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Liebe, Hass, Gier: eine Kartographie der Leidenschaften

PlayEine junge, dunkelhaarige Frau und ein Mann mit grauen Haaren sehen sich an
Liebe, Hass, Gier: eine Kartographie der Leidenschaften | Video verfügbar bis 19.01.2021 | Bild: BR

Der Mensch existiert in Vernunft, sagt man. Durch seine Leidenschaften aber lebt er. Sie machen ihn zum Menschen. Sein Gefühl lockt ihn oft auf die falsche Spur. Und doch vertraut der Mensch ausgerechnet dem Gefühl am meisten. "Die Leidenschaften sind aus höchst sensibler Materie zusammengesetzt und bilden unsere Existenz", sagt Charlotte Casiraghi. "Sie sind die Grammatik all unserer Empfindungen." 

Die Philosophin und ihr Lehrer. Charlotte Casiraghi, Tochter von Caroline, Prinzessin von Monaco, hat mit Robert Maggiori ein Buch geschrieben über die Philosophie der Gefühle. Von der Liebe in den Hass.

 Eifersucht ist Leidenschaft

"Von einer Leidenschaft spricht man, wenn ein Gefühl die Vorherrschaft über die anderen übernimmt und damit alle anderen Gefühle ausschaltet", sagt Robert Maggiori. "Das eindeutigste Beispiel ist die Eifersucht. Eifersucht ist eine Leidenschaft. Sie verdrängt alles andere." Die Eifersucht erwächst aus der Furcht, das zu verlieren, was wir schon haben. Deshalb ist die Eifersucht komplexer als der Neid. Sie quält sich am Sein und der Existenz des anderen. Nicht an dem, was er hat.  

Ein Mann schreit wütend In Richtung Kamera
Eine Philosophie der Gefühle | Bild: BR

Gefühle sind eindeutig, aber lassen sich nicht einfach voneinander trennen. Sie bilden einen Archipel, eine zusammenhängende Inselgruppe. "Dieses Bild haben wir gewählt, weil es bei einem Archipel keine festen Grenzen gibt", sagt Charlotte Casiraghi. "Er besteht aus lauter Inseln, die sich berühren, zusammenkommen, auseinander gehen, die aber aus einer Materie sind."

Ihre Großmutter war Grace Kelly

Die Philosophie ist die Kunst der Abstraktion. Das Gefühl, das Impulsive mit Ratio einzufangen: das ist ein ehrenhaftes, vielleicht unmögliches Vorhaben. 

Bislang war sie Springreiterin. Charlotte Casiraghi, Enkeltochter von Grace Kelly und Rainier, Fürst von Monaco. Sie ist vier, als ihr Vater Stefano Casiraghi bei einem Bootsunfall stirbt. Sie hat an der Sorbonne Philosophie studiert, in Monaco einen philosophischen Kreis mitgegründet. Das Buch entstand, angenehm altmodisch, bei Spaziergängen und Gesprächen mit ihrem Lehrer. Und doch spiegelt es die Gegenwart.

Die Verzweiflung ist Stoff des Seins

Rot
Populismus zielt auf Affekte | Bild: BR

"Die Melancholie ist eine Krankheit der Zeit", sagt Charlotte Casiraghi. "Denn ein Melancholiker hat keinerlei Interesse mehr an einer Zukunft. Es ist schwer, sich mit seiner eigenen Melancholie auseinander zu setzen. Denn man befürchtet natürlich, dass man ihr nie mehr entkommen kann." Die Verzweiflung ist längst nicht außerordentlich, sondern der Stoff des Seins, sagt Kierkegaard. Die Verzweiflung ist nicht der seltene Fall. Im Gegenteil.

Bauch gegen Kopf

Das Buch ist Casiraghis totem Vater Stefano gewidmet. Es ist ernst und ruhig. Auch ein Appell gegen die Populisten, die Verführer, diejenigen, die mit dem Gefühl arbeiten. Gegen dich. "Am Anfang kann man sich noch sehr effektiv verständlich machen, wenn man den Bauch anspricht – er ist ja recht flexibel", sagt Robert Maggiori. "Tatsächlich wird es aber eher gefährlich, wenn ich nur den Bauch anspreche. Wenn ich niemals den Kopf anspreche, wird sich der Bauch irgendwann gegen mich wenden. Wenn man Hass und Angst verkauft, verkauft man im Endeffekt gar nichts."

Die Populisten von heute rufen Affekte ab. Gemüts-Aufwallungen in enger Taktung. Das funktioniert billig und schnell. Der ratternde Rhythmus der Gefühlsänderungen lenkt davon ab, dass es keine Stimmungen mehr gibt, keine Dauer. Wir sind Masken geworden. Selbstdarsteller. Der Mensch will Gefühl sein, ist aber allzu oft nur noch die Behauptung davon. 

Liebe führt zu Gerechtigkeit

Eine junge, dunkelhaarige Frau und ein Mann mit grauen Haaren werden interviewt
Maggiori und Casiraghi | Bild: BR

"Die sozialen Netzwerke haben dazu beigetragen, dass man immer mehr zum Betrachter seiner selbst und seiner Emotionen wird", sagt Charlotte Casiraghi. "Das erschwert allerdings das Empfinden eines wahrhaft tiefgründigen Gefühls, in dem wir uns wirklich wiederfinden und das wir ausdrücken können. Ein solches Gefühl wird aber nicht mit nur ein paar Worten oder einem Foto transportiert." Wer eine Person liebt, weiß, dass alle der Liebe würdig sind. Liebe führt zu Gerechtigkeit. Einer von vielen schönen Gedanken in diesem wunderbar altmodisch aktuellen Buch.

BUCH-TIPP
Charlotte Casiraghi / Robert Maggiori: "Archipel der Leidenschaften. Kleine Philosophie der großen Gefühle" C. H. Beck Verlag

 Autor: Andreas Krieger

Stand: 19.01.2020 23:35 Uhr

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