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Die neue Einsamkeit – über die Gesellschaft und die Conditio Humana

PlayEin blaues Buchcover zeigt ein iPhone
Die neue Einsamkeit – über die Gesellschaft und die Conditio Humana | Video verfügbar bis 14.03.2022 | Bild: Hoffmann Campe Verlag

"Womöglich sind sie die Ersten, die aus einem Paradies vertrieben werden, das gerade zerfällt. Die ersten Astronauten, die es jetzt wirklich mit Scheinwelten zu tun haben. Denn sie wissen nicht mehr, was sie sehen. Was sie sehen wollen. Was sie sehen sollen." Das hier ist keine Dystopie. Diana Kinnert schreibt über ihre Generation. Sie nennt sie "Generation lost". 

Eine junge Frau mit Angelhut steht an einem See und blickt in die Kamera
Autorin und Politikerin Diana Kinnert | Bild: BR

"Ich beschäftige mich mit dem Thema Einsamkeit schon seit einer ganzen Weile", sagt Kinnert, die nun das Buch "Die neue Einsamkeit" geschrieben hat. "Und ich interpretiere das als einen Rückzug. Und zwar vor Überforderung, Komplexität, Beschleunigung und Fragmentierung. Alle Studien sagen, dass sämtliche jungen Generationen extrem einsam sind, obwohl wir ja eigentlich die erreichbarste und vernetzteste Generation aller Zeiten sind." 

Die Einsamkeit ist eine Geisel

Einsamkeit ist ein globaler Trend, der durch die Corona-Krise beschleunigt wird. In Deutschland sind 14 Millionen betroffen. Jeder sechste fühlt sich häufig oder ständig einsam. Mediziner sprechen von einer Epidemie, Soziologen von einem postsozialen Zustand, in dem wir alle beieinander sind, aber keiner sich mehr zugehörig fühlt. "Das Einsamkeitsgefühl selbst bezeichnet ein defizitäres Gefühl, dass ich das, was ich mir an sozialem Austausch, an sozialer Verbindlichkeit und an sozialer Intimität wünsche, nicht erreichen kann", sagt Kinnert.

Eine Frau tippt auf ihrem Handy
ständig erreichbar, immer online | Bild: BR

"Bei den Alten hat es natürlich in gewisser Art und Weise sehr oberflächlich damit zu tun, dass die in der Mitte der Gesellschaft nicht richtig stattfinden und ihnen die agierenden Infrastrukturen fehlen. Bei einer jungen Generation hat es etwas mit Kontaktscheu, mit einer Reibungsvermeidung, mit dem Verlust von einem selbst zu tun." Was das bedeutet, kann man auf TikTok sehen, Plattform der jüngsten Generation. Unter dem Hashtag "cottagecore" gehen Videos viral, die das Landleben feiern, Harmonie und Autarkie – meist ohne Menschen.

Einsamkeit erhöht die Sterblichkeit

Loneliness. In Japan, dicht besiedelt, ultramodern: allgegenwärtig. Hier gibt es die Hikikomori, eine Million junge Menschen, die sich im Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft verweigern. Japan und England haben inzwischen ein eigenes Ministerium für Einsamkeit. Kein Witz. Notwehr! "Einsamkeit", heißt es dort, "ist eine reale und diagnostizierbare Geißel."

Ein Mann macht ein Selfie von sich
Kinnert spricht von "Entzwischenmenschlichung" | Bild: BR

"Ich glaube, dass das am Ende nicht nur die Solidarität, den Zusammenhalt und das, was Politik eigentlich auszeichnet, nämlich dass wir uns als Gemeinwesen verstehen, bedroht, sondern es tötet auch uns als Menschen", sagt Kinnert. "Es macht uns zutiefst krank. Es führt zu Paranoia, Angstzuständen, Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen. Es hat einen klaren Einfluss auf unsere Sterblichkeit. Und ich denke, dass wir uns damit in einen Gesellschaftszustand hin bewegen, der uns auf direkteste und unmittelbarste Art und Weise spiegelt, dass er uns krank macht und dass wir deswegen so nicht weitermachen dürfen." 

Die Linksradikale der CDU?

