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Die Ausstellung "Wände I Walls"

PlayEine bunte besprayte Wand im Museum
Die Ausstellung "Wände I Walls" | Video verfügbar bis 04.10.2021 | Bild: Kunstmuseum Stuttgart
Skulptur eines Pferdes, das den Kopf in die Wand steckt
Skulptur von Maurizio Cattelan | Bild: Kunstmuseum Stuttgart

Angriff auf die Wand. Ein Gebilde, das der deutsche Artikel als weiblich definiert. Für Monica Bonvicini dagegen Ausdruck einer von Männern errichteten Welt. "Ich glaube an die Haut der Dinge, wie an die Haut von Frauen", zitiert ihre Installation Le Corbusier. Oder andere Architekten wie Adolf Loos: "Eine horizontale Linie: die liegende Frau. Eine vertikale: der Mann, der sie penetriert." 

Nach dieser Ausstellung werden die eigenen vier Wände nie wieder so harmlos aussehen wie vorher. Was ist das für ein musealer Coup! Dreißig Arbeiten, die die Wand in ihre Bestandteile zerlegen – und wir mittendrin. Voneinander getrennt durch die unsichtbare Nummer 31. Kein Konzeptkünstler hätte das besser arrangieren können.

Das Unangenehme soll draußen bleiben – das ist unser Wunsch

Skulptur eines Reifens an der Wand
"Zeit ist keine Autobahn" von Michael Sailstorfer | Bild: Kunstmuseum Stuttgart

"Das ist das Spannende, dass der Mensch in dem Moment, in dem er sesshaft wurde, auch anfing, sich ein Gehäuse zu bauen", sagt Anne Vieth, Kuratorin am Kunstmuseum Stuttgart. "Irgendwann wurden es gebaute Wände. Aus der gebauten Wand entwickelte sich die Stadtmauer. Das ist die Ambivalenz, die wir in uns tragen, dass wir uns auf der einen Seite schützen wollen und vor allen Dingen auch selbst nicht ausgegrenzt werden wollen."

Robert Gobers "Drain": Unser Wunsch, das Unangenehme irgendwo da draußen zu lassen. Eine vergebliche Anstrengung. Die Schrecken dieser Welt dringen durch jede Mauer und jedes Tapetenmuster, so wie in den Arbeiten von Parastou Forouhar.

Man hinterfragt den Kunstbetrieb

Ein Telefon in einem Labyrinth. Menschliche Kommunikation als Hindernisparcours. In jeder Ausstellung, in der die Installation steht, soll das Gerät einmal klingeln. Wer dann abhebt, spricht mit der Künstlerin persönlich. "Hello, this is Yoko!" Ja, genau. Die Yoko, deren eigenes Werk ein Leben lang durch eine Wand namens John Lennon verschattet wurde. Und nun stellen Sie sich vor: Es klingelt. Und Sie finden nicht schnell genug den Weg durch die Glaswände.

Schwarzweißbild zweier nackter Menschen
Performance von Ulay und Marina Abramović | Bild: Kunstmuseum Stuttgart

Unser ewiger Kampf mit den Grenzen und Beschränkungen, die uns diese Welt setzt – er endet oft so skurril wie bei Maurizio Cattelan. Oder er verläuft so schmerzhaft wie in den Selbstkasteiungen von Marina Abramović und Ulay. Daran gemessen wirken die ganzen Arbeiten, in denen Künstler die weißen Museumswände attackieren und das Verhältnis von Kunstwerk und Raum thematisieren, fast wie eine Petitesse. Man hinterfragt den Kunstbetrieb und bleibt doch Teil davon.

Das Kontrastprogramm zum hermetischen White Cube

Eine bunte Wand mit der Aufschrift "Marktstation"
Ausstellungsansicht "Walls" | Bild: Kunstmuseum Stuttgart

Man bewegt sich hier an einem Kunst-Ort, der offener und durchlässiger kaum sein könnte. Im Bahnhof darf sich die heimische Graffiti-Szene als Teil der Walls-Ausstellung präsentieren. Sinnigerweise nur auf Leinwand oder Rigips, weil die Wände des denkmalgeschützten Baus nicht besprüht werden dürfen. Egal. Wo, wenn nicht hier, sollte man Kalligraphie zeigen, die sich aus einer Subkultur heraus entwickelt hat und die der szeneferne Betrachter noch immer als Botschaft aus einer Parallelwelt interpretiert?

"Viele Leute erwarten hinter den Worten eine Message, die vertreten wird", sagt Moritz Vachenauer, Kurator der Secret Walls Gallery. "Das ist aber nicht unbedingt der Fall. Es geht oft einfach um die Ästhetik und das Formspiel an sich. Und man hat mit den Buchstaben einen sehr guten Grund, damit anzufangen."

Bunt bemalte Wand
Über die Wand | Bild: Kunstmuseum Stuttgart

Die Graffiti-Ausstellung muss schon in wenigen Wochen dem Umbau der Bahnhofshalle in einen geleckten Konsumtempel mit vielen kahlen Wänden weichen. Vielleicht lässt sich ja der eine oder andere Sprayer von Lawrence Weiners Botschaft im Kunstmuseum ermutigen: Hinter jeder Wand wartet schon die nächste. 

AUSSTELLUNG
"Wände / Walls", Kunstmuseum / StadtPalais Stuttgart, bis 31. Januar 2021

Autor: Henning Biedermann

Stand: 04.10.2020 20:09 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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