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Der 100-jährige Weltdeuter James Lovelock

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Der 100-jährige Weltdeuter James Lovelock | Video verfügbar bis 19.01.2021 | Bild: BR

Leben ist ein Rätsel. Es ist da. Seit 3,7 Milliarden Jahren. Der Mediziner, Chemiker und Geophysiker James Lovelock sagt: Es ist der Planet Erde selbst, der lebt. Und der Mensch hat daran teil. Diese globale Sicht galt vor 50 Jahren noch als Pseudo-Religion. Heute gilt Lovelock als wissenschaftlicher Visionär. Ein Asteroid ist nach ihm benannt. Leben, sagt er, ist selbstregulierend. Und ein Privileg. 

Ein alter Mann mit weißen Haaren
Mediziner, Chemiker und Geophysiker Lovelock | Bild: BR

"Ich kann nicht älter als ein oder zwei Jahre gewesen sein", erinnert sich James Lovelock. "Es war wie ein Traum. Ich lag in Omas Garten wahrscheinlich in einem Kinderwagen. Es war ein schöner, sonniger Sommertag. Und obwohl ich noch keine Worte hatte, war dieses Empfinden da: 'Oh. So ist das! Okay!' Dann bin ich wohl wieder eingeschlafen. Es war nur ein Moment, ein kurzes Aufblitzen von Bewusstsein."

Einmal hat Lovelock die Erde gerettet

Dieses Aufblitzen liegt fast ein Jahrhundert zurück. Seitdem hat Lovelock jede Menge wissenschaftliche Geräte erfunden, 50 Patente angemeldet. Er blieb ein Außenseiter und autonom. Die Erde hat er immer verteidigt gegen menschliche Ignoranz. "Die Sprache selbst ist das Handicap. Wir entwickelten die Sprache. Das ist gar nicht lange her und war nützlich. Aber Sprache verläuft linear, nach dem Prinzip Ursache und Wirkung und so denken wir auch. Aber die Welt ist anders. Die wirkliche Welt ist multidimensional." 

Archivbild einer Frau, die Haarspray benutzt
Treibgas FCKW | Bild: BR

Einmal übrigens hat Lovelock die Erde schon gerettet. Er hat als erster das Treibgas FCKW in der Luft nachwiesen, das die Ozonschicht der Atmosphäre zerstört. Das Gerät dafür hat er natürlich selbst erfunden. "Ich war neugierig, warum wir im Sommer immer so diesige Tage hatten, wenn der Wind aus Europa kam. Ich habe angefangen zu messen. Es war dreimal mehr Dunst als an den Tagen, wenn der Wind vom Atlantik kam. Ich fragte mich also, gibt es eine Substanz, die nachweislich nur vom Menschen sein kann, die so in der Natur nicht vorkommt. Und FCKW war so ein Stoff für einen Nachweis, fast nichts auf der Welt verbindet sich mit Fluorid."

 Auch mit 100 Jahren interessiert ihn die Zukunft

James "Mr. Q" Lovelock hat nicht nur für den Britischen Geheimdienst gearbeitet, sondern auch für die NASA. 1961. Man suchte außerirdisches Leben und Lovelock konstruierte winzige Geräte, die dann die Marsatmosphäre untersuchten. Jetzt, so glaubt er, geht das Anthropozän, das Zeitalter des Menschen, zu Ende. Er hat lange für den Schutz des fragilen Planeten geworben, hat gewarnt, gekämpft. Mit Hundert interessiert ihn vor allem die Zukunft. 

Alter Mann mit weißen Haaren
James Lovelock erzählt | Bild: BR

"Es ist faszinierend, dass wir Tiere Millionen mal schneller sind als Pflanzen. Die nächste Lebensform wird eine Million Mal schneller sein als wir. Aber das heißt ja nicht, dass wir dann überflüssig sind. Würden wir Pflanzen abschaffen, hätten wir ein echtes Problem."

Komm ins Offene

Apokalyptische Visionen sind ihm fremd. Auch deshalb habe er dieses neue Buch geschrieben, gegen platte KI-Monster und Untergangsszenarien. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Lovelock spekuliert über Hyperintelligenzen, Photonen, Energie und Telepathie und sagt dabei mit jedem Satz: Komm ins Offene. 

Dunkler Himmel über Strand
"Je freier man atmet, desto mehr lebt man." | Bild: BR

„Ich bin in einem Alter, wo ich jeden Moment tot umfallen kann“, sagt Lovelock. „Es beunruhigt mich nicht. Wenn ich morgens aufwache, denke ich nicht, oh Gott, vielleicht ist das heute der letzte Tag. Nein. Es ist eine Frage der Einstellung. Wenn du ein unglücklicher Mensch bist, hast du Angst vor dem Tod. Was seltsam ist, denn wenn du unglücklich bist, ist es doch egal.“

Der hundertjährige James Lovelock ist glücklich. "Es ist ja so, je freier man atmet, desto mehr lebt man." Gerade schreibt er an seinem nächsten Buch. Über das Leben.

BUCH-TIPP  
James Lovelock: "Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz", C. H. Beck Verlag

Autorin: Angelika Kellhammer

Stand: 19.01.2020 23:35 Uhr

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