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Zu Afghanistan

Das Drama am Hindukusch

PlayDrei junge Frauen mit Kopftuch halten ein Schild mit der Aufschrift "SOS".
Zu Afghanistan  | Video verfügbar bis 22.08.2022 | Bild: picture alliance/dpa/AP | Vladimir Voronin

Die Situation in Afghanistan ist so dramatisch wie unübersichtlich. Auch wenn die Taliban vermeintlich beruhigen und von einer Amnestie sprechen, ist die Furcht Vieler groß – vor allem die der Frauen. Zu präsent die Erinnerung an die Unterdrückung und den Terror der vergangenen Herrschaft. Wer akut gefährdet ist, versucht außer Landes zu kommen: Künstler*innen, Medienschaffende, Menschen, die sich gegen die Taliban exponiert haben.

Ramin Rahman ist Pressefotograf. Er stand, wie so viele, auf einer Liste der Taliban und konnte direkt nach der Machtübernahme fliehen. Momentan sitzt er in Doha fest. Der Alltag in Kabul, zuvor: auf Rahmans Fotos eine Stadt, die sich westlich orientiert. Ein Land, in dem gut drei Viertel der Bevölkerung unter fünfundzwanzig ist. Junge Menschen über Handys und Internet mit der Welt verbunden.

"Unter den Taliban lebt man zwar, aber ziemlich miserabel."

"Ich habe selbst gesehen, was passiert ist, als es hieß: 'die Taliban kommen'. Leute haben Bilder von Frauen an Mauern übermalt. Friseure haben Fotos von westlichen Frisuren von der Wand genommen, von rasierten Männern, Tattoo Shops Bilder mit nackter Haut," erzählt Rahman. "Da weiß man doch, was die Menschen aus gutem Grund befürchten."

Auch sie konnte in letzter Minute fliehen: Filmemacherin Sahraa Karimi. Vor zwei Wochen traf ttt sie noch in Kabul, sie wollte den Taliban trotzen. Doch dann erhielt sie Todesdrohungen. "Hat nicht das menschliche Leben einen Wert? Unter den Taliban lebt man zwar, aber ziemlich miserabel. Leben heißt ja nicht nur essen und Klamotten, sondern auch Kreativität, Kunst und Kultur," so Karimi.

Nadia Nashir spricht in die Kamera.
Nadia Nashir vom Afghanischen Frauenverein Hamburg: Vierzehn humanitäre Projekte betreibt der Verein seit fast dreißig Jahren. | Bild: Screenshot/NDR

Inzwischen ist bestätigt, dass die Taliban Künstler*innen und Medienleuten reihenweise verhören. Auch Morde gab es. Ein Klima der Angst. "Wir kriegen sehr viele Mails, sehr viele Anrufe von Personen, die wir nicht kennen und die sagen, wir brauchen Unterstützung. Und wir möchten jetzt außerhalb des Landes nach Deutschland kommen," sagt Nadia Nashir vom Afghanische Frauenverein Hamburg.

Ein zerrissenes Land

Vierzehn humanitäre Projekte zwischen Kundus und Kandahar betreibt der Verein seit fast dreißig Jahren. Vor allem Schulen und Krankenhäuser auf dem Land. Viele Frauen arbeiten dort, als Lehrerinnen, Hebammen. Auch im Moment: "Das sind sehr, sehr mutige, tapfere Mitarbeiter. Und wir bekommen aber auch Unterstützung von der Dorfbevölkerung," so Nashir. "Hätten wir nicht diesen Schutz der Menschen, wo auch wir immer sind, sei es Schulen, sei es Kliniken, können wir unsere Arbeit gar nicht führen."

Afghanistan ist ein zerrissenes und gegensätzliches Land. Was ein Stammesfürst gutheißt, verteufelt der nächste vielleicht. Uns im Westen vermittelte die lebendige Kunstszene Kabuls den Eindruck, das ganze Land sei auf dem Weg zu einer liberalen, modernen Gesellschaft. Zu Recht? "Das war nie der Fall. Sie mussten nur auf's Land gehen, da war von Frauenrechten schon gar keine Rede mehr," sagt Islamwissenschaftler Stefan Weidner. "Und von diesen Frauenrechte ist ja auch in vielen anderen Ländern der Region gar keine Rede, sobald Sie aus der Upperclass Bubble in den Großstädten hinausgehen.“

Sind unsere westlichen Werte die beste Lösung für alle?

Das Buch "Ground Zero" von Stefan Weidner.
Das Buch "Ground Zero" von Stefan Weidner. Die Lage in Afghanistan beobachtet er seit vielen Jahren. | Bild: Screenshot/NDR

Die Lage in Afghanistan beobachtet Weidner seit vielen Jahren. Sein Buch "Ground Zero" ist eine genaue Analyse der politischen Gemengelage. Er sagt: Meinungsfreiheit, Bildung, Frauenrechte – das sind nur unsere westlichen Werte. "Wir müssen erst einmal begreifen, dass wir vielleicht nicht für die ganze Welt die besten Lösungen parat haben oder dass die Lösungen, die wir parat haben, vielleicht in der Theorie sehr schön sind, aber in der Praxis sich nicht durchsetzen lassen, wie wir sie in Afghanistan gesehen haben," so Weidner. "Das heißt, wir müssen von unserer Überheblichkeit herunterkommen. Wir müssen davon herunterkommen, zu glauben, dass wir es besser wissen als alle anderen.“

Noch ist die Herrschaft der Taliban nicht gesichert. Erste Proteste sind aufgeflammt. Die afghanische Nationalflagge: Symbol des Widerstands gegen die Taliban. Mutige Frauen, junge Leute riskieren ihr Leben für ihre Rechte, für Menschenrechte. Eine weitere Diktatur, so wie in Syrien oder im Iran ist im Entstehen. Wie sollen wir damit umgehen?

Wie wird die Zukunft aussehen?

"Es bleibt uns nichts anderes übrig, als mit diesen Regimen Verständigungskanäle aufrechtzuerhalten, schon um der Menschen willen. Wir müssen eine Politik betreiben, die viel stärker im Dialog ist mit den anderen," so Weidner. "Und zwar nicht in dem Sinne, dass wir die anderen überreden wollen, genauso zu werden wie wir, sondern dass man einen Mittelweg findet, dass wir eine Durchlässigkeit schaffen zwischen verschiedenen Gesellschaftsmodellen.“

Wie wir jetzt helfen, wie wir Menschenrechte begreifen, daran werden wir in Zukunft gemessen werden. Westliche Werte und die Scharia gehen kaum zusammen. Trotzdem müssen wir verhandeln: rote Linien definieren – aber mit Respekt, auch wenn es uns schwer fällt. Und die Menschen dort nicht aufgeben.

(Beitrag: Natascha Geier)

Stand: 22.08.2021 18:38 Uhr

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