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Fotograf Gregg Segal – Kinder und ihr Essen

PlayDas inszenierte Bild eines schwarzen Jungens, der inmitten seiner wöchentlichen Essensration liegt
Fotograf Gregg Segal – Kinder und ihr Essen | Video verfügbar bis 04.10.2021 | Bild: Gregg Segal

Gregg Segal porträtiert Kinder. Mit ihrem Essen. Weltweit. Etwa Rosalie, 10, aus Nizza mit Würstchen, Melone und Ei. Oder Meissa, 11, aus Dakar mit hartem Weißbrot, das mit Erbsen und Nudeln gefüllt ist. Oder Greta, 7, aus Hamburg mit Fischstäbchen und Pommes. "Nahrung ist der soziale Kleber. Die eine Sache, die uns alle verbindet", sagt der Fotograf Gregg Segal. "Und es macht mir Sorgen, dass eine so wichtige Sache wie Essen so wenig Achtsamkeit erfährt." 

Ein mittelalter weißer Mann mit weißen Haaren
Fotograf Gregg Segal | Bild: BR

Segal zeigt den Einfluss der Globalisierung auf das Essen der Kinder. Je ärmer, desto weniger Junkfood. Die Pizza einer großen Kette in Mumbai würde unbezahlbare 13 Dollar kosten. Das Dreifache dessen was der Vater von Anchal an einem Arbeitstag verdient.

"Wenn ich Hunger habe, gehe ich mit einem Netz zum Fluss"

Eine Fotosession in Brasilien mit dem indigenen Mädchen Kawakanih, 9 Jahre alt, vom Stamm der Yawalapiti. "Sie lebt im Xingu National Park im Amazonasgebiet. Sie fuhr mit dem Boot, dem Bus und dem Auto, um ins Studio zu kommen. Ihr Essen ist sehr einfach. Das tägliche Brot ist Maniok. Sie wickelt es um den Fisch herum, den sie im Fluss fängt. Sie sagt: 'Wenn ich Hunger habe, dann gehe ich mit einem Netz zum Fluss.' Das ist ein sehr einfache, erfrischende Art und Weise sich zu ernähren."

Ein native-american Mädchen umgeben von Früchten und Gemüse
Das Essen einer Woche | Bild: Gregg Segal

Gregg Segal lebt in Altadena, nordöstlich von Los Angeles, arbeitet für Time, GEO, Wired. Als er Kind war, heiratete seine Mutter neu, zog mit ihm oft um. Die Fotografie wurde als Jugendlicher sein Mittel, um für sich Klarheit zu bekommen.

Seine Serie "Sieben Tage Müll" macht ihn berühmt. Menschen liegen da auf dem, was sie in einer Woche produzieren. "Schon als Kind war ich sehr neugierig, wenn es um Müll ging. In New Jersey, wo ich aufwuchs, hatten wir einen Nachbarn. Und der produzierte jede Woche einen Berg Müll. Am Randstein war dieser Riesenhaufen von Müllsäcken. Und ich habe mich als Kind gewundert: Wo zum Teufel geht all dieser Müll hin?"

13 Kilo Müll pro Woche

Eine Durchschnittsamerikanerin produziert 13 Kilo Müll pro Woche. Das sind mehr als vier Milliarden Kilo neuer Müll pro Woche allein in den USA. "Als ich das fotografierte, kamen mir die Fotografien vor wie Instant-Archäologie. Wir sehen nicht nur, wovon die Menschen umgeben sind, sondern ihre Werte, was ihnen wichtig ist."

Eine Frau inmitten von Abfällen
13 Kilo Abfall pro Woche | Bild: Gregg Segal

Erwachsene Männer spielen den amerikanischen Bürgerkrieg nach. Gregg begