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Die Große Grüne Mauer

PlayEin Mann steht unter einem Baum in der Wüste
Die Große Grüne Mauer | Video verfügbar bis 27.03.2023 | Bild: Weltkino Verleih

Tony Rinaudo ist der Mann, der in Afrika Wälder wachsen lässt, ohne einen einzigen Baum zu pflanzen. "Ich konnte nicht sehen, was es da alles gab. Wenn du in ein dürres Land kommst, denkst du, du müsstest etwas tun. Heute sage ich: Das Gegenteil ist der Fall. Du musst aufhören, gewisse Dinge zu tun. Und wenn du einen Busch sprießen siehst: Um Gottes Willen, lass ihn wachsen!" Vor rund vierzig Jahren entwickelt er eine Methode dank der der Niger wieder ergrünt. Nur kaum einer kennt sie.

Bollwerk gegen die Wüste

Karte der Sahelzone
Die Sahelzone | Bild: BR

Die Sahelzone. Jahrzehntelang wächst die Wüste ungebremst. Mit ihr der Hunger. Nichts gedeiht auf totem Boden. Die Folgen: Misswirtschaft, Bürgerkriege. Flucht aus unwirtlichem Land.

Das soll sich ändern. 2007 bläst eine transafrikanische Konferenz zum Gegenangriff. Sie beschließt den Bau der Großen Grünen Mauer. Ein 15 km breiter Streifen aus Bäumen und Gärten als Bollwerk gegen die Wüste, quer durch Afrika von Dakar bis Djibouti. Afrikas Vorzeigeprojekt ist gleichzeitig ein gigantisches Menschheitsprojekt zum Klimaschutz. Entsprechend medienwirksam inszenieren sich Politiker bei Pflanzaktionen. Unzählige Spendenkampagnen werben um Investoren für dieses pharaonische Unternehmung.

Das medienwirksame Projekt wirkt bescheiden

Ein älterer weiße Mann mit Glatze reicht einem schwarzen Soldaten die Hand
Regisseur Schlöndorff im Senegal | Bild: Weltkino Verleih

"Da fließen natürlich auch die großen Fördergelder", sagt Regisseur Volker Schlöndorff. "Und deshalb war ich entsetzt, als ich gesehen habe, was vor Ort von der Großen Grünen Mauer für Hunderte von Millionen Dollar in über zehn Jahren gewachsen ist, nämlich weniger als vier Prozent des Geplanten." Für seinen Film "Der Waldmacher" reist Volker Schlöndorff in den Senegal.

"Vor Ort, am Rande der Sahara, wirkt das so medienwirksame Projekt der Afrikanischen Union, der UNO und der Weltbank eher bescheiden", kommentiert Schlöndorff in seinem Film. Dabei sind hier die Fortschritte sogar noch am größten.

Viel Geld versandet in der aufgeblasenen Bürokratie. Doch nach 15 Jahren zeigen sich auch fundamentale Planungsfehler. Die extremen Bedingungen der Sahelzone erschweren das Aufforsten. Die meisten dieser Bäume sterben nach der Pflanzung. Ein renaturierter Hektar Land kostet im Schnitt 500 Dollar. Und wo dennoch Wald entsteht, geht die Arbeit erst los.

Fördern, was vor Ort funktioniert

Ein älterer Mann mit weißen Haaren gibt ein Interview
Agronom Tony Rinaudo  | Bild: BR

Im Niger trifft Schlöndorff Tony Rinaudo. Was wie eine Müllhalde aussieht, war einmal der Stadtwald von Niamey. Als er zum Tag der Unabhängigkeit der Republik Niger gepflanzt wurde, sollte er die Stadt vor Sandstürmen schützen. Im Laufe der Zeit wurde er gefällt für Feuerholz und Gebäude. Und dann beanspruchte jemand das Land für den Anbau. Viele Projekte mit guten Absichten – Tausende von Dollar wurden investiert. Dann fehlten die Finanzierung und die Begleitung und bedürftige Menschen fällten die Bäume.

"Wir setzen immer zu sehr voraus, dass es dort so funktionieren müsste wie bei uns", sagt Schlöndorff. "In Wirklichkeit wäre es viel besser das zu fördern, was dort aus funktioniert. Und das ist, was Tony Rinaudo eben immer gemacht hat."

Ein Wald unter der Erde

Ein Mann steht in der Steppe
"Einen Wald unter der Erde gibt es fast überall" | Bild: Weltkino Verleih

Mit Anfang 20 zieht Tony Rinaudo in den Niger. Zusammen mit Frau und Kind. Die Rodungen der Kolonialherren haben das Land verkarsten lassen. Tony will es renaturieren und versteht früh: Der Schlüssel dazu sind die Menschen. Sie müssen verstehen, dass es Bäume braucht, damit die Äcker Erträge bringen. Doch auch Tony pflanzt zunächst konventionell und scheitert. "Mein Pick-up war voll mit kleinen Setzlingen. Aber ich wusste: 80, 90 Prozent davon werden sterben. Mein Arbeitsleben war ein Totalversagen."

Dann der Heureka-Moment: Unter einem einsamen Wüstenbusch entdeckt Tony ein gewaltiges, noch intaktes Wurzelwerk. Einen Wald unter der Erde. Den muss man nur wieder zum Leben erwecken. Allein durch das richtige Hegen der Sprösslinge wachsen ohne teure Baumschulen ganze Wälder. Das Ökosystem erholt sich. Das erfordert etwas Überzeugungsarbeit. Doch im Niger geht Tonys Methode viral. Das Land ergrünt.

Afrikas Kampf gegen den Klimawandel

Schwarzweißbild von einem Mann mit Axt über der Schulter
Tony Rinaudo als junger Mann | Bild: Weltkino Verleih/BR

Eine Lösung auch für die Große Grüne Mauer? "Ich bin kreuz und quer durch die Sahara gereist. Die Realität ist: Einen Wald unter der Erde gibt es fast überall. Wir müssen ihn nur suchen und fördern. Das ändert alles. Man kann günstig und schnell aufforsten und fördert auch noch die Gemeinschaft. Die Menschen brauchen nicht einmal Anreize, sobald sie verstehen: Ich kann das für mich machen, für eine bessere Zukunft meiner Kinder", sagt Rinaudo.

Sobald die Menschen verstehen, dass mit den Bäumen das Wasser kommt und mit dem Wasser die Möglichkeit einer widerstandsfähigen, nachhaltigen Landwirtschaft, übernehmen sie von selbst Verantwortung für ihre Wälder. Nur so kann Afrika im Kampf gegen Wüste und Klimawandel bestehen. Gerade wird bei der Ausrichtung der Großen Grünen Mauer viel umstrukturiert. Langsam entdeckt man auch dort die Methode von Tony Rinaudo.

FILMTIPPS
"Der Waldmacher", D 2021, Regie: Volker Schlöndorff, ab 7. April im Kino
"The Great Green Wall", UK 2019, Regie: Jared P. Scott, Weltkino DVD

Autor: Maximilian Sippenauer

Stand: 27.03.2022 21:22 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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