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Kein Nachgeben in Belarus

Wie Künstler*innen die Protestbewegung unterstützen

PlayTausende Menschen versammeln sich auf dem Platz der Unabhängigkeit in Minsk (Belarus) zu einem Protest gegen den Präsidenten Lukaschenko mit einer riesigen historischen Naitonalflagge von Belarus.
Kein Nachgeben in Belarus | Video verfügbar bis 20.09.2021 | Bild: dpa bildfunk

Eine der letzten Auftrittsmöglichkeiten für die Jazzmusikerin Lyudmilla Krukovskaya ist eine Bierbar in Minsk. Corona hat ihre internationale Karriere jäh unterbrochen. Und nun noch der zähe Kampf um die Zukunft des Landes. Die Zeiten sind nicht normal, und das Kulturleben ist es auch nicht. Denn auch Künstlerinnen und Künstler stehen mächtig unter Druck.

Ludmilla Krukovskaya denkt zurück an die Tage nach jener offensichtlich manipulierten Wahl, bei der sich Präsident Lukaschenko zum Sieger erklärt hatte. An den Protest, der gleich darauf begann. Und an die Polizeigewalt, deren Opfer sie selbst wurde: Mit ihrem Mann war sie unterwegs. Plötzlich stürmten vermummte Polizisten auf ihr Auto zu.

Lyudmilla Krukovskaya
Lyudmilla Krukovskaya  | Bild: NDR

"Wir haben die Türen verriegelt, aber sie schlugen das hintere Fenster mit einem Gewehrkolben ein", erzählt sie. "Dann schlugen sie auf die Windschutzscheibe, sie zerbrach. Sie zogen uns aus dem Auto, mit dem Gesicht zur Motorhaube. Dann in den Polizei-Van und auf das Revier. Dort mussten wir mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen, sechs Stunden lang." Drei Tage war Lyudmilla Krukovskaya in Haft, erzählt sie uns. Warum, das weiß sie bis heute nicht.

Frauen haben die Protestbewegung stark gemacht

Es sind die Künstler und – vor allem – Künstlerinnen, die den Protest gegen die Wahlfälschung in Belarus prägen und gestalten. Maria Kolesnikowa zum Beispiel. Sie ist eine der drei Oppositionsführerinnen, hat Querflöte studiert und zwölf Jahre lang in Deutschland gelebt. Jeden Sonntag war sie auf der Straße.

Ihre Kreativität, die fantasievollen Aktionen vieler Frauen, haben die Protestbewegung stark gemacht. Wer konnte vor zwei Wochen ahnen, dass unser Interview mit Maria Kolesnikowa ihr vorerst letztes sein würde. Am Tag danach wurde sie festgenommen und ist seitdem in Haft.

Wie so viele der jungen Frauen, die sich friedlich für eine Wende in Belarus engagieren.

Performance-Künstler gegen Lukaschenko

Der Maler und Performance-Künstler Ales Pushkin unterstützt seit langem die Opposition. Seine Bilder finden sich an vielen Orten in Minsk, Unterstützer dokumentieren die Aktionen. Sein Geld verdient Pushkin mit konventioneller Wandmalerei, Auftragskunst. Er kann davon leben, hat sein Auskommen. Warum also ist er Teil der Opposition und bringt sich selbst in Gefahr?

Ales Pushkin
Ales Pushkin | Bild: NDR

"Ich bin gegen Lukaschenko, denn unser Land, das alle Chancen hatte, ein tolles demokratisches zentraleuropäisches Land zu werden, mit einem wundervollen Volk, mit toller Kultur und Natur, auch mit guten wirtschaftlichen Ausgangsdaten, hat sich für inzwischen schon 26 Jahre in eine Vogelscheuche verwandelt." Das lässt ihm keine Ruhe, sagt er.

Viele Plakate hat er gemalt und verteilt, Aufrufe zu Demonstrationen. Schließlich geriet er in eine Polizeikontrolle: "Ich musste meine Papiere zeigen. Ich habe nur meinen Ausweis vom Künstlerverband. Den habe sie sich angesehen und gesagt: Ab in den Polizeitransporter! Die Plakate haben sie auf die Straße geworfen. Mit dem Gesicht am Boden bekam ich einen Tritt mit den Stiefeln in die Brust. Zur Okrestina, zum Gefängnis, kamen wir um ein Uhr in der Nacht, am 12. August. Da mussten wir uns alle ins Gras legen, auf den Knien, Hände hinter den Rücken und den Kopf nach unten. So lagen wir von ein Uhr bis sieben Uhr am Morgen."

Mit Kunst gegen Polizeigewalt

Vier Tage war Ales Pushkin in Haft. Dann konnte er zurück in sein Heimatdorf, in sein Refugium. Zu seinen Nachbarn, alles Lukaschenko-Anhänger, habe er ein distanziertes Verhältnis. Vor allem seit er ihnen sein Atelier, seine Bilder gezeigt hat. "Plakate für eine Performance gegen russische Aggression", sagt er.

Mit seiner Kunst klagt Ales Pushkin an, protestiert gegen das, was auf den Straßen von Belarus inzwischen zum Alltag geworden ist: Polizeigewalt und Willkür gegen friedliche Demonstranten.

TV-Beitrag: Jo Angerer

Stand: 22.09.2020 15:35 Uhr

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