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Belarus vor dem Aufbruch?

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Belarus vor dem Aufbruch? | Video verfügbar bis 23.08.2021 | Bild: dpa / Markus Scholz

Belarus, das kleine Land zwischen dem Westen und Russland hat in den 26 Jahren von Präsident Lukaschenkos Diktatur schon einige "Wahlen" und Proteste dagegen erlebt. Seit dem 9. August 2020 ist alles anders: Belarus steht am Scheideweg – "ttt" hat mit Künstlern vor Ort gesprochen, mit der Rocksängerin Rusja, mit dem Schriftsteller Wiktor Martinowitsch und mit Pawel Latuschko, der bis vor kurzem Generaldirektor des Nationaltheaters war, der aber, seit er sich öffentlich gegen seinen Präsidenten gestellt hatte, gefeuert wurde.  

Höhepunkt des Aufstands in Belarus

Vergangenen Montag suchte Lukaschenko noch mal Kontakt zu seinem Volk. Der Präsident kam zu den Arbeitern des Minsker LKW-Werkes. Er hielt nur eine kurze Rede. Er warnte vor Chaos, er schimpfte und er drohte denen, die weiter streiken, mit Entlassung. Am Ende war Lukaschenko einen Moment lang verzweifelt: "Danke. Ich hab alles gesagt. Jetzt könnt' ihr wieder schrei'n: 'Hau ab!'", so Lukaschenko. Und die Arbeiter schrien: "Hau ab!" Dieser Tag war der Höhepunkt des Aufstands.

Schriftsteller Wiktor Martinowitsch
Schriftsteller Wiktor Martinowitsch | Bild: Das Erste

Einen Moment lang waren sich alle sicher: Das ist das Ende eines Präsidenten dessen Zeit abgelaufen ist. Der Schriftsteller Wiktor Martinowitsch war 17 als Lukaschenko Präsident wurde. Heute ist er 43. Das ist eine ganze Generation. "Wir sind sehr friedliche Menschen, vielleicht sind wir Belarussen die friedlichsten Menschen in der Welt. Aber als die Polizei mit Gummigeschossen und Blendgranaten auf die Leute schoß – das war der Punkt, als es kein Zurück mehr gab. Weil niemals zuvor gab es das bei uns, dass die Polizei solche Waffen gegen friedliche Demonstranten einsetzte", so Martinowitsch.

Hoffnungen auf Veränderungen

Sängerin Rusja im Interview 2005
Sängerin Rusja im Interview 2005 | Bild: Das Erste

Minsk, an einem verschneiten Dezembertag vor 15 Jahren. Wir trafen die damals 25-jährige Sängerin Rusja für "ttt". Sie erzählte uns von ihren Hoffnungen auf Veränderungen in Belarus. "Ich bin echt ratlos, wie ich auf das, was sich hier ereignet reagieren soll. Ich rede viel mit meiner Familie. Und meine Mutter sagt, wer wenn nicht Leute wie du, die Intelligenzija und Künstler, sollen voran gehen und ihren Protest kundtun. Aber zwei Minuten fängt Mama dann auch an zu weinen und sagt: 'Tu's lieber nicht, ich hab Angst, dass sie dich einsperren'", erzählt Sängerin Rusja im Jahr 2005.

Sängerin Rusja
Sängerin Rusja | Bild: Das Erste

15 lange Jahre sind vergangen. Rusja ist inzwischen 40. Vor 1 ½ Jahren hat sie ein Baby geboren. Wir haben sie gebeten, sich noch einmal mit uns zu treffen. "Ich denke schon, dass es in all der Zeit Veränderungen gegeben hat – aber nur ganz minimal. Es herrscht eine sehr aggressive Atmosphäre. Es ist total schwer etwas zu verändern", so die Sängerin.

Das ganze Volk geht auf die Straße

Pawel Latuschko, Diplomat und Kulturpolitiker
Pawel Latuschko, Diplomat und Kulturpolitiker | Bild: Das Erste

Pawel Latuschko war unter Lukaschenko Außenamtssprecher, Kulturminister, Botschafter und zuletzt Generaldirektor des Belarussischen Nationaltheaters. Als er sah, wie seine Landsleute verprügelt und gefoltert wurden trat er mit seinem Theaterensemble auf die Straße und wandte sich öffentlich von Lukaschenko ab. Drei Tage später wurde er gefeuert. "Als sie das Internet abschalteten und ich mit Freunden im Ausland telefonierte und über deren soziale Netzwerke erfuhr, was da bei uns los ist, habe ich gewusst: Ich kann das nicht mehr ertragen, ich muss jetzt Position beziehen", so Pawel Latuschko. Nicht nur Leute wie Latuschko wandten sich vom Regime ab – die tagelangen Prügelorgien haben zum ersten Mal in der Geschichte von Belarus wirklich das ganze Volk auf die Straße gebracht. Mütter und Väter, die in stiller Duldsamkeit immer und immer wieder Lukaschenko gewählt hatten, wurden zu Feinden ihres Präsidenten, als sie ihre Söhne und Töchter in die Arme nehmen mussten, die geschlagen und gefoltert wurden. "26 Jahre haben die Leute in Angst gelebt – aber das System ist im Laufe dieser Zeit total morsch geworden – es zerstört sich jetzt selbst", so Rusja.

Lukaschenko droht öffentlich im Staatsfernsehen

In den letzten Tagen ist das Volk in Belarus wieder stiller geworden und der Präsident wieder lauter. Öffentlich droht er Leuten wie Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und anderen, die sich wie Pawel Latuschko in einem oppositionellen Koordinierungsrat für Neuwahlen einsetzen. "Und deswegen möchte ich alle warnen, die in diesem Rat arbeiten, dass wir adäquate Maßnahmen gegen sie ergreifen werden. Und zwar auf der Grundlage unserer Verfassung und Gesetze. Und wir haben ausreichend von diesen Maßnahmen, um Hitzköpfe abzukühlen", so Lukaschenko in einem Archivausschnitt des Belarussisches Staatsfernsehen. "Natürlich wurden wir bedroht. Mir wurde direkt vor diesem Interview gesagt, ich soll sofort das Land verlassen. Sie sagten mir: 'Wenn sie das nicht tun, dann werden wir sie festnehmen – und zwar auf grausame Weise'", erzählt Pawel Latuschko.

Kampf zwischen Mut und Angst

Pawel Latuschko, Diplomat und Kulturpolitiker
Pawel Latuschko, Diplomat und Kulturpolitiker | Bild: Das Erste

Gestern hat Lukaschenko die Armee des Landes in volle Gefechtsbereitschaft versetzt. Aber die Frage ist: Gegen wen? Russland und die NATO waren bislang so klug, keinen Fuß nach Belarus zu setzen und sie werden das hoffentlich niemals tun. Dann bliebe als Bedrohung für Lukaschenkos Diktatur noch das eigene Volk. "Für solch ein nordkoreanisches Szenario sehe ich massenweise Verhaftungen und Folter auf uns zukommen. Es gibt derzeit einen Kampf zwischen Mut und Angst", meint Martinowitsch. "Ich träume davon – und meine Träume werden öfter mal wahr – dass Belarus zu einer guten und festen Brücke wird, die Ost und West verbindet", so Latuschko.

Autor: Ulf Kalkreuth

Stand: 24.08.2020 08:33 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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