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"Aznavour by Charles"

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"Aznavour by Charles" | Video verfügbar bis 21.03.2022 | Bild: picture alliance / Keystone

1948 schenkte Edith Piaf dem damals 24-jährigen Charles Aznavour eine Paillard-Bolex-Kamera, eine kleine Handkamera, die er sein Leben lang behielt. Bis 1982 drehte er unzählige Stunden von Bildmaterial – seine Reisen, seine Freunde, seine Liebesbeziehungen, sein persönliches Tagebuch. Erst mit 94 Jahren, kurz vor seinem Tod 2018, begann Charles Aznavour, das Material mit dem Filmemacher Marc di Domenico zu sichten – und der entschied, daraus einen Film zu machen. Kommentiert werden diese einzigartigen privaten Filmaufnahmen mit Zitaten aus den Memoiren Aznavours. Entstanden ist ein poetischer Blick auf das Leben des legendären Chansonniers – der  Film "Aznavour by Charles".

"Wie ein gefilmtes Tagebuch"

Szene aus dem Film "Aznavour by Charles"
Szene aus dem Film "Aznavour by Charles" | Bild: Charles Aznavour

Fast 1000 Lieder hat er geschrieben, in über 60 Filmen gespielt. Wofür andere drei Leben brauchen würden, schaffte er in neun Jahrzehnten. Ein Leben, das er selbst in Bildern festgehalten hat. 1948 schenkte ihm Edith Piaf eine Schmalfilmkamera. Sie wurde zu seinem Lebensbegleiter. Bis 1982 drehte er unzählige Stunden von Bildmaterial – seine Reisen, seine Freunde, seine Frau Ulla, seine Kinder – Tochter Katja, Sohn Mischa. "Es ist wie ein gefilmtes Tagebuch. Das war seine Art, sein Leben in Erinnerung zu behalten. Heute haben wir alle eine kleine Kamera dabei. Und wenn wir Leuten begegnen, wollen wir uns sofort mit ihnen fotografieren. Man denkt: Hey, jetzt erlebe ich das gerade, ich muss diesen Moment festhalten! Und mein Vater wollte sich vielleicht selbst beweisen, dass er all diese Momente wirklich erlebt hat", erzählt Mischa Aznavour.

Ein Film aus 40 Stunden gedrehtem Material

Mischa Aznavour, Schauspieler und Musiker
Mischa Aznavour, Schauspieler und Musiker | Bild: Das Erste

Was macht man mit 40 Stunden gedrehtem Leben? Kurz vor seinem Tod bittet Charles Aznavour den Filmemacher Marc di Domenico in sein ungesehenes Bildarchiv und sagt: Mach daraus, was Du willst! Entstanden ist der Film: "Aznavour by Charles". Die Erzählung zu den Bildern liefern seine Memoiren und die Gespräche, die der Regisseur mit dem Chansonnier führte. Aznavour spricht durch die Stimme des Schauspielers Romain Duris zu uns. "Für mich war Romain Duris am besten geeignet, um dieser Dokumentation seine Stimme zu leihen. Von ihm geht eine ganz ähnliche Energie aus, wie ich sie bei meinem Vater empfunden habe. Ich habe wirklich fast das Gefühl, dass es mein Vater ist, der da spricht. Dabei versucht er nicht, Aznavours zu imitieren. Es ist seine Stimme und seine Interpretation", so Mischa Aznavour.

Aznavour – ein Interpret der Melancholie

Szene aus dem Film "Aznavour by Charles"
Szene aus dem Film "Aznavour by Charles" | Bild: Charles Aznavour

In seinen Chansons ist das Glück nur von kurzer Dauer und die Liebe oft ein Fluch. Seine Chansons waren wie das Leben selbst. Auch wie sein eigenes. Zwei Beziehungen scheitern. 1968 heiratet er die Schwedin Ulla Thorsell. Sein Ruhm macht ihn reich. Doch Aznavour ist kein Voyeur seines Reichtums. Sein Blick in die Welt ist zugleich der Blick in sein Leben. In den Kindern von La Paz entdeckt er seine eigene Kindheit, in den Lastenträgern von Hongkong erkennt er seinen Vater, der seinen schwer beladenen Karren zum Flohmarkt schiebt.

Er ist Sohn armenischer Einwanderer

Szene aus dem Film "Aznavour by Charles"
Szene aus dem Film "Aznavour by Charles" | Bild: Charles Aznavour

Aznavour, 1924 in Paris geboren, ist der Sohn armenischer Einwanderer, die aus der türkischen Diaspora vor dem Völkermord an christlichen Armeniern geflüchtet waren. Sie haben den Boden, dem sie entstammen, niemals betreten. Mit 40 Jahren reist Aznavour zum ersten Mal nach Jerewan, in seine unbekannte Heimat. "Wie wäre mein Leben, wäre ich hier geboren? In Armenien filme ich meine Geschichte, die Luft meiner Lungen. Das Unsichtbare in mir: das ich endlich sehe", so Charles Aznavour in seinen Aufzeichnungen.

Der Drang immer in Bewegung zu sein

Szene aus dem Film "Aznavour by Charles"
Szene aus dem Film "Aznavour by Charles" | Bild: Charles Aznavour

Zum ersten Mal begegnet Charles Aznavour seiner Großmutter. "Was mich mit meinem Vater verbindet, ist der Drang immer in Bewegung zu sein, das Leben in vollen Zügen zu genießen, die ganze Welt zu sehen. Es ist eine Lebenseinstellung, die Liebe zum Dasein!", so Mischa Aznavour. "Fellini sagte einmal: 'Was mich morgens aufwachen lässt, ist meine Neugier.' Und das ist für mich die Antwort: Durch Neugier hat man alles. Man liebt alles Fremde. Und hat nie Langeweile. Seit Urgedenken ist die Neugier das Erwachen der Welt", so wird Charles Aznavour im Film zitiert.

Die so schnell verrinnende Lebenszeit hat Charles Aznavour verletzt. Seine Jugend empfand er als einen "schrecklich kurzen Moment". Diese Wehmut hat er in Neugier verwandelt, in unsterbliche Lieder und – posthum – in diesen Film.

Autor: Lutz Pehnert

Kinostart:
Film "Aznavour by Charles"
20.05.2021

Stand: 23.03.2021 13:03 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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