist es egal, wie es ist. Es geht um uns Menschen. Und da geht noch was. "Es ist ein vollkommen falscher Gedanke immer mit solchen apokalyptischen Fantasien durch die Welt zu laufen", sagt Harald Welzer. "Es ist ohne weiteres evident, dass wir in der besten aller Gesellschaften leben, die es in der Geschichte jemals gegeben hat. Wir haben die höchste Lebenserwartung, wir haben die größte Freiheit, wir haben die größten Möglichkeiten Leben selber zu gestalten. Niemand hat das vorher gehabt. Da lasse ich mir doch nicht einreden, dass wir keine Handlungsmöglichkeiten haben, nicht diese Gesellschaft weiterzuentwickeln.“

Natur kann man auch wieder restaurieren

Seine Utopie: es ist schon fast alles da. Wir müssen es nur weiterentwickeln, neu sortieren: Welche Errungenschaften der Moderne wollen wir behalten, was müssen wir weglassen, was hinzufügen und was zurückholen ins Leben? Wie die Havel – vom chemisch verdreckten Fluss, zu einem Ort, an dem die Bieber wieder Bäume annagen.

"Also das ist ein ganz wesentlicher Punkt, dass wir in unserer ganzen Debatte offensichtlich übersehen, dass man auch Sachen wiedergutmachen kann. Die ganze Nachhaltigkeits-Rhetorik und auch die ganze Diskussion um den Klimawandel tut immer so, als gebe es nur "Point of no Returns", und das demotiviert die Menschen. Wir haben – ich will das nicht schönreden – aber wir haben fantastische Renaturierungs-Projekte. Die Havel ist im Moment das größte Fluss-Renaturierungs-Projekt in Europa und es ist einfach fantastisch, zu sehen – auch an anderen Beispielen – dass man Natur auch wieder restaurieren kann", so Welzer.

Utopisch denken, um realistisch zu sein

"Alles könnte anders sein", heißt Harald Welzers neues Buch – Utopie? oder nur pragmatische Zuversicht? Er plädiert für das fröhliche Ausprobieren neuer Wege, schreibt an gegen Verzweiflung und Schockstarre in einer dramatischen Situation. Das Ende der natürlichen Ressourcen wäre auch das Ende der demokratischen Zivilisation: "Am Ende geht es um die Frage: Wie halten wir unseren Typus von Zivilisation aufrecht, der eben den Menschen Freiheit und Sicherheit und Teilhabe und vieles andere garantiert. Wie halten wir das aufrecht unter Bedingungen eines radikal verringerten Naturverbrauchs. Es gibt natürlich unheimlich viele Möglichkeiten genau diese Zielvorstellung zu realisieren. Man muss dafür nur utopischer denken oder wie ich sagen würde: man muss utopisch denken, um realistisch zu sein."

Kapitalismus ohne Wachstum ist machbar

Welzer will keinen Systemumsturz, sondern Evolution.  Er hält einen Kapitalismus ohne Wachstum und Ausbeutung für machbar. Es sei einfach nur der nächste Entwicklungsschritt der Menschheit. Wenn er träumen darf, dann klingt das so: "Es ist auch kein großes Problem, eine Weltbevölkerung von 9 Milliarden Menschen zu ernähren. Das wissen wir inzwischen, dass das geht. Wir haben also keine Absolutheitsprobleme, sondern wir haben Verteilungsprobleme. Wir können Grenzen abschaffen, weil nationalstaatliche Grenzen sind ein Produkt im Wesentlichen des 19. Jahrhunderts. Die sind auch nicht in Marmor gemeißelt gewesen. Wir brauchen diese idiotische Vorstellung, dass entfremdete Arbeit etwas ganz Tolles und Erstrebenswertes sei, die brauchen wir im 21. Jahrhundert nicht mehr – da hilft uns die Digitalisierung. Wir können viele Sachen einfach einmal neu jetzt denken und ohne Not, also ohne Revolution, ohne Gewalttätigkeit, ohne das Wegräumen von Leuten, die dagegen sind, plötzlich uns daran machen unsere Gesellschaft tatsächlich zum Besseren weiterzuentwickeln."

Greta Thunberg zeigt, was geht

Und sie ist auf dem besten Weg dorthin: Greta Thunberg, die mit 16 eine Protestbewegung anführt. Es ist Zeit zu handeln, sagt sie: "Ihr sagt, Ihr liebt eure Kinder über alles, und raubt ihnen doch die Zukunft." Fridays for Future – Das Klima ist wichtiger als gute Noten. Das ist es, wovon  Utopien erzählen, sie formulieren das Unvorstellbare.

"Was Greta Thunberg zeigt ist, dass sie als Schülerin handlungsfähig ist, dass sie als Schülerin nach Kattowitz fahren kann, dort eine Rede halten kann, dass sie als Schülerin nach Davos zum Weltwirtschaftstreffen fahren kann und so weiter. Sie zeigt, was geht. Deshalb ist sie auch vorbildlich. Deshalb wollen auch unglaublich viele Schülerinnen und Schüler das auch mit und nachmachen."

Man braucht Anschauungsmaterial

Sie brauchen Experimentierräume. Die guten Ideen. "Das Entscheidende ist: Man braucht immer reales Anschauungsmaterial", sagt Welzer. "Man muss eine beispielsweise autofreie Stadt einmal haben, damit man da hingehen kann. Oder eine Stadt in der Fahrradverkehr super organisiert ist. Wenn man nach Kopenhagen fährt, sieht man dass das geht. Das heißt: Die Sachen müssen in die Welt kommen und dann kann man sie anschauen, dann kann man sie anfassen und dann funktioniert das Ganze."

Utopien in die Welt bringen: das versucht Welzer heute in Darmstadt, wo er den Bürgermeister in Sachen "Autofreie Stadt" berät. E-Autos sind für ihn keine Lösung, warum nicht ganz auf motorisierten Individualverkehr verzichten? Sogar unter marktwirtschaftlichen Aspekten sind solche gerade angesagt. Oberbürgermeister Jochen Partsch sagt: "Wir werden in der Mobilitätspolitik, wenn sich auch in der Bundesrepublik nicht innovativere Modelle durchsetzen, von anderen Ländern abgehängt werden und das ist dann keine Frage mehr von kurzfristigen Schnellschüssen wie Fahrverboten oder anderen Maßnahmen. Sondern das ist eine Frage die sich ganz schlicht an den Märkten erledigen wird."

Träume in die Wirklichkeit übersetzen

Es wird also sowieso alles anders sein. Aber wie es sein wird, das liegt bei uns. "Der wichtigste Satz in der Bewegungsgeschichte der letzten hundert Jahre war der von Martin Luther King. Der Satz hieß: I have a dream. Und sobald man einen Traum hat und den öffentlich kommunizieren kann, dann kann er auch eine gute Chance haben in Wirklichkeit übersetzt zu werden."

Wir dürfen nicht träumen, wir müssen, meint Welzer. Den Weltuntergang hat er auf jeden Fall erst mal abgesagt.

Bericht: David Gern

Harald Welzer "Alles könnte anders sein:
Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen"
320 Seiten, 22 Euro
S. Fischer Verlag, Februar 2019

Stand: 18.02.2019 09:38 Uhr

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