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"Armageddon im Orient": Wie der Westen im Umgang mit dem Iran und Saudi-Arabien seine Glaubwürdigkeit verliert

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"Armageddon im Orient": Wie der Westen im Umgang mit dem Iran und Saudi-Arabien seine Glaubwürdigkeit verliert | Video verfügbar bis 09.12.2019 | Bild: hr

Der Journalist Jamal Khashoggi betritt die saudische Botschaft in Istanbul und kommt nie wieder raus. Der Regimekritiker: zerstückelt und in Säure zersetzt. Den Auftrag zum Mord gab der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, sagt die CIA. Trotz weltweiter Empörung wird er beim G20-Gipfel nicht nur von  Putin freundschaftlich begrüßt. Warum eigentlich?

Tatsächlich hat der Westen ein irritierendes Verhältnis zu Saudi-Arabien und seinen absolutistischen Herrschern. Immer große Empörung und dann passiert NICHTS.  2017 verkaufte Trump vor diesem Tanz  Waffen im Wert von 350 Milliarden Dollar an die Saudis.

"Reaktionäre Lesart des Islam"

Was hinter dieser seltsamen Freundschaft steckt, versucht Michael Lüders in seinem aktuellen Buch zu erklären: "Die geschäftlichen Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien sind sehr eng. Sie basieren auf der Gleichung: Waffen gegen Öl. Und das seit dem Zweiten Weltkrieg. Deswegen lassen die USA und ihre westlichen Verbündeten Saudi-Arabien gewähren – obwohl der wahhabitische Staatsislam, der in Saudi-Arabien herrscht, eine äußerst rückständige, um nicht zu sagen reaktionäre Lesart des Islam bedeutet, die Saudi-Arabien aufgrund seines Erdöl-Reichtums noch in die entlegensten Gebiete der Welt exportiert. Auch nach Deutschland in Form des Salafismus", so Lüders.

"Indirekte finanzielle Unterstützung der großen Terrororganisationen der Vergangenheit"

Die Saudis finanzieren mit vielen Milliarden den dschihadistischen Islam, überall in der Welt. Sowohl in islamischen Ländern als auch in Europa haben sie zur Radikalisierung von Muslimen beigetragen:

"Die großen Terrororganisationen der Vergangenheit – allen voran Al-Kaida und der Islamische Staat – tragen ganz eindeutig eine saudische, eine wahhabitische Prägung. Das bedeutet zum einem indirekte finanzielle Unterstützung. Vor allem aber eine ideologische Inspiration, die von Saudi-Arabien ausgeht. Eigentlich müsste man, wenn man nicht interessengeleitet wäre, sagen: Saudi-Arabien ist ein Land – zugespitzt gesagt – das man dringendst unter Quarantäne stellen müsste", fordert Lüders.

Differenzierter Blick auf den Iran

Aber das tun wir nicht. Unsere Beziehungen zu Saudi-Arabien sind ohne den Blick auf den Iran nicht zu verstehen. Ein Land, das nach dem Sturz des Schahs zu einem islamischen Gottesstaat wurde, in dem zwar Zensur und Religionswächter herrschen, das aber auch eine lebendige Zivilgesellschaft hat, große Diversität, individuelle Freiräume, eine selbstbewusste Mittelschicht. Und es ist diese Seite, die wir viel zu selten sehen, sagt Michael Lüders:

"Egal, was wir vom iranischen Regime halten: Der Iran verfügt über eine lange Kulturgeschichte. Über zweieinhalbtausend Jahre. Der Iran ist ein Land, in dem es hochgebildete Menschen gibt, bestens ausgebildet, die eigentlich sehr stark dem Westen zugewandt sind – gerade auch Deutschland zugewandt sind. Das alles kann man in Saudi-Arabien nicht beobachten."

Atomabkommen aufgekündigt

Drohungen in Richtung Israel, Pläne für eine Atombombe – auch das ist der Iran. Was war es da für ein Fortschritt, als es nach jahrelangen Verhandlungen, 2015,  endlich zu einem Atomabkommen kam. Die iranische Bevölkerung freute sich auf wirtschaftliche Entwicklung und Liberalisierung. Die ganze Welt atmete auf. Es drohte Frieden.

