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Demonstrationen gegen das neue Abtreibungsgesetz in Polen

PlayProteste gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz in Polen
Demonstrationen gegen das neue Abtreibungsgesetz in Polen | Video verfügbar bis 01.11.2025 | Bild: AP/dpa / Czarek Sokolowski

Ein Gespenst geht um in Polen – es ist weiblich, jung und ruft lautstark: "Die Revolution ist eine Frau!". Damit hatten die erzkonservativen Politiker im Sejm nicht gerechnet, als sie auf dem Höhepunkt der Corona Pandemie das verschärfte Abtreibungsgesetz einfach durchwinken wollten. "Das ist Krieg!", skandieren Tausende Frauen und Männer seitdem Tag für Tag auf den Straßen Polens. Das Land erlebt einen heißen Herbst mit den größten Demonstrationen seit langem – gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz und für eine moderne, offene Gesellschaft.

Proteste für Freiheit und Menschenwürde

Sie meinen es ernst. Mit ihrer Kriegsbemalung, ihrer Entschlossenheit, ihrer Wut. Die jungen Polen ziehen in die Schlacht. Nicht wie Sitting Bull gegen weiße Eindringlinge. Sie wollen ihre korrupte, nationalkonservative Regierung das Fürchten lehren. Lange hat das junge Polen stillgehalten. Jetzt stehen sie auf.  

Julia Holewinska
Die Schriftstellerin Julia Holewinska wurde bei Protesten festgenommen  | Bild: rbb

"Ich bin spontan auf die Straße gegangen und habe mitdemonstriert. Und dann kamen sie und haben uns verhaftet. Ich habe 19 Stunden im Gefängnis verbracht. Keiner von uns hat eine Bank ausgeraubt, wir haben nur um unsere Freiheit gekämpft.", sagt Schriftstellerin und Aktivistin Julia Holewinska. Für die polnische Justiz reichte das, um die Schriftstellerin wegen Teilnahme an einer illegalen Versammlung anzuklagen. "Wir protestieren seit Jahren. Wir kämpfen um Demokratie, für die Freiheit der Gerichte, der Kultur. Jetzt geht's um grundlegende Menschenrechte, um die Menschenwürde."

Auslöser für den Aufruhr in Polen ist ein Urteil des Verfassungsgerichts am 22. Oktober, das die Abtreibung von Föten mit schweren Fehlbildungen verbietet. Frauenorganisationen sprechen von der "Wiedereinführung der Folter".

Holewinska fordert Entscheidungsfreiheit: "Ich bin überzeugt, dass das Gros der Männer, die über die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes entscheiden, nicht wirklich wissen, was das für die Frauen bedeutet. Ein behindertes Kind groß zu ziehen, ist eine enorme Herausforderung. 8 von 10 Männern verlassen in solch einer Situation ihre Frau. Es ist auch teuer. Und unsere Regierung unterstützt behinderte Menschen nicht finanziell. Wir kämpfen nicht um die Eugenik, wir fordern eine Wahlmöglichkeit."

Fotos abgetriebener Föten und glücklicher Kinder mit Behinderung sind Propagandamaterial der Abtreibungsgegner. Sie plakatieren damit die Städte und sammeln Unterschriften. Frauen wie Julia Holewinska sind für sie Mörderinnen. Die neue Verschärfung des Abtreibungsgesetzes feiern sie als Sieg der "Verteidigung polnischer Werte".

Polen besteht nicht nur aus Kirche und Konservativen

Die Aktivistin Klementyna Suchanow begründet die Proteste: "Unsere Regierung ist auf dem Weg zurück ins Mittelalter, aber die Gesellschaft marschiert in die komplett andere Richtung. Wenn man sich Umfragen anschaut, dann stimmen 70 Prozent der Befragten für den freien Zugang zur Schwangerschaftsunterbrechung. Immer mehr Leute schicken ihre Kinder nicht mehr in den Religionsunterricht, sie lehnen die Dominanz der Kirche ab."

Klementyna Suchanow
Klementyna Suchanow ist Aktivistin des "Strajk Kobiet"-Frauenstreiks | Bild: rbb

Der Protest hat einen Namen: "Strajk Kobiet" – Frauenstreik. Klementyna Suchanow organisiert mit anderen Frauen die Demonstrationen, die in wenigen Tagen zu einer Massenbewegung geworden sind. Und sie hat in diesem Jahr ein Buch geschrieben: "To jest wojna – Das ist Krieg". Diese Kriegserklärung gilt der Regierung, die mit der Kirche eine unheilige Allianz gegen das eigene Volk eingeht.

"Es ist ein Krieg. "Fuck off PiS!" – das ist ein Ruf, den die Menschen herausschreien, wo es geht. Diese vulgäre Sprache richtet sich gegen die vulgäre Regierung. Das ist eine Sprache, die passt. Eine andere verstehen unsere Politiker nicht mehr.", sagt der Soziologe Slawomir Sierakowski. Keine Hoffnung, nirgends? Sierakowski ist durch Osteuropa gereist und hat sich umgeschaut. Sein Fazit: Die Revolution ist weiblich, ihre Anführer sind Frauen. "Zwei, drei Jahre konnte man zusehen, wie die PiS Partei alle staatlichen Einrichtungen zerstörte und deren Unabhängigkeit mit Füßen getreten hat. Wie sie uns im Ausland kompromittierte, wie unbeholfen sie in jeder Krise agiert. Und jetzt entlädt sich die geballte gesellschaftliche Wut, die sich in den fünf Jahren angesammelt hat."

Bilder dieser Woche aus dem polnischen Parlament zeigen den Protest der Straße, der die politische Bühne erobert und die Ablehnung des neuen verschärften Abtreibungsgesetzes fordert. Julia Holewinska wird weiter demonstrieren: "Die polnische Gesellschaft besteht nicht nur aus Konservativen. Die Kirche ist nicht Polen. Es gibt großartige, freie und intelligente Frauen und Männer. Wir werden weiterkämpfen. Jetzt oder nie. Wir lassen uns nicht unterkriegen."

Die Stimmung erinnert an den Herbst 89. Rücktrittsforderungen an die Regierung werden laut, Pläne für ein Polen nach Kaczynski geschmiedet. Für ein Land – weltoffener, demokratischer und freier.

Autorin: Gabriele Denecke

Stand: 02.11.2020 11:51 Uhr

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