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Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird

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Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird | Video verfügbar bis 24.05.2021 | Bild: BR

Wenn man lange in den Abgrund schaut, dann schaut der Abgrund irgendwann zurück. Das Internet. Ein unsichtbarer Ort, der Eruptionen schafft. "Es ist wie mit dem Frosch im kochenden Wasser: Fast unmerklich wird die Temperatur um uns erhitzt und dann ist es zu spät", sagt der Autor Christopher Wylie.   

Der Brexit und die Wahl Trumps waren erst der Anfang. Die Gräben wachsen. Algorithmen buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Erzählen uns, wer wir sind. "Es ist eine ganz eigenartige Form von Zensur", sagt der Journalist und Autor Peter Pomerantsev. Die Demokratie ist auf eine neue Art verletzbar geworden. Weil wir es sind. Anfällig für Manipulation, die wir nicht erkennen. 

Schaden wie durch eine Massenvernichtungswaffe

Ein junger Mann mit großer Brille gibt ein Interview
Christopher Wylie | Bild: BR

London. Wir treffen jemanden, der für all das mitverantwortlich ist: Christopher Wylie. Er gehörte zum Gründungsteam von Cambridge Analytica. Diese Firma war schuld am größten Datenmissbrauch in der Geschichte Facebooks. Engagiert von Steve Bannon für einen rechten Propagandafeldzug. "Cambridge Analytica hat gezeigt, wie einfach es ist, den politischen Diskurs in Amerika zu unterwandern und ihn zu manipulieren", sagt Wylie. "Der Schaden, der davon ausging, ist für mich mit der Wirkung einer Massenvernichtungswaffe zu vergleichen." 

Vor sechs Jahren verließ Wylie Cambridge Analytica. Er wurde zum Whistleblower, sagte vor dem US-Senat aus. Jetzt hat er ein Buch geschrieben: "Mindf*ck". Eine Beichte. Einblick in den Maschinenraum der Manipulation. "Das Ziel der Algorithmen, die Cambridge Analytica erschaffen hatte, war es diejenigen Menschen in einer Gesellschaft zu finden, die neurotisch anfällig sind und empfänglich für Verschwörungsmythen." 

Jeder bekommt seine maßgeschneiderte Nachricht

Der Firma gelang es, Daten von Millionen Facebook-Nutzern auszuwerten und ihre jeweils individuellen Ängste zu identifizieren. So konnte Cambridge Analytica gemeinsam mit Psychologen politische Propaganda zielgenau für unterschiedliche Bedürfnisse entwickeln. Der Blick auf die Welt wurde für jeden um ein paar Grad verbogen. 

Ein verschwommenes Facebook-Logo
Millionen von Nutzerdaten | Bild: BR

"Anstatt für eine breite Öffentlichkeit zu sprechen, kann ich jetzt jeder Person eine individuelle Nachricht ins Ohr flüstern", sagt Wylie. "Ich erinnere mich daran, wie wir einmal eine Gruppe mit afroamerikanischen Frauen befragt haben. Viele haben erzählt, dass sie einen zweiten oder dritten Job brauchen, um über die Runden zu kommen. Dass sie Angst haben, wenn sie nachts alleine auf dem Weg zur Arbeit sind. Und dass sie eine Waffe brauchen, um sich sicherer zu fühlen. Für rechte Kampagnen-Strategen ist das ein gefundenes Fressen. Für sie heißt das: Okay, Rassendiskriminierung oder Ungleichheit können wir ignorieren, wenn wir es schaffen, diese Angst aufzugreifen und zu instrumentalisieren." 

Eine Flut aus Bullshit

Das Unternehmen Cambridge Analytica gibt es nicht mehr. Seine Werkzeuge hingegen schon. Der Journalist Peter Pomerantsev forscht an der London School of Economics zu Propaganda. "Im Westen hatten wir sechzig Jahre lang eine Art Gesellschaftsvertrag: Wir waren uns einig, dass wir Debatten nicht so führen, wie es autoritäre Systeme tun. Doch das Internet hat das jetzt torpediert. Lange gab es Dinge, die 'verboten' waren, wie zum Beispiel: Im Diskurs erniedrigen wir einander nicht. Unsere Boulevardpresse hat zwar damit gespielt, das war manchmal wie ein Echo aus totalitären Zeiten. Aber im Internet Propaganda-Methoden zu sehen, die denen der NS- oder Sowjet-Zeit ähneln, jeden Tag: Das ist schockierend."  

Ein weißer Mann blickt in die Kamera
Journalist Peter Pomerantsev | Bild: BR

Jeder, der Demokratien destabilisieren will, flutet das Netz mit widersprüchlichen Narrativen. Die Redefreiheit wird genutzt, um Menschen zum Schweigen zu bringen."Das ist Zensur durch Lärm", sagt Pomerantsev. "Die politischen Akteure fluten das Internet mit einem Chaos aus Information und Desinformation. Oder wie Bannon selbst einmal sagte, mit einer Flut aus Bullshit. Und am Ende kann man Wahrheit und Lüge kaum mehr unterscheiden. Diese Art der Zensur zielt also nicht darauf ab, den Zugang zu Kommunikation zu verringern, sondern darauf, ihn zu vergrößern." 

Wie ein Haus ohne Sicherheits-Standards

Es scheint, als ob ein Ort entstanden ist, an dem sich die Meinungsfreiheit gegen sich selbst richtet. Wir gehen davon aus, dass Politik der Geschwindigkeit der digitalen Welt kaum etwas entgegensetzen kann. Ein Fehler.  

Ein verschwommenes Facebook-Logo
Alles Bullshit? | Bild: BR

"Stell dir mal vor, du müsstest ein Gebäude betreten, das keine Sicherheits-Standards erfüllen muss, weil der Architekt einfach an die Tür ein Schild gehängt hat: Wer das Haus betritt, trägt selbst das Risiko“, zieht Wylie den Vergleich. "Das ist doch unvorstellbar. Aber genau so machen wir es mit unserer digitalen Architektur. Wir brauchen Gesetze, die anerkennen, dass digitale Technologien nicht einfach nur Dienstleistungen sind, sondern Ingenieursarbeit." 

Die Bücher von Wylie und Pomerantsev sind eine Warnung. Bis heute hatte der Fall Cambridge Analytica kaum Konsequenzen. Wir brauchen eine Aufsicht für Algorithmen. "Move fast and break things" war einmal das Motto von Facebook. Es hat funktioniert.  

BUCH-TIPPS
Christopher Wylie: "Mindf*ck. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird", DuMont Verlag
Peter Pomerantsev: "Das ist keine Propaganda. Wie unsere Wirklichkeit zertrümmert wird", DVA Verlag / Random House

Autorin: Ronja Mira Dittrich

Stand: 24.05.2020 20:38 Uhr

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