SENDETERMIN So., 11.04.21 | 23:35 Uhr | Das Erste

Der lange Weg zurück

Letztes Kapitel im Streit um die Benin Bronzen?

PlayBronze aus der Sammlung Benin, Rautenstrauch-Joest-Museum
Der lange Weg zurück - Koloniales Raubgut im Humboldt Forum | Video verfügbar bis 11.04.2022 | Bild: Sammlung Benin, Rautenstrauch-Joest-Museum / Francis Oghuma

Raubkunst – Sie steht immer noch in deutschen Museen, nicht im Herkunftsland Nigeria. Sie sollte auch das Humboldt Forum im wiedererbauten Berliner Schloss schmücken, diesem Symbol vermeintlich alter deutscher Herrlichkeit. "Dieses preußische 'Disneyland', das man in die Mitte Berlins setzt und mit dem man ja auch die Spuren der deutschen Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts tatsächlich überbaut und überschreibt. Man geht ja sprichwörtlich architektonisch zurück in den Zustand vor 1914," sagt Historiker Jürgen Zimmerer.

Sie sollten eigentlich der Hingucker des neu zu eröffnenden Humboldt Forums werden: die kunstvollen Benin Bronzen. Allein 440 Stücke besitzt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – ganz legal auf einer Auktion in London ersteigert. Und doch Raubgut. Die Briten hatten sie im Rahmen einer Strafaktion 1897 erbeutet – als Sühne für ein Massaker der beninischen Truppen. Etwa 1100 Objekte befinden sich in deutschen Museen.

Koloniales Raubgut im Humboldt Forum

Das Buch "Afrikas Kampf um seine Kunst" von Bénédicte Savoy.
Die Museen blockten systematisch jegliche Restitutionsgesuche ab, wie Bénédicte Savoy in ihrem neuen Buch "Afrikas Kampf um seine Kunst" enthüllt.  | Bild: Screenshot

"Tatsächlich war die deutsche Kolonialzeit lange Zeit ein blinder Fleck in der Erinnerungskultur, das Humboldt Forum hat diese Debatte aber befeuert," sagt Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters. "Und die Politik und die Museen reagieren mit verschärfter Provenienzforschung." Auf öffentlichen Druck wird jetzt endlich die Herkunft erforscht. Jahrzehntelang wollten viele Museen verschweigen, welche Ihrer Stücke blutige Beute aus deutschen Kolonien waren. Aus Angst, etwas abgeben zu müssen. Dabei haben Afrikaner schon seit den 70ern um Ihre Kunst gekämpft. Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy beschreibt in ihrem Buch "Afrikas Kampf um seine Kunst", wie man sich wehrte.

"Die Reaktion war entweder keine Reaktion – wir ignorieren. Oder keine Reaktion plus große Aufregung hinter den Kulissen: Wir organisieren den Widerstand," so Savoy. "Und das kann man für West-Berlin, für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz extrem gut rekonstruieren, die Akten liegen da, selbst Telefonate wurden protokolliert."

Savoy: "Afrikas Kampf um seine Kunst"

Das Gebäude des Humboldt Forums am Berliner Schlossplatz.
Kulturstaatsministerin Grütters (CDU) plant ein Spitzentreffen zur Frage, wie deutsche Museen mit den als Raubgut der Kolonialzeit geltenden Benin Bronzen umgehen sollen. | Bild: picture allianca/ dpa / Fabian Sommer

Die Museen blockten dickfellig und systematisch jegliche Restitutionsgesuche ab. Statt auf die Bitten der Afrikaner einzugehen, verklärten die Museen, etwa in Berlin, den Raub als wissenschaftliche "Rettungstat". Die deutschen Museen maßten sich an, über fremdes Eigentum zu wachen und zu bestimmen. "Aus heutiger Sicht müssen wir ganz klar sagen, dass das Fehler waren. Einfach diese Wünsche von afrikanischen Ländern, Teile ihres Erbes wiederzubekommen, überhaupt nicht ernst zu nehmen," erklärt Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. "Das ist damals von europäischen und deutschen Museumsverantwortlichen doch abgebügelt worden."

Und heute? Seit 2010 gibt es immerhin den Benin Dialog. Sein Ziel: die lange überfällige Rückführung der Bronzen in ihre Heimat. In der Gruppe: Nigerianer*innen und europäische Museumsleute, gleichberechtigt. "Das war ein sehr langer Prozess der Vertrauensbildung, und ich glaube auch, dass diese Gruppe dazu beigetragen hat, dass es ein größeres Vertrauen gibt und ein besseres Verständnis über die Rahmenbedingungen, in denen beide Seiten agieren," so Barbara Plankensteiner vom Benin Dialog.

Es kommt Bewegung in den Fall

Dazu gehört, dass die deutschen Museen nicht frei über ihre Kunstwerke verfügen, da sie der öffentlichen Hand gehören. Und in der Politik ist man schon stolz, wenn man endlich den Einzelfall Benin klärt. Mit der üblichen föderalen Umständlichkeit. "Weil das nur mit einer nationalen Strategie passieren kann, habe ich zum Ende des Monats die Museumsverantwortlichen in deren Besitz sich Benin-Bronzen befinden, hier ins Kanzleramt eingeladen, zusammen mit den politisch Verantwortlichen auf der kommunalen oder der Ministerebene in den Ländern. Nur so kann eine Strategie gelingen, die selbstverständlich auch Rückgaben mit einschließt," sagt Monika Grütters.

Historiker Jürgen Zimmerer im Interview.
"Das Humboldt-Forum muss in ein antirassistisches und antikoloniales Forum umgewandelt werden," sagt Historiker Jürgen Zimmerer. | Bild: Screenshot

Bénédicte Savoy sagt klar: "Es ist etwas, was forciert werden muss. Durch uns, die wir heute Erwachsene sind. Ich finde es unverantwortlich, wenn wir diese Debatte unseren Kindern überlassen." In Berlin hofft man, einige Bronzen mindestens als Leihgabe zu behalten, um sie hier dann mit Verweisen auf die Herkunftsgeschichte auszustellen. "Kontextualisierung" nennt sich das. Das könnte man auch auf das ganze Schloss anwenden, um die deutsche Kolonialgeschichte zu "würdigen".

"Müsste diese Barockfassade mit Stacheldraht brechen, um zu sagen: Jeder der das Humboldt Forum, dieses Preußenschlosses betritt, kann gar nicht anders als über diese Geschichte zu reflektieren," erklärt Jürgen Zimmerer. "Und das geht angesichts der Größe und Wucht des Gebäudes nicht mit kleinen Schrifttafeln und einzelnen Räumen, sondern das Humboldt Forum muss in ein antirassistisches und antikoloniales Forum umgewandelt werden." ttt über ein langes, für Deutschland wenig rühmliches Kapitel im Umgang mit kolonialem Raubgut.

(Beitrag: Thorsten Mack)

Stand: 11.04.2021 19:24 Uhr

5 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 11.04.21 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
für
DasErste