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71/72. Die Saison der Träumer

PlayEin Mann steht auf dem Rasen eines Fußballstadions
71 / 72. Die Saison der Träumer  | Video verfügbar bis 14.03.2022 | Bild: BR

Träume sind wahr, solange wir sie träumen. Es gibt Augenblicke, in denen die Welt leuchtend ist. Und hell. Die Himmel weich. Und alles scheint uns möglich. Vor 50 Jahren war das so. Teilweise. 

Archivbild eines jungen Mannes mit langen Haaren
Ton-Steine-Scherben-Sänger Rio Reiser | Bild: BR

"Macht kaputt, was euch kaputt macht", sang Rio Reiser damals. Nie, in der alten Bundesrepublik, war so viel Aufbruch. Und Widerstand. Deutschland ist jetzt jung. Endlich. Und voller Widersprüche. Skandale und Terror. Liebe und Anarchie. Anhand einer Bundesligasaison erzählt der Autor Bernd-M. Beyer wie das Land sich häutet: moderner wird, plötzlich ganz vorne ist, spieltaktisch und ästhetisch. Doch da sind auch: Gewalt und Bedrohung. Der fragile Fortschritt ist gefährdet.

Rock ist Politik, Fußballer sind Posterboys

"Wir wollen mehr Demokratie wagen. Und dann ging das halt den einen viel zu weit", sagt Bernd-M. Beyer, der das Buch "71/72 – Die Saison der Träumer" geschrieben hat. "Es gab damals in der damaligen Opposition, CDU/CSU, heftige Angriffe insbesondere gegen Willy Brandt. Zum Teil in einer Terminologie, wie man sie heute bei der AfD verorten würde. Und auf der anderen Seite ging das vielen, vor allem linken Jugendlichen natürlich viel zu langsam und auch nicht weit genug." 

Ein Mann mit weißen Haaren und Brille gibt ein Interview
Autor Bernd-M. Beyer | Bild: BR

Für die Jugend hängt alles zusammen. Rockmusik ist politisch, und Fußballer werden Posterboys. "Da hing dann George Best und Günter Netzer neben Jimi Hendrix, Jim Morrison oder Che Guevara", erinnert sich Beyer. "Und bei Paul Breitner hing sogar Mao Zedong an der Wand. Da vermischte sich also tatsächlich vieles."

"Ich lass mich von euch nicht belügen!"

Ein Star als Rebell. Welt- und Europameister. Das Angebot, Profi zu werden, habe er nur angenommen, sagt Paul Breitner, weil er damit sein Studium finanzieren konnte. 800 Mark Grundgehalt. Und doch: seine Grundwut, die er seit der Schulzeit mit sich herumträgt, wird er dadurch nicht los. "Wir lassen uns das, wie ihr uns behandelt, wie ihr uns belügt, nicht mehr gefallen", erinnert sich Paul Breitner. "Wenn ich überlege, was ich am humanistischen Gymnasium in Traunstein von Altnazis als Professoren erleben musste, dann war das für mich persönlich ein Hauptgrund zu sagen: 'Leute jetzt nicht mehr. Ich lass mich von euch nicht belügen!'" 

Ein Mann mit weißen Haaren steht in einem Fußballstadion
Europameister 1972 Paul Breitner | Bild: BR

In Berlin ist alles ein Stück rauer. Die Hinterhöfe sind finsterer, Treffen mit der Polizei robuster. Ton Steine Scherben schreiben den Soundtrack zur Lage. Sänger Rio Reiser wird zum Prophet der Szene. "Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität", singt er.

"Das war das Paradies"

Einfach spielen. Einen Haken, und noch einen. Der Matthews-Trick. Stan Libuda, Rechtsaußen auf Schalke, beherrscht das traumwandlerisch. Wenn es läuft. Nur dann. Nur auf dem Rasen. "Stan Libuda ist jemand, der seinen Traum eher verwirklicht sieht in der engen Geborgenheit einer Zechensiedlung, in der er aufgewachsen ist", sagt Beyer. "Rio Reiser war der Gegentyp dazu, der aus dieser provinziellen Enge ausbrechen wollte, ins quirlige Berlin ging, nach neuen Lebensformen suchte. Das waren zwei gegensätzliche Träume, die aber so ein bisschen die Widersprüche dieser Zeit auch ausdrücken."

Archivbild eines Fußballers mit blonden Haaren
An Gott kommt keiner vorbei, außer Stan Libuda | Bild: BR

 "Ich hab' geträumt, der Winter wär' vorbei", singt Rio Reiser im Scherben-Song "Der Traum ist aus". "Du warst hier und wir waren frei. / Und die Morgensonne schien. / Es gab keine Angst und nichts zu verlieren. / Es war Friede bei den Menschen und unter den Tieren. / Das war das Paradies."

Eintritt? Ihr seid doch gegen den Kapitalismus!

Ein Traum. Der ehemalige Mittelstürmer und Leadgitarrist der Scherben, R.P.S. Lanrue, weiß wie hart und holprig es tatsächlich war. "Wir hatten geliehene Autos. Und du darfst nicht vergessen: Wir waren eine Berliner Band. Wir mussten, wenn wir in Braunschweig oder Hannover gespielt haben, durch vier Grenzen, damals. Und immer rechts ranfahren. Und irgendeiner hatte irgendwie seinen Ausweis nicht dabei, Eine reine Strapaze. Deshalb wundert es mich, wie das überhaupt funktioniert hat. Und dann Leute zu agitieren war irgendwie nicht so einfach. Wenn dann Fragen kamen wie: 'Warum singt ihr deutsch?' Oder: 'Warum sollen wir Eintritt zahlen? Ihr seid doch gegen Kapitalismus!'" 

Archivbild eines Mannes mit schwarzen Hut
R.P.S. Lanrue, Leadgitarrist der Scherben | Bild: BR

Zurück zur Saison: Die Polizei fahndet nach Terroristen. Der Kanzler wird verleumdet wegen seiner Entspannungspolitik – und erhält genau dafür den Friedensnobelpreis. Viel mehr Leute interessiert der "Bundesligaskandal". Da haben Spieler sich bestechen lassen. Und dann gibt es da noch die Mannschaft, die zur EM fährt. "Die beste Mannschaft aller Zeiten – im deutschen Fußball", sagt Paul Breitner, der in der sogenannten "Jahrhundertmannschaft" spielte. "Weil es die perfekte Mischung war, aus jungen Wilden und aus gestandenen Weltklassespielern und gestandenen Senioren. Sigi Held und einige andere waren ja schon ein bisschen älter. Das war eine perfekte Symbiose, die sich gegenseitig nach oben geschaukelt hat."

Die RAF bombt, Deutschland wird Europameister 

Ende April: die Scherben nehmen das wichtigste deutsche Rockalbum auf, müssen aber unterbrechen. Misstrauensvotum gegen Willy Brandt. Zwei Tage später: Wembley. Geburt der "Jahrhundertmannschaft". Die RAF bombt sich durch die Republik, im Juni werden ihre Mitglieder verhaftet. Deutschland ist Europameister.

Auf einem Tisch liegt ein Buch mit rotem Cover
71/72. Saison der Träumer | Bild: BR

Am Rand stehen die beiden Protagonisten des Buchs: Stan Libuda, in den Bundesligaskandal verwickelt und nicht dabei. Und der wesentlichste deutsche Rocksänger, Rio Reiser. Die ganz große Karriere bleibt beiden verwehrt. Im Business sind sie Fremde. "Er hat auch wirklich ein Problem damit gehabt und ist vielleicht auch daran zerbrochen", erinnert sich R.P.S. Lanrue an Rio Reiser. "Der wollte auch, kurz bevor er starb, wieder zurück zu David-Volksmund-Produktion, dort seine Platte machen. Also: weg vom Business, back to the roots."

Weder reich noch glücklich

"Ich sehe ihn in der Menge an Spielern, die nur an einem Ort, in einem Verein, in einem Stadion zeigen können, was sie draufhaben", erinnert sich Paul Breitner an Stan Libuda. "Sensibelchen, die schon Panik haben, wenn sie zehn Kilometer weit weg in Urlaub fahren müssen." Es komme nicht von ungefähr, dass trotz ihrer Genialität Stan Libuda und Rio Reiser im Grunde an ihrer Kunst nicht wirklich etwas verdient haben, sagt Bernd-M. Beyer. "Die sind damit nicht reich geworden und auch nicht wirklich glücklich. Und ich glaube, es ist kein Zufall, dass beide auch in jungen Jahren, recht früh gestorben sind. Und sehr krank waren. Und zum Teil auch einsam." 

"Sie verstanden sich auf die Kunst des Spielens, nicht auf die Regeln des Spiels",  heißt es in diesem wunderbaren Buch, in dem sich die Stimmen überschlagen. Die Realität ist nichts für Träumer. Sie suchen etwas Größeres: Wahrhaftigkeit.

BUCHTIPP
Bernd-M. Beyer: "71/72. Die Saison der Träumer", Verlag Die Werkstatt, 2021

Autor: Lars Friedrich

Stand: 15.03.2021 10:12 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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