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Wie Theresa Breuer die Kabul Luftbrücke gründete

PlayEine junge Frau telefoniert mit dem Handy
Wie Theresa Breuer die Kabul Luftbrücke gründete | Video verfügbar bis 17.10.2022 | Bild: Breuer

Sie fordert nicht. Sie handelt. Die Berliner Filmemacherin Theresa Breuer hat in den letzten Wochen mit ihrem Team "Kabul Luftbrücke" mehr als 400 Menschen vor den Taliban gerettet, aus Afghanistan in Sicherheit gebracht.

"Es müssen immer noch zehntausende Menschen evakuiert werden", sagt Theresa Breuer. "Und diese Evakuierungen laufen einfach viel zu langsam. Das liegt jetzt nicht nur an der Bundesregierung. Aber es liegt natürlich daran, dass man diese Strukturen im Vorfeld nicht aufgebaut hat. Wir sind halt oft schneller und effizienter."

Die retten, die auf keiner Liste stehen

Eine junge Frau lacht anderen jungen Frauen auf einm Markt zu
Filmemacherin Theresa Breuer | Bild: BR

Von Pakistan aus hat sie in den letzten Wochen die Rettungsaktionen geplant und durchgeführt. Eigentlich hatte sie an einem Film über afghanische Bergsteigerinnen gearbeitet. Am Abend vor dem Einmarsch der Taliban in Kabul war sie in Deutschland. Ihre Protagonistinnen waren in großer Gefahr und Breuer wollte handeln: sie und andere, die auf keiner Liste standen, retten.

"Eigentlich saß ich in einer kleinen Hippie-Kommune in Brandenburg in der Sauna, hatte aber den ganzen Tag lang mit Freunden in Kabul telefoniert", sagt Breuer. "Und dachte dann, dass ich irgendetwas tun muss und habe meinen Freund Ruben Neugebauer angerufen, der Sea Watch gegründet hat: 'Ruben, was machen wir denn jetzt? Du weißt doch, wie man Leute rettet. Können wir uns da nicht irgendwie zusammentun?’ Und dann sind wir auf die Idee gekommen, ein Flugzeug zu chartern."

"Jetzt machen wir was Größeres draus"

Eine junge Frau auf einem Hausdach, mit Blick auf ihr Handy
Planung der Rettung | Bild: BR

Eine Gulfstream, um zunächst Bergsteigerinnen und Übersetzer mit Familie zu retten. Aber die Amerikaner ließen in Kabul keine zivilen Maschinen mehr landen. "Daraufhin mussten wir die Sache mit der Gulfstream-Luxusmaschine abblasen und haben gesagt: Okay, machen wir jetzt was Größeres draus."

Ein Airbus 320. Gechartert in Ägypten. Mit NATO Sign Call: militärischer Genehmigung. Die Idee: Wenn diese Maschine am Flughafen von Kabul wartet, würden die zu Rettenden zum Rollfeld durchgelassen werden. "Eigentlich war der Plan: Wir landen. Wir sind eine Stunde da. Ich helfe den Passagieren die Leiter hoch in das Flugzeug und dann starten wir wieder. Und wir landeten. Wir hatten keinen Kontakt zum Tower. Wir wussten nicht, wo wir hinfahren sollten. Wir hatten keinen Kontakt zu den Deutschen. Und unsere Passagiere waren auch nicht da."

Die Möglichkeiten zur Rettung ändern sich täglich

Menschen drängen sich in einer Menge, im Hintergrund Polizisten mit Waffen
Flughafen Kabul | Bild: BR

Chaos und Panik am Flughafen. Nach stundenlangem Warten hebt die Maschine mit 18 Afghanen, nicht von ihrer, sondern von der Liste Portugals ab. In den folgenden Tagen bringen Breuer und Team 189 Menschen in den Flughafen, die ausgeflogen werden. "Kabul Luftbrücke" baut in kürzester Zeit eine Rettungsinfrastruktur auf.

"Wir haben Stand jetzt – es ist der 6. Oktober, 13 Uhr 9 Minuten – 409 Menschen aus Afghanistan evakuiert. Wir evakuieren auf alle Arten und Weisen, die man sich vorstellen kann. Wir können fliegen. Wir können Landweg. Wir können es über Pakistan machen. Wir können es über Tadschikistan machen. Eventuell auch über den Iran. Uns stehen alle Möglichkeiten offen, die sich aber auch täglich ändern. Also passen wir unsere Evakuierungsmaßnahmen und Missionen jeden Tag aufs Neue an." Wie es genau funktioniert, darf sie nicht verraten.

Männer warfen Steine auf die Bergsteigerinnen

Eine Frau sitzt mit dem Handy in der Hand auf dem Bett
Die Rettungsaktion ist Stoff für einen weiteren Film | Bild: BR

Begonnen hat alles mit einem Filmprojekt, an dem Breuer seit Jahren arbeitet. "An Uphill Battle". Ein Porträt afghanischer Bergsteigerinnen, die als erste Frauen den höchsten Berg des Landes, den Mount Noshaq, besteigen wollen. "Als ich das erste Mal mit den Frauen beim Klettern war, sind irgendwann am Berg junge Männer aufgetaucht und haben angefangen, uns mit Steinen zu bewerfen und zwar erst mit der Hand. Aber sie haben dann irgendwann Steinschleudern genommen und mit Felsbrocken auf uns gezielt, so dass die Mädchen in Todesangst den Berg runter gerannt sind. Solche Situationen sind immer wieder vorgekommen."

Der Film ist gedreht und geschnitten, kann aber derzeit nicht veröffentlicht werden, weil man damit die Familien der Bergsteigerinnen in größte Gefahr bringen würde. Zwei der Sportlerinnen hat Breuer schon nach Deutschland geholt. Bei ihren Rettungsaktionen dreht sie mit. Stoff für einen weiteren Film.

Breuers Berliner Wohnung wird zum Headquarter

Menschen sitzen an einem Schreibtisch
Die Wohnung als Hauptquartier | Bild: BR

Derzeit aber: wenige Stunden Schlaf pro Nacht. Menschen retten, so viele wie möglich. Von ihrer Privatwohnung in Berlin aus plant sie, unterstützt von Spenden, mit einem Dutzend Helferinnen ihre Missionen. "So nahm das Ganze dann seinen Lauf. Und ich bin eines Morgens aufgewacht und es saßen mir völlig fremde Leute in meinem Wohnzimmer und die sitzen da heute noch und haben irgendwie meine Wohnung zur Zentrale oder zum Headquarter, wie wir sagen, gemacht."

Die meiste Zeit arbeitet sie gerade in Pakistan. Wieder hat sie vier Frauen in Sicherheit gebracht, geht noch schnell mit ihnen einkaufen und fliegt dann gemeinsam mit ihnen nach Deutschland. Sie redet nicht. Sie rettet.

FILMTIPP
"An Uphill Battle", D/USA 2021,Regie: Theresa Breuer / Erin Trieb 

Autor: Andreas Krieger

Stand: 17.10.2021 19:12 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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