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Die rechte Mobilmachung

PlayEin grünes Buchcover mit dem Titel "Die rechte Mobilmachung"
Die rechte Mobilmachung: Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen | Video verfügbar bis 19.01.2021 | Bild: Ullstein/Brian Barth

Es begann mit einem großartigen Versprechen: Die globale Vernetzung. Eine bessere Welt. Wir alle eins. Das Internet – es war eine Verheißung. Doch das ist daraus geworden: ein Ort ohne Hemmungen. Menschen trollen, hetzen, feinden sich an. Und der Hass – er bleibt nicht im Netz. Er landet in der analogen Welt. Und ist gefährlich.

Aufnahme aus einer Müllverbrennungsanlage
Hass wandert in die reale Welt | Bild: BR

Die Journalisten Patrick Stegemann und Sören Musyal beschäftigen sich seit vielen Jahren mit den Rechten im Netz. Recherchierten undercover auf rechten Seiten, in rechten Foren. Jetzt haben sie ein Buch dazu veröffentlicht – das auch eine Warnung ist.

Pärchenfotos und Kochtutorials

 "Die Nazis haben sich noch in den 1990er- und 2000er-Jahren im Grunde im Wald versteckt und Wehrsportübungen gemacht", sagt Patrick Stegemann. "Größer könnte der Kontrast zu dem, was wir rechte Influencer*innen nennen, nicht sein, die ganz offen auftreten, ihre Gesichter zeigen." Und sich als harmlos darstellen – mit netten Pärchenfotos. Kochtutorials.

Ausschnitt aus dem Gesicht eines jungen Mannes
Stegemann: "Gesichter zu zeigen, ist eine Strategie." | Bild: BR

"Gesichter zu zeigen ist eine Strategie, um den – wie sie es selbst nennen – 'Emokrieg' zu entfachen", sagt Patrick Stegemann. "Es geht um unsere Gefühle. Jemand, der ein Gesicht hat, das dann auch noch sympathisch ist und eine Geschichte hat, zu dem kann man sich besser connecten. Und dann ist man auch empfänglicher für radikale oder extreme politische Positionen."

 Der Hass wütet in Internet-Foren

Wie "normale" YouTuber muten sie an. Die politische Gesinnung offenbart sich ganz beiläufig. Immer wieder taucht das Symbol der Identitären Bewegung auf, einer rechtsextremen Gruppe. Das Netz scheint der Mitte zu entgleiten. Wie viel Macht haben die neuen Rechten? "Wir überschätzen es, weil es oft edgy und attraktiv wirkt und halten es hoch und geben ihnen damit auch die Macht", sagt Patrick Stegemann. "Und wir unterschätzen aber auch, welche Konsequenzen das hat, wie viele Menschen dadurch potenziell radikalisiert werden."

Feuer
Hass nicht nur im Darknet | Bild: BR

Der Hass wütet in Internet-Foren. 4Chan ist eines davon. Kein Darknet, sondern leicht zugänglich. Der Anschlag auf eine Moschee in Christchurch, Neuseeland ist eine Zäsur. Der Hass im Netzt wandert in die reale Welt. Zeitgleich übernimmt der Täter selbst die Berichterstattung. Es ist eine neue Form des Terrors. "Er hat es live auf Facebook gestreamt", sagt Journalist Sören Musyal. "Er hat dafür gesorgt, dass die Leute, die in diesen Foren den Livestream sehen, das gut finden. Er hat gleichzeitig die Optik von Computerspielen adaptiert oder imitiert, indem er mit einer Helmkamera seine Sicht der Dinge gefilmt hat." 

 Abgeschottet von der Außenwelt

Das Video wird von Facebook gelöscht. Doch innerhalb von 24 Stunden gibt es 1,2 Millionen Versuche, es erneut auf die Plattform zu laden. Und der Massenmord hat Nachahmer. "Das Gleiche konnten wir dann während des Jahres sehen, dass versucht wurde Christchurch zu kopieren. In El Paso, in Halle, in Norwegen", sagt Musyal. "Man muss davon ausgehen, dass es dabei nicht bleiben wird." 

Ein junger Mann mit Brille
Musyal: "Keine Möglichkeit, mit den Menschen zu reden." | Bild: BR

Untereinander vernetzt. Abgeschottet von der Außenwelt. Diese Menschen zu erreichen – Deradikalisierung – schwierig. In den Foren ist jeder anonym. "Man sieht, die senden einen rassistischen Post. Aber es gibt keine Möglichkeit auf diesen Menschen zuzugehen und zu sagen: Lass uns doch mal reden", sagt Sören Musyal.

Die Plattformen wollen Werbung verkaufen

Eine Parallelgesellschaft ist entstanden. Gar nicht so groß. Doch mit immensem Potential unsere Gesellschaft zu vergiften. Die Betreiber der Plattformen halten die Füße still. "Die Plattformen sind ganz wesentlich mit verantwortlich dafür, wie Öffentlichkeit heute funktioniert", sagt Patrick Stegemann, "wie sie organisiert ist. Und sie sind sich dieser Verantwortung vielleicht nicht bewusst oder nehmen sie nicht an, weil es ihren ökonomischen Interessen zuwiderläuft. Sie sind Hauptschuldige." 

Zwei junge Männer geben ein Interview
Autoren Musyal und Stegemann | Bild: BR

"Letztendlich sind das Geschäftsmodelle", sagt Sören Musyal. "4Chan existiert, weil die Werbung verkaufen." Wo Geld verdient werden kann, ist ein Markt. So einfach. Und wir? Weggucken kann die Lösung nicht sein. Vielleicht so: Präsenz zeigen. Den Gejagten beistehen. Nicht mitbieten beim Hass.

 BUCH-TIPP

Patrick Stegemann und Sören Musyal: "Die rechte Mobilmachung", Econ Verlag, erscheint am 24. Januar 2020.

Autorin: Julia Schweinberger

Stand: 19.01.2020 23:35 Uhr

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