Die Freude währte nicht lange: Im Mai 2018 kündigte Trump das Abkommen auf. "Die Internationale Atomenergiebehörde in Wien, die verantwortlich ist für die Überwachung des Atomabkommens, hat zwischen Mitte 2015 und Mitte 2018 mehr als zwölfmal im Iran recherchiert, hat die Atomanlagen inspiziert und immer wieder festgestellt, dass sich der Iran an alle Auflagen hält. Der Vorwurf der USA lautete auch nicht, dass die Iraner das nicht tun würden. Sondern der Vorwurf lautete, Teheran hätte gegen den Geist des Abkommens verstoßen. Was immer das bedeuten mag", so Lüders.

"Iran soll kein Boomland werden"

Seit dem 4. November ist der Iran mit härteren Sanktionen als jemals zuvor belegt. Das trifft vor allem die Zivilbevölkerung. Der eigentliche Grund für die massiven Sanktionen seitens der USA liegen in der Unterstützung Assads und der Hisbollah durch den Iran. Israel fühlt sich bedroht.

"Bei aller berechtigten Kritik am iranischen Regime: Selbst wenn Mutter Theresa dort an der Macht wäre und die Politik des Irans bestimmen könnte – auch dann würde der Iran im Visier stehen. Denn es ist ein riesengroßes Land, zweieinhalb Mal so groß wie Deutschland. Es hat 82 Millionen Einwohner – wie Deutschland. Und die Leute sind vielfach sehr gut ausgebildet. Wenn man dieses Land von allen Boykottmaßnahmen befreit, dann würde der Iran innerhalb kürzester Zeit ein Boomland sein mit einer immensen politischen und wirtschaftlichen Bedeutung. Und das wollen vor allem Israel und Saudi-Arabien in der Region nicht.", so Lüders.

"Die sekundären Sanktionen sind uneingeschränkt völkerrechtswidrig"

Deshalb die Sanktionen. Die Hoffnung der Bevölkerung auf Weiterentwicklung zerstört, indem der ganzen Welt verboten wird, mit dem Iran Handel zu treiben.

"Eine deutsche Firma, die mit dem Iran Handel treibt und gleichzeitig mit den USA, wird in den USA juristisch belangt. Diese sekundären Sanktionen, wie sie heißen, sind uneingeschränkt völkerrechtswidrig. Ebenso wie der Boykott Irans insgesamt, der Wirtschaftsboykott, völkerrechtswidrig ist. Die Iraner sprechen von einer wirtschaftlichen Kriegsführung gegen ihr Land und diese Einschätzung ist nicht falsch", sagt Lüders.

Neue Flüchtlingswelle?

So etwas kann nur eine Weltmacht durchsetzen. Die Europäer wollen am Atomabkommen festhalten, sind aber machtlos, sobald die Unternehmen vor die Wahl gestellt werden: Iran oder USA. Die Hoffnung auf eine friedliche Entwicklung in der Region wird systematisch zerstört. Und Lüders Befürchtungen gehen sogar noch weiter.

"Die USA wollen gemeinsam mit Israel und Saudi-Arabien den Regimewechsel im Iran herbeiführen. Und es gibt hier eine militärische Option, die natürlich offen nicht ausgesprochen wird. Und man möchte Saudi-Arabien mit im Boot haben für einen möglichen Angriff auf den Iran. Ja, wo werden die Flüchtlinge hinströmen, wenn es dort kracht. Sie werden nicht in Richtung USA aufbrechen, auch nicht in Richtung Israel, auch nicht in Richtung Saudi-Arabien. Sie werden vor allem nach Europa gehen und dann haben wir erneut möglicherweise Millionen Flüchtlinge mit allen Folgen, die sich daraus innenpolitisch ergeben", befürchtet Lüders.

Eine gerade zu dystopische Vorstellung. Vielleicht lernt Europa ja  doch noch eine eigene geopolitische Sicht auf die Welt zu gewinnen.

Bericht: David Gern

Michael Lüders: "Armageddon im Orient"
Verlag: C.H.Beck
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3406727917

Stand: 10.12.2018 10:25 Uhr

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