SENDETERMIN So., 04.10.20 | 23:05 Uhr | Das Erste

Digitale Seele – Ewiges Leben dank KI

PlaySymbolbild Tod
Digitale Seele – Ewiges Leben dank KI | Video verfügbar bis 04.10.2021 | Bild: BR

Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen. Eines ist sicher: das Leben endet. Akzeptieren wollten wir das noch nie. Vielleicht ist es jetzt möglich: unsterblich zu werden. "Tatsächlich haben wir es mit einer neuen Form der Unsterblichkeit zu tun oder dem Versuch, den Menschen unsterblich zu machen", sagt der Autor Hans Block. "Nämlich der digitalen Unsterblichkeit. Der körperlosen Unsterblichkeit. Es geht darum, virtuelle Doppelgänger zu erzeugen." Die Autoren und Grimme-Preisträger Hans Block und Moritz Riesewieck haben ein Buch geschrieben, darüber, wie wir mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz unsterblich werden könnten.

Zwei junge Männer auf einem Friedhof
Autoren Block und Riesewieck | Bild: BR

Südkorea. Diese Frau wird gleich einen Menschen treffen, den sie verloren hat. Ihre Tochter, gestorben mit sieben Jahren, an einem selten Gen-Defekt. Wiederbelebt als digitaler Klon. Stimme, Körper und Gesicht der Verstorbenen wurden rekonstruiert. Aus privaten Videos. Schmerzhafte Präzision. "Es kann passieren, dass sie das traumatisieren wird", sagt Moritz Riesewieck. "Keiner kann wissen, was diese Wiederbegegnung mit der Tochter für Hoffnungen bei der Mutter im Unbewussten ausgelöst hat. Hoffnungen, dass sie vielleicht doch wieder zurückkommt. Die Mutter sagt es sei eine große Freude gewesen, ihre Tochter wiederzusehen. Noch einmal Abschied nehmen zu können, was im Krankenhaus nicht möglich gewesen ist."

Es herrscht transzendentale Obdachlosigkeit

"Der Wunsch, den Tod zu überwinden ist einer der ältesten Träume der Menschheit", sagt Block. "Die Kulturgeschichte ist voller Erzählungen, in denen der Mensch versucht, irgendwie einen Ausweg zu finden, um nicht zu sterben. Und tatsächlich ist das auch der Preis unserer Intelligenz, dass wir uns unseres eigenen Todes tatsächlich bewusst sind. Und dieser Gedanke kann mitunter unerträglich werden."

Ein menschenleerer Friedhof
Werden wir unsterblich? | Bild: BR

Die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit ist die schlimmste Kränkung des Menschen. Um sie zu ertragen, wurden Religionen erschaffen. Den Glauben an ein Jenseits im religiösen Sinn haben viele verloren. Und gleichzeitig will kaum jemand sich damit abfinden, dass da gar nichts ist: nach dem Tod. "Wir haben es mit einer Leerstelle zu tun. Man könnte eigentlich mit Georg Lukács sagen: Wir haben eine transzendentale Obdachlosigkeit in Westeuropa", sagt Riesewieck. "Und das ist lange Zeit unterschätzt worden. Und da kommt das Silicon Valley, da kommt Big Tech ins Spiel und präsentiert eine so einfache wie faszinierende Gelegenheit Menschen hier auf Erden weiterleben zu lassen."

Terror der ewigen Gegenwart

In ihrem Buch erzählen sie von Menschen wie dem Start-Up-Gründer James Vlahos. Als dessen Vater Krebs diagnostiziert bekam, bat er ihn, möglichst viele Erinnerungen aufzunehmen. Ein digitales Vermächtnis der Persönlichkeit. Daraus bastelte Vlahos einen Chatbot: eine künstliche Intelligenz, die nach dem Tod Gespräche mit der Originalstimme simulieren kann. Mittlerweile bietet Vlahos seine Software online an. Digitale Unsterblichkeit zum Monatspreis. "Das ist ein riesiger Markt von vielen Unternehmen weltweit, diesen letzten bislang vielleicht noch unberührten Bereich, den Tod, zu kommerzialisieren", sagt Block.

Das Auge einer alten Frau in Nahaufnahme
Der Augenblick ist wertvoll | Bild: BR

In Arizona lagert eine Stiftung hunderte Menschen in Kältekammern ein. Sie bezahlen dafür, wiederbelebt zu werden, sobald es technisch möglich ist. Aber: Würden wir den Tod wirklich abschaffen wollen? Geboren werden heißt, eine Welt zu betreten, die man nicht lebend verlassen wird. Erst durch den Tod bekommt das Leben Bedeutung. Und Entscheidungen ein Gewicht. Ein Augenblick ist wertvoll, weil er endet. Unendlichkeit, das wäre vor allem: der Terror der ewigen Gegenwart.

Unsterblichkeit als Gegner des Lebens

Buchcover "Die digitale Seele"
Buch "Die digitale Seele" | Bild: Random House / Goldmann

"Tatsächlich müssen wir uns fragen, ob wir es verlernt haben zu leben, weil wir das Gefühl haben, ewig leben zu müssen, damit es ein gutes Leben war", sagt Riesewieck. Erinnern bedeutet: entscheiden. Was wir behalten – und was nicht. "Und wenn wir jetzt übergehen in eine Phase, wo algorithmisch entschieden wird, was wir erinnern, dann verlernen wir Menschen vielleicht auch das Bewusstsein dafür, was wertvolle Erinnerungen sind. Also vielleicht ist der Versuch uns unsterblich zu machen auch der Gegner des Lebens." 

Und doch: Vielleicht liegt in der Entstehung unserer digitalen Doppelgänger auch eine Chance. Wenn wir mit ihnen den Tod in unser Leben lassen. Um ihn zu wissen, das macht den Menschen aus.

BUCH:
Moritz Riesewieck / Hans Block: "Die digitale Seele. Unsterblich werden im Zeitalter Künstlicher Intelligenz", Goldmann Verlag

Autorin: Ronja Mira Dittrich

Stand: 04.10.2020 20:00 Uhr

7 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 04.10.20 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
für
DasErste