SENDETERMIN So., 16.08.20 | 23:35 Uhr | Das Erste

Zdeněk Adamec

PlayEin Schaupieler in grünem Pullover hockt auf einer Theaterbühne
Handkes "Zdeněk Adamec" | Video verfügbar bis 16.08.2021 | Bild: BR

Der Tod ist eine Zumutung; die ultimative Kränkung. Keine Worte, die ihn fassen können. Zumal, wenn es sich um einen jungen Menschen handelt. Um einen Freitod; eine Selbstverbrennung. Zdeněk Adamec hat das getan. 2003. Mit 18 Jahren. Auf dem Prager Wenzelsplatz, wo es berühmte Vorbilder gab. Peter Handke setzt ihm nun ein Denkmal.

Eine mittelalte blonde Frau gibt ein Fernsehinterview
Regisseurin Friederike Heller | Bild: BR

"Mich hat die Vielfarbigkeit gereizt", sagt die Regisseurin Friederike Heller. "Man könnte es auch Pluralismus nennen. Denn es handelt von dieser einen Verzweiflungstat. Einer Tat aus Protest gegen die Welt. Und trotzdem blickt an jeder Ecke der Schalk hervor und es dürfen Widersprüche bestehen bleiben."

Typischer Handke-Sound

Es gibt in diesem Stück Sätze wie diese: "Es ist eine Zeit für Hauptsätze und es ist eine Zeit für Nebensätze. Und es ist ein Ort für kurze Sätze und es ist ein Ort für lange Sätze. Und es ist eine Zeit und ein Ort."

Schattenspiele auf der Theaterbühne
Szene aus "Zdeněk Adamec" | Bild: BR

Bibel-Paraphrasen. Hoher Ton und gleichzeitige Verballhornung. Das ist der Handke-Sound. Ein Ritt durch die Weltliteratur. "Der Text ist ein Umkreisen", sagt Schauspieler Hanns Zischler. "Er ist der Versuch einer allmählichen Identifizierung eines Aktes und eines Menschen. Er kommt zu keinem Ergebnis in dem Sinn. Er ist... ein dämliches Wort, das man heute verwendet: er ist ergebnisoffen."

Regisseurin Heller kennt Handke gut

"Ich finde, das ist Teil des Menschseins: dass es beide Farben gibt", sagt Friederike Heller. "Dass man in höchste Höhen schweben kann, gedanklich. Oder auch erfüllt sein kann von etwas – und im nächsten Moment einen doofen Witz macht oder  einen Kalauer reißt. Ich finde, das Stück bildet Menschlichkeit ganz gut ab."

Friederike Heller kennt Handke gut. Hat ihn schon häufiger inszeniert. Sie weiß um seine Musikalität. Seinen Klang. Und – auch das: sie kennt seinen Hang zum Mäandern. Zum Schwafeln. Da hat sie sich nicht ran getraut. Schade!

Eine dunkle Theaterbühne mit Aufbauten und sitzenden Schauspieler*innen
Handkes "Zdeněk Adamec"

Dialoge wie diese hier: "Fehlt nur noch, dass du jetzt sagst, der Brief ist ein Psalm!" –"Ja. Der Brief ist ein Psalm!" – "Ein einziges Geflehe und Gejammer?" – "Ein gewaltiger Menschenkindjammer, ein mannhaftes Flehen." – "Mittendrin auch ein haltloses Gewimmer?" – "Ja, mittendrin ein Wimmern, ein bodenloses." – "Und zwischendurch der Ton des Auserwähltseins, des Sprechens im Namen aller."

Es bleiben viele lose Enden

"Ich finde es unbefriedigend, dass es mit der gleichen Ausgangssituation beginnt und endet", sagt Schauspieler Christian Friedel. "Man ist dieser Figur und dieser 'flammenden Fackel' wie er einmal genannt wird, vielleicht nicht wirklich nahe gekommen, weil alles, was behauptet wird, im nächsten Moment auch wieder in Frage gestellt wird. Ich glaube, man kann und man sollte mit dem Text viel radikaler sein, um der Beliebigkeit zu entgehen."

Die Apotheose eines Jedermann-Selbstmörders – das sollte "Zdeněk Adamec" womöglich sein. Trotz kluger Gedanken: Es ist ein Stück ohne Dramaturgie. Zu viele lose Enden. Was ins Allgemeingültige überhöht werden soll, schwappt ins Beliebige.

Ein Stück über Verzweiflung? Oder von einem verzweifelten Autor? Zu viele Fragen offen.

Stand: 16.08.2020 18:37 Uhr

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So., 16.08.20 | 23:35 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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