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Die Zukunft unserer Städte

Welche Lehren sich aus der Pandemie ziehen lassen

PlayDie Stadt Hamburg. Ansicht von oben.
Die Zukunft unserer Städte | Video verfügbar bis 17.05.2021 | Bild: Bernd Kayser

Kommt jetzt die neue Stadtflucht, weil es in der Dichte der Stadt in Zeiten von Corona an freien Flächen, Raum zum Atmen und ausreichend Platz für Abstandhalten mangelt? Tatsächlich fehlt vor allem in den Großstädten bezahlbarer Wohnraum, in dem sich die Einschränkungen einer Pandemie aushalten lassen. Es mangelt an flexiblen Grundrissen, die Wohnen und Arbeiten im Homeoffice ermöglichen und ausreichend Rückzugsmöglichkeiten schaffen. Das dezentralisierte Arbeiten von Zuhause lässt Großraumbüros verwaisen, reduziert den Verkehr. In Berlin, Brüssel und New York wurden bereits auf viel befahrenen Straßen ganze Spuren für den Fahrradverkehr eingerichtet, damit die Radfahrer mit gebührendem Abstand fahren können. Wie also muss die Stadt der Zukunft aussehen? "ttt" wagt den Ausblick.

Aus Autostraßen werden Fahrradspuren

Es ist ein kleines Virus, das die Massen aus der Stadt verdrängt. Das sichtbar macht, wie viel Raum den Autos gehört. Der Platz ist da – und dringend nötig, um gesunden Abstand zu halten. Berlin hat das Problem unbürokratisch gelöst: Ganze Fahrspuren auf Hauptstraßen wurden zu Radwegen umgewidmet. Ohne die sonst üblichen Diskussionen und Bedenken: Einfach mal machen.

"Plötzlich gibt es eine größere Mehrheit, die auch einfach erkennt: Das funktioniert so nicht, wenn wir weitermachen mit dem Autoverkehr", sagt Ragnhild Sörensen, Radaktivistin "Changing Cities". "Wir müssen es einschränken. Nur durch Verlagerung, Verminderung von Verkehr können wir die Städte lebenswerter machen." Nicht nur Berlin, auch Madrid und viele andere Metropolen geben gerade ganze Straßenzüge den Stadtbewohnern zurück.

"Ich glaube, dass Corona eine Art Katalysator ist für Entwicklungen, die ohnehin schon im Gange waren, was die Stadt betrifft", so Niklas Maak, Architekturkritiker. "Man muss eben nicht mehr mit dem Auto in die Stadt fahren, da arbeiten und sich dann durch den Stau zurück quälen. Man kann die Stadt als ein Zusammenlebensraum ganz anders definieren."

Kann man Städte krisensicher machen?

Architektin Doris Kleilein.
Doris Kleilein ist Architektin und Leiterin des Jovis Verlags. | Bild: NDR

Wie Städte sich anpassen müssen, ist spätestens jetzt auch Forschungsthema. Corona hat genau die Probleme verstärkt, mit denen Metropolen schon vorher zu kämpfen hatten. "Man kann eine Stadt nie vollständig krisensicher machen", sagt Architektin Doris Kleilein. "Genauso wenig, wie man sie sicher machen kann gegen den Terrorismus, kann man sie absichern gegen Krisen. Aber alles, was sie gegen den Klimawandel schützt, erhöht die Lebensqualität in der Stadt. Zugang zu Parks und so weiter macht die Stadt eigentlich auch pandemie-tauglich."

Niklas Maak: "So dürfen wir nicht mehr bauen"

Freie Flächen. Raum für Bewegung. Raum zum Durchatmen. Das war nie wichtiger als während des Lockdowns. Jetzt rächt sich, dass fast nur noch profitable Standard-Single- und Familienwohnungen gebaut werden. Ihr Grundriss passt nicht für paralleles Wohnen, Homeoffice und Homeschooling. 

"Man konnte ja sehr genau sehen, dass diese Corona-Shutdown-Phase für einige Menschen, die eine schöne große Wohnung mit Balkon oder sogar Dachterrasse oder einem großen Garten haben, sich im Idealfall fast wie Ferien anfühlten. Auf der anderen Seite geht es vielen, die gezwungen sind, in diesen nach Effizienz-Kategorien entworfenen weißen Kisten zu hausen, sehr viel schlechter. Deswegen, glaube ich, kann man das als einen Weckruf sehen und sagen, so dürfen wir nicht mehr bauen", fordert Niklas Maak.

Wenn jede Zimmerecke mehrere Funktionen hat

Besser, weil krisenfester: offene Grundrisse. In den Räumen der Architekturzeitschrift Arch+ arbeiten tagsüber zehn Mitarbeiter. Vor Corona fanden abends Events statt und die Blattmacher wohnen hier. Das klappt, weil jede Ecke mehrere Funktionen hat. "Das Problem mit dem Schlafzimmer ist nur, dass tagsüber das Bett immer rumsteht und nicht genutzt wird", erklärt Anh-Linh Ngo, Architekt und Herausgeber Arch+. "Und mit der einfachen Konstruktion des Klappbetts können wir tagsüber den Raum auch als Musikzimmer, als Leseraum, als Rückzugsbereich anbieten. Und man hat dann nicht den ganzen Tag über das Bett rumstehen."

Wohnen und Gewerbe architektonisch verbinden

Anders als in Standardwohnungen, sind hier alle Wände flexibel. Das Modellprojekt verbindet, was in Städten normalerweise getrennt ist: Wohnen und Gewerbe. Hier auf großzügigen 240 Quadratmetern zusammen. "Für Familien ist es auch denkbar", so Anh-Linh Ngo. "Auch für Kleinwohnungen ist das denkbar. Es liegt tatsächlich daran, wie wir die Zirkulation schaffen, wie wir verschiedene offene Raumkonfigurationen ermöglichen, die zuschaltbar und abschaltbar sind, damit man sich immer wieder separieren kann und wieder zusammenkommen kann." 

Mehr Homeoffice, weniger Bürobauten

Architekt Niklas Maak.
Niklas Maak ist Professor für Architekturgeschichte in Harvard. | Bild: NDR

Wer gut von zu Hause arbeiten kann, muss weniger oft pendeln. Die Folge: In der Stadt werden überdimensionierte Bürobauten und noch ganz andere Flächen frei. "In den Städten entstehen gigantische, sagen wir mal Ruinen der modernen Gesellschaft, und in diese Ruine kann jetzt auch eine neue Nutzung einziehen", sagt Niklas Maak. "Und es gibt wunderbare Beispiele aus Detroit, wo Parkgaragen in vertikale Farms verwandelt wurden. Dann grasen da Hühner und oben stehen Kühe auf dem Dach. Das heißt, man kann sehr kreativ mit diesen Ruinen umgehen."

Wandel muss nicht nur Verlust bedeuten

Kreativität werden Stadtplaner und Architekten in der Welt nach Corona brauchen: Denn die Kassen werden leerer sein, und die Wohnungsnot bleibt. Eine riesige Aufgabe. Aber vielleicht bedeutet der Wandel nicht nur Verlust. "Man muss eigentlich die Stadtentwicklung, die Stadtplanung nicht neu erfinden, sondern das, was jetzt die jüngere Generation gerade an Stadtplanern und Architekten in den letzten Jahren entwickelt hat, einfach in einem größerem Stil umsetzen", sagt Doris Kleilein.

Die ersten Spuren hat das Virus schon hinterlassen. Das Momentum für den Wandel ist da. Corona ist irgendwann Geschichte, doch die nächste Krise kommt bestimmt.

(Beitrag: Annette Schmaltz)

Stand: 17.05.2020 18:56 Uhr

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