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Borussia Dortmund und die Rechten

PlayDer Fanblock von Borussia Dortmund
Borussia und die Rechten | Video verfügbar bis 17.03.2020 | Bild: imago / Thomas Bielefeld

Borussia Dortmund – ein Spitzenteam der Fußballbundesliga. Was viele nicht wissen: Spieltag für Spieltag hat der Verein aus dem Ruhrgebiet Rechtsextreme im Schlepptau, die sich unter die Fans mischen und das Image des Vereins und des Fußballsports insgesamt ruinieren. Jetzt versuchen der Verein und sein Sponsor Evonik gegenzusteuern. Das Chemieunternehmen Evonik, Hauptsponsor des BVB, ist Rechtsnachfolger u.a. von Degussa und I.G. Farben, jenen Unternehmen, die im Dritten Reich nicht nur das Zwangsarbeiterlager Auschwitz-Monowitz (Buna-Werke) mitbetrieben, sondern auch das Vernichtungsgas Zyklon B herstellten. Nun gibt es Workshops mit Fans, Ausstellungen zur Geschichte, Vorträge und Gesprächsveranstaltungen mit Holocaust-Überlebenden – auch das Stadionmagazin widmet sich dem Thema mit einem großen Sonderteil. Ist das nur Marketing und Imagereparatur? Oder ein ernsthafter und nachhaltiger Versuch, den Rechtsradikalismus in den eigenen Fanreihen erfolgreich zu bekämpfen?

"Die Wand" von Borussia Dortmund

Man nennt sie: "Die Wand"! Die Fans auf der Südtribüne von Borussia Dortmund. Weltbekannt, weil sie mit ihrer Leidenschaft wie eine Wand hinter dem Verein stehen. Doch zu dieser Wand gehören auch gewaltbereite Hooligans. Sie bringen die Borussia immer wieder in Verruf. Auch weil darunter Rechtsextreme sind. Erst Ende letzten Jahres hieß es: Rechte Hooligans würden die Südtribüne unterwandern. Wenige Wochen zuvor: ein großer Neonazi-Aufmarsch in Dortmund.

Fans von Borussia Dortmund
Fans von Borussia Dortmund  | Bild: Das Erste

Markus Langer Markensprecher des Hauptsponsors Evonik sieht das Problem auch in der Stadt Dortmund, da es keinen Erstligisten gibt, der in der Stadt so ein Rechtsextremismus-Problem hat. Auch der Leiter des Fan- und Jungendhauses des Vereins kennt die Probleme und meint, dass auch Borussia Dortmund gegensteuern muss: "Es gibt Rechte in der Stadt Dortmund. Und es wäre einfach zu sagen, das ist ein Problem der Stadt Dortmund. Aber der BVB ist Teil der Stadt, von daher gibt es logischerweise auch Fans, die rechts sind. Unser Ansatz ist es, das positive Netzwerk zu stärken und dass alle, die sich bisher noch nicht positioniert haben, an unseren Angeboten teilhaben können."

Kulturelle Angebote gegen das Vergessen

Leiter des Fan- und Jugendhauses von Borussia Dortmund Daniel Lörcher
Leiter des Fan- und Jugendhauses von Borussia Dortmund Daniel Lörcher  | Bild: Das Erste

Zu den Angeboten gehören seit acht Jahren Bildungsreisen nach Auschwitz. Daniel Lörcher organisiert sie und hat dazu die Chefs von Verein und Hauptsponsor eingeladen. Der Verein engagiert sich seither in zahlreichen Projekten gegen das Vergessen – auch Vizeweltmeister und Clublegende Lars Ricken ist aktiv dabei. "Letztlich greifen wir Spuren von Dortmunder Jüdinnen und Juden auf und gehen über den Punkt 'Sie wurden deportiert' hinaus, besuchen die konkreten Orte und versuchen vor Ort, die Dinge zu verorten. Für uns ist das sehr spannend, weil wir Fans im Alter 18–74 Jahren ansprechen können", so der Leiter des Fan- und Jugendhauses.

Einige der Fans, die auf der Auschwitz-Reise dabei waren, besuchen das Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Eine Ausstellung zeigt das mörderische Zwangsarbeitersystem der I.G. Farben, einer Vorgängerfirma von Clubsponsor Evonik. Das Engagement des Vereins löst viel aus. "Gerade heutzutage in der politischen aktuellen Situation ist es wichtig, dass man sich nochmal sensibilisiert und das weitergibt", so einer der Borussia Fans.

Es geht nicht um Schuldzuweisung

Schauspieler und Schriftsteller Christian Berkel
Schauspieler und Schriftsteller Christian Berkel  | Bild: Das Erste

Am Abend tritt Schauspieler Christian Berkel im Museum auf. Er liest diesmal nicht aus seiner jüdischen Familiengeschichte, sondern Texte von Primo Levi, der Zwangsarbeiter in Auschwitz-Monowitz war. "Es geht nicht um die einfache Zuweisung von Schuld, da geht bei den meisten Menschen sofort die Wand runter. Es geht einfach um das Angebot. Ihr seid alle ohne Geschichte nicht denkbar. Kein Mensch, der lebt, ist ohne Geschichte denkbar, ohne das was vor ihm war, denkbar", erzählt der Schauspieler.

Ist das Kulturprogramm nur ein Feigenblatt? Für den Verein? Für das Chemieunternehmen, dessen Vorgängerfirmen tief in Naziverbrechen verstrickt waren? Andererseits, wer wenn nicht Bundesligavereine und Großkonzerne stehen heute in der gesellschaftlichen Verantwortung, Position gegen rechts zu beziehen? Und an die Vergangenheit zu erinnern?

Markensprecher des BVB Hauptsponsors Evonik Markus Langer
Markensprecher des BVB Hauptsponsors Evonik Markus Langer | Bild: Das Erste

Markus Langer der Markensprecher von Evonik sagt: "Wenn ich in unser Archiv gehe, unser Konzernarchiv, dann gibt es ein Bild vom Management und Aufsichtsrat der Degussa, einer unserer Vorgängergesellschaften. Das Spannende an diesem Bild ist, dass es mich daran erinnert, dass 1933 kein einziger NSDAP-Mitglied davon war, aber 10 Jahre später war das Unternehmen in sämtliche Verbrechen des 3. Reichs verstrickt. Wie kann das sein? Das heißt, man konnte Mittäter werden ohne politische Affinität. Wenn wir das begreifen, dann ist das Bild gar kein Bild, sondern ein ferner Spiegel, der uns Leute zeigt, die wir selber sein könnten." Für den Leiter des Fan- und Jugendhauses von Borussia Dortmund geht es vor allem um die Erinnerungskultur und die Erinnerungsarbeit. Es sei wichtig, dass wir uns dies immer wiederkehrend neu bewusst machen. Nur so ließe sich der Brückenschlag herstellen, um aus der Vergangenheit etwas zu lernen.

Autor: Norbert Kron

Stand: 18.03.2019 15:47 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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