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Zwischen Verzweiflung und Wut: Beiruts Kunstszene nach der Explosion

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Zwischen Verzweiflung und Wut: Beiruts Kunstszene nach der Explosion  | Video verfügbar bis 23.08.2021 | Bild: picture alliance / Mahmut Geldi

Die Explosion am 4. August hat auch die Kunstszene in Beirut schwer getroffen: Das prächtige Sursock Museum, 2015 nach aufwändiger Renovierung wiedereröffnet, wurde stark beschädigt, Galerien und Ateliers zerstört, Künstler ihrer Lebensgrundlage beraubt. Nach dem Schock kommt nun die Wut: "Beirut stirbt", sagt Schriftsteller Elias Khoury, "aber die Explosion war kein Unfall, kein Zufall – am 4. August explodierte die Wahrheit, die unsere korrupten Führer vertuschen wollten." "ttt" hat ihn und andere Künstler in Beirut getroffen.

Zerstörte Träume in Beirut

Galeristin Joumana Asseily
Galeristin Joumana Asseily | Bild: Das Erste

Für Galeristin Joumana Asseily ist der Hafen in Beirut etwas ganz Besonders. Mit einer besonderen Energie. Es ist das Herz von Beirut mit viel Bewegung und vielen Menschen. Ein ständiges Kommen und Gehen. An diesem Ort hat sie in zwei alten Garagen ihren Traum verwirklicht: Ein Ort für Gegenwartskunst. Die Explosion vom 4. August hat ihn zerstört. An jenem Dienstag war die Galerie geschlossen, Joumana Asseily war nicht dort. Ein Zufall, dem sie ihr Leben verdankt. "Den materiellen Schaden kann man reparieren, darum geht es nicht. Es geht darum, wie die, die diesen Staat beherrschen, alles zerstören: Was immer wir uns aufbauen, ob Galerie, Buchladen oder Restaurant – sie machen es kaputt. Sie zerstören deine Ideen, sie zerschmettern deine Träume. Jedes Mal. Und du musst wieder und wieder von vorne anfangen. Und ich frage mich, wie lange hält ein Mensch das aus? Wie lange kann man von vorne anfangen?", so Joumana Asseily.  

Die Wut in Beirut wächst

Zeina Arida, Direktorin des Sursock-Museums
Zeina Arida, Direktorin des Sursock-Museums | Bild: Das Erste

Seit dem 4. August wächst die Wut in Beirut mit jedem Tag. In den Vierteln hinter dem Hafen blieb kein Haus unversehrt. In den letzten Jahren ist hier eine Kunstszene mit internationaler Strahlkraft entstanden. Viele sahen darin die Hoffnung auf eine Renaissance des alten Beirut – weltoffen und liberal. Jetzt liegt diese Hoffnung in Trümmern. Auch das prächtige Sursock-Museum wurde schwer beschädigt. Erst 2015 war es nach langer Renovierung wiedereröffnet worden – als Ort der Kunst für alle, Eintritt frei. Die letzten Besucher hatten das Haus gerade verlassen, Direktorin Zeina Arida war noch in ihrem Büro – wie durch ein Wunder wurde sie nicht verletzt. "Ich hab schon einiges durchgemacht. Ich bin im Bürgerkrieg aufgewachsen. Als ich acht Jahre alt war, wurde ich am Strand von einem Sniper angeschossen. Und trotzdem hat mich diese Explosion so getroffen, wie nichts zuvor. Es war meine Generation, die Kriegsgeneration, die nicht vergessen wollte, die es anders machen wollte. Die Kunst- und Kulturszene, die es heute gibt, haben wir aufgebaut. Nicht die Regierung. Die hat sich für nichts verantwortlich gezeigt. Seit 30 Jahren, seit dem Ende des Bürgerkriegs, hat hier die Zivilgesellschaft den Staat ersetzt", erzählt Zeina Arida, Direktorin des Sursock-Museums.

Der Bürgerkrieg ragt bis in die Gegenwart

Elias Khoury, Journalist und Schriftsteller
Elias Khoury, Journalist und Schriftsteller | Bild: Das Erste

Der Bürgerkrieg, der 1990 endete, ragt bis in die Gegenwart. 15 Jahre ging er mitten durch Beirut. Danach Attentate, Anschläge, der wirtschaftliche Absturz – in einem Staat, der abwesend ist. Wir haben keine Regierung, sondern eine Mafia, die sich den Staat zur Beute gemacht hat, sagt der Schriftsteller Elias Khoury. "Das ist der Preis für das Ende des Bürgerkriegs: Damals wurde ein politisches System geschaffen, das alle Kriegsparteien per Proporz an der Macht beteiligt. Ich nenne es das System des permanenten Bürgerkriegs. Denn daraus ist eine Mafia aus Milizen, Oligarchen, religiösen Clans entstanden, die uns permanent mit einem neuen Bürgerkrieg droht. Nur so können sie sich an der Macht halten", so der Schriftsteller weiter.

Die Explosion war ein Unfall, aber kein Zufall, sagt Elias Khoury. Am 4. August ist die Wahrheit explodiert, die die Herrschenden vertuschen wollten: Nicht ein Bürgerkrieg ist die größte Gefahr für dieses Land. Sondern die Regierung selbst. Und nun? "Ich kann nicht das Wort Hoffnung benutzen, in einer so hoffnungslosen Situation. Wir befinden uns in einem Zustand jenseits der Verzweiflung, und ja, wenn man ganz unten angekommen ist, können Sie auch wieder von Hoffnung sprechen. Sie können aber auch schlicht sagen, dass es ab jetzt nur noch ums Überleben geht", so Elias Khoury.

Wiederaufbau nach der Explosion

"My Government did this" Graffiti in Beirut
"My Government did this" Graffiti in Beirut | Bild: Das Erste

Das Sursock-Museum wird wieder aufgebaut werden. In einem Monat beginnt die Regenzeit, bis dahin muss der historische Palast gesichert sein. Hilfe kommt aus der ganzen Welt. Aber einfach nur wiederaufbauen, auf dem alten Fundament – damit ist es diesmal nicht getan, sagt Zeina Arida. "Ich bin jetzt 50, ich bin kein Kind mehr, ich muss über meine Zukunft nachdenken. Ich fühle mich dem Museum verpflichtet, aber ich weiß nicht mehr, wie lange. Ich weiß es einfach nicht. Es hängt davon ab, wie es in diesem Land weitergeht. Alles muss sich ändern. Und wir sind bereit, das zu tun. Wir sind bereit, dieses Land zu regieren", so die Direktorin des Sursock-Museums.

Autor: Tim Evers

Stand: 24.08.2020 08:34 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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