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Dirigentin Joana Mallwitz

PlayEine blonde Frau dirigiert ein Orchester
Dirigentin Joana Mallwitz | Video verfügbar bis 24.05.2021 | Bild: BR

Sie hat immer Brahms to go mit dabei. Im Handtaschenformat, randvoll mit Fragen, Ausrufezeichen, Anmerkungen. "Letzte Nacht habe ich nicht geschlafen bis vier Uhr morgens. Der Brahms läuft wie ein Zug auf Schienen durch den Kopf und man kriegt das überhaupt nicht raus", sagt die Dirigentin Joana Malwitz. "Das einzige, was hilft, ist, sich ganz intensiv mit etwas anderem zu beschäftigen, aber dann hat man das im Kopf." 

Ein blonde Frau auf der Konzertbühne
Mallwitz wird gefeiert | Bild: BR

Großartige Einzelstimmen zu Musik zu machen. Autorität, sagt Joana Mallwitz, entsteht durch das Ziel, dem alle folgen. "Das, was wir im Orchester-Probenraum, wenn wir unsere Sachen erarbeiten, da machen, finde ich, sollte überall im Leben viel mehr so sein. Wenn es einfach nur um die Sache geht und man das ganze Ego einfach weglässt, dann ist es so einfach." 

Mallwitz ist ein Ausnahmetalent

Seit zwei Jahren ist sie Generalmusikdirektorin in Nürnberg, wird von Kritik und Publikum gefeiert, für ihr Talent Klang zu formen, Musiker zu motivieren, für ihr spezielles Konzertformat, in dem sie komplexe Werke erklärt. 

Ein blonde Frau gibt ein Interview
Mallwitz im Interview | Bild: BR

In Corona-Zeiten hat sie das Format nochmals geändert und ins Internet verlagert. Jetzt erklärt sie Beethovens Siebente eben mit Mini-Orchestergruppen und am Flügel. Kammermusik, Open Air, Wandelkonzerte an mehreren Orten im Theater. Vieles ist möglich. Es gilt, den ganzen Konzert- und Opernbetrieb neu zu gestalten. "Die Zukunft hat sich verändert, einfach in dem Sinne, dass ich normalerweise weiß, was ich am 13. Mai 2022 tun werde. Der Kalender ist sehr voll. Und im Moment ist die Zeit einfach dazu da, sich zu besinnen und ganz prinzipiell wieder über diesen Beruf und diese Branche nachzudenken." 

Ihr Aufstieg ging atemberaubend schnell

Ihre Karriere begann mit 20. Sie war gerade von der Hochschule in Hannover ans Heidelberger Theater gewechselt, da sollte sie einspringen. Der Dirigent war erkrankt. Natürlich kannte sie Puccinis "Madame Butterfly", hatte sie mit den Solisten geprobt, aber nie dirigiert. Sie war 20, und sagte: Ja. "Im letzten Moment, ich war schon runter zum Orchestergraben, das Orchester hatte sich schon eingestimmt und unsere Souffleuse sagte mir noch: 'Stopp, stopp! Joana, du hast dein T-Shirt linksherum an.' Denn es ging alles so schnell. Ich war nach Hause gerannt und hatte mich schnell umgezogen, aber dann ging es in den Graben und ich weiß noch, ich weiß nicht mehr viel von dem Abend, ich weiß aber noch, dass ich währenddessen dachte: Aha, es fühlt sich eigentlich an wie Klavierspielen, nur halt nicht mit zehn Fingern." 

Ein blonde Frau sitzt im Opernhaus
2020 ist ihr Jahr | Bild: BR

Mit 13 las sie zum ersten Mal in einer Partitur: Schuberts Unvollendete, eine unbekannte aufregende Welt. Ihre Welt. Dass sie, wenn sie ihr Leben mit Partituren verbringen will, am besten Dirigentin wird, war lediglich die logische Folge. Ihre Eltern, keine Musiker, staunten. Noch im selben Jahr begann sie ihr Studium an der Hochschule Hannover: Klavier und Dirigat. "Bei der Aufnahmeprüfung, schon als ich gefragt wurde, was hörst du hier für einen Akkord und wo soll das hingehen, war mein Gefühl: Endlich fragt mich das mal jemand."

Mallwitz hat beides: Jugend und Erfahrung

Eine blonde Frau bedankt sich beim Publikum
Mallwitz ist ein Shootingstar | Bild: BR

Im Sommer sollte sie in Salzburg die Zauberflöte dirigieren, mit den Wiener Philharmonikern. Übrigens als erste Frau, die eine gesamte Aufführungsserie übernimmt. Der große internationale Schritt, vielleicht fällt er, wie so vieles, aus. Aber so denkt sie nicht. Sie denkt an Musik, an Stille und Klang. "Natürlich stelle ich mir vor, wie es wäre, die Zauberflöten-Ouvertüre zu beginnen und zu wissen, dass eigentlich, seit der Komposition dieses Stück, dieses Werk immer irgendwo auf der Welt gespielt wurde – und jetzt für sicherlich drei Monate nirgendwo. Und dann zum ersten Mal wieder diese drei Akkorde zu hören, das wäre natürlich ein riesiges Geschenk." 

Jugend und Erfahrung. Joana Mallwitz hat beides. Sie ist 33. Der große Orchesterklang, er wird zurückkommen, entfesselt und geformt auch von ihr. Die Welt wird zuhören.

Autorin: Angelika Kellhammer

Stand: 24.05.2020 20:46 Uhr

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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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