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100 Jahre Marcel Reich-Ranicki

PlayLiteraturkritiker Marcel Reich-Ranicki
100 Jahre Marcel Reich-Ranicki | Video verfügbar bis 24.05.2021 | Bild: BR

Deutschland kann sehr kalt sein. Seine Umarmungen tödlich. Wenn man nicht dazu gehört, als Fremder, als Ausländer, als Jude. Oder zum Beispiel, wenn sich die hiesige Unterhaltungsbranche versammelt und die eigene Großartigkeit feiert. Einer wollte da nicht mitmachen. "Ich möchte niemanden kränken, niemanden beleidigen oder verletzen. Nein, das möchte ich nicht", sagte er beim Deutschen Fernsehpreis 2008. "Aber ich möchte auch ganz offen sagen: Ich nehme diesen Preis nicht an!"

"Er war klug genug, das misstrauisch zu betrachten", sagt der Kritiker Volker Weidermann. "Er wusste: Wem das passiert ist, was ihm passiert ist, von einem Land rausgeschmissen und von einem Volk zum Tode verurteilt zu werden, der vertraut nie wieder."

Er geht ins Deutschland der Täter

Die Geschichte fängt 1938 an. Marcel Reich hat gerade in Berlin Abitur gemacht – und wird, als Jude, von den Nazis nach Warschau ins Ghetto deportiert. Tod und Terror. Reich verliert alles, nur nicht seine große Liebe zur deutschen Literatur. Nach dem Krieg wird er in Polen Kommunist, Diplomat und wohl auch Spion. 

Der junge Marcel Reich-Ranicki
Der junge Reich-Ranicki | Bild: BR

Er geht ins Deutschland der Täter. 1964, die Gruppe 47 tagt. Eine Männergesellschaft, ehemalige Wehrmachtsoldaten, Jungschriftsteller. Und ein Jude, der eben aus Polen geflohen ist. "Die Hauptfrage, die ich mir bei vielen Texten, die hier gelesen wurden, gestellt habe, ist eine sehr primitive Frage, aber ich stelle sie immer bei der Literatur, ich halte sie für dringend nötig: Wozu ist das eigentlich geschrieben worden? Hier sind ab und zu Sachen vorgelesen worden, bei denen man den Eindruck hatte, der Autor kann einiges ausdrücken, nur weiß er nicht, was er damit machen soll. Er hat nichts zu sagen. Was hat den Autor veranlasst, das zu schreiben?" 

"Wer zur deutschen Literatur der Gegenwart gehört, das entscheide ich!"

"Er hat den Zirkus miterrichtet", sagt Volker Weidermann. "Er hat diese unglaubliche Aufmerksamkeit, welche die deutsche Literatur in der Nachkriegszeit hatte, im Wesentlichen mitgeprägt. Er hat den ganzen Lärm gemacht, den die Autoren ja auch brauchen, im Widerstreit mit der Kritik, auch mit dem Publikum. Da war er die entscheidende Stimme. Und er war derjenige, der die Autoren befeuert hat, auch durch seine negativen Kritiken vielleicht angetrieben hat, bessere Bücher zu schreiben. Aber vor allem hat er es erreicht, eine Aufmerksamkeit beim Publikum zu schaffen. Das können die Bücher alleine meistens nicht oder zumindest nicht in dieser fantastischen Lautstärke und Leidenschaft." 

Schwarzweißbild Marcel Reich-Ranicki
Reich-Ranicki bei der Gruppe 47 | Bild: BR

Arbeit Tag und Nacht. Marcel Reich-Ranicki schreibt Kritiken für "Die Zeit", "Der Spiegel", "Die Welt“. FAZ-Herausgeber und Hitler-Biograf Joachim Fest holt ihn als Literaturchef zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ein Triumph. "Und wer zur Literatur, zur deutschen Literatur der Gegenwart gehört, das entscheide ich!"

Klarheit statt akademischer Ton 

"Sie werden eine Unmenge von absichtlichen Fehlurteilen über Reich-Ranicki hören. Und sie werden das einzige nicht hören, was wirklich stimmt: Er war kein netter Mann", sagt der Schriftsteller Maxim Biller. "Das wird ihnen keiner sagen. Das sage ich Ihnen. Ein netter Mann war er nicht! Er hat sehr genau gewusst, wie man Politik macht – um das so fein auszudrücken –, um zu überleben. Legitim! Ich bin sicher, dass er auch den einen oder anderen Autor einfach nicht besprechen ließ, als Literaturchef der FAZ, weil er ihn nicht mochte. Aber die anderen Arschlöcher machen das doch genauso." 

Gegen den hohen Ton des akademisch dominierten Feuilletons setzte Reich-Ranicki die klare Sprache des Journalismus. Ein brillanter Rhetoriker. Sehr schnell, gern ziemlich deutlich, oft polemisch. Getrieben von der Suche nach Anerkennung: Ein jüdischer Intellektueller in Deutschland. Er hatte die Macht. Aber er gehörte nicht dazu. "Ich verwende das Wort das Wort 'deutsch' bezüglich meiner Person oft und gern, aber immer als Adjektiv", sagte Reich-Ranicki 2001. "Ich bin ein deutscher Kritiker, deutscher Literaturkritiker, vielleicht ein deutscher Schriftsteller. Ein Deutscher bin ich nicht. Da wird nichts mehr draus werden." 

Fernsehkarriere mit 68 Jahren

Archivbild eines Mannes im Zug
Arbeit im Zug | Bild: BR

Als er wirklich berühmt wurde, als ihn plötzlich alle liebten, begann er zu ahnen, dass es vielleicht doch ein Fehler gewesen war, mit 68 Jahren noch eine Fernsehkarriere anzufangen: mit dem "Literarischen Quartett". "Es wäre wirklich ungerecht, wollte man mich und meine Leistung nach dem 'Quartett' beurteilen", sagt Reich-Ranicki 1999. "Meine eigentliche Leistung ist und bleibt die geschriebene, die gedruckte Kritik." 

Ein Bestsellerautor, von Politikern gelobt, mit Preisen geehrt. Populär und einsam. Die Schatten des Ghettos haben ihn dabei wohl immer begleitet in diesem Land. "Man sollte sich wieder mehr beschäftigen mit seinen Texten", sagt Maxim Biller. "Denn es hieß zum Beispiel immer, der schreibt so trocken, so normal. Stimmt nicht. Er hat eine ganz besondere Prosa geschrieben. Er hat so kristallklar argumentiert!" 

Fehlt er? Er jedenfalls hat getan, was er konnte. Die deutsche Literaturkritik, die deutsche Literatur, ist ein bisschen besser geworden. Und Deutschland, vielleicht, weniger kalt.

BUCH-TIPP
Volker Weidermann: "Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki", Kiepenheuer&Witsch

Autor: Armin Kratzert

Stand: 24.05.2020 20:35 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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