Was ist passiert? An welcher Stelle sind wir falsch abgebogen? Diana Kinnert deutet Einsamkeit als Symptom gleich mehrerer Fehlentwicklungen. Viele Jahre hat sie zum Thema geforscht und gearbeitet – auch in der Politik. Schon mit 17 ist sie in die CDU eingetreten. "Ich bin jemand, der früh im Leben, schon zu Schulzeiten, extrem christlich sozial geprägt war. Ich habe mich explizit auch mit christlich sozialer Programmatik und der Konzeption der sozialen Marktwirtschaft beschäftigt. Und heute sehe ich eine Marktwirtschaft, von der ich das Gefühl habe, sie ist gestört, weil sie nicht mehr wirklich auf Haftung und Verantwortung setzt, sondern auf den schnellen Exit, weil unsere Erwerbsbiografien voller Brüche sind."

Wer mag, kann Kinnert eine Linksradikale in der CDU nennen. Sehr jung. Offen lesbisch. Migrationshintergrund. Merkelfan. Früher Mitarbeiterin von Peter Hinze. Eine neue Generation, die traditionelle Rechts-Links-Scharmützel und Rollenmuster alt aussehen lässt. Und, tatsächlich, sie angelt gern. War das nicht das Einsamkeitsklischee schlechthin? "Ich bin durch meinen Vater zum Angeln gekommen, als ich noch ganz klein war. Für mich ist es heute auch ein Symbol des Rückzugs aus einer sehr turbulenten Welt. Ich finde, dass man dadurch eine andere Demut lernt. Und ich glaube, dass das für mich ein Sinnbild von Anti-Einsamkeit ist."

Wir spiegeln die Erwartungen der Gesellschaft

Der Mensch, sagt Kinnert, ist ein "ultrasoziales Säugetier, sein Gehirn ist verdrahtet, um auf andere Menschen zu reagieren". Wenn er sich separiert, verkümmert er. Kinnert spricht von "Entzwischenmenschlichung". Der Preis einer hyperliberalen Moderne, die uns programmiert auf maximale individuelle Entfaltung. "Ich glaube, wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir Individualisierung ganz grundsätzlich neu betrachten müssen, auch mit einer neuen kulturellen Reife", sagt Kinnert.

"Die Individualisierung hat uns und vor allem diskriminierten Gruppen ja grundsätzlich neue Freiheiten und Privilegien zugewonnen und zugesprochen. Aber ich denke, dass das eben auch Schattenseiten hat. Wir sind in einem Fetisch von Ego-Kapitalismus, von der totalen Flexibilität. Und dann spiegele ich nicht mehr ich mich selbst, sondern die Erwartungen der Gesellschaft an mich."

Das Bedürfnis nach Nähe ist systemrelevant

Das Virus dieser Epidemie der neuen Einsamkeit kommt aus der Ökonomie. Die Jugend nomadisiert heute von Job zu Job. Es gibt keine Sicherheit. Vertrauen und Intimität werden Wagnis. Man beendet Beziehungen früher, hat weniger Freunde, kennt die Nachbarn nicht mehr. Kann man alles ändern, sagt Kinnert, und zwar mit Politik.

"Ich glaube, dass unsere Demokratie ja genau ausmacht, dass wir unsere Systeme mit entwerfen und mitgestalten können. Ich erlebe bei einer jungen Generation, dass sämtliche ökonomischen Bedingungen schlechter sind als relativ gesehen vor 10, 20, 40 Jahren. Und ich glaube, dass es da um neue Arbeitnehmerrechte-Verhandlungen gehen muss. Das braucht ein neues Management, wie ich als junger Arbeitnehmer mir trotzdem ökonomisch sicher sein kann. Und dann sitze ich so fest im Sattel, dass ich mich auch wieder in Verbindungen trauen kann." 

"Das Bedürfnis nach Nähe ist systemrelevant", sagt Diana Kinnert am Schluss ihres klugen wie beklemmenden Buches. Doch der Kampf gegen die Einsamkeit braucht mehr als eine Lobby. Gesucht wird, so paradox es klingt, "eine Armee der Fühlenden." 

BUCHTIPP
Diana Kinnert: "Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können", Hoffmann und Campe Verlag, 2021

Autor: Rayk Wieland

Stand: 14.03.2021 18:54 Uhr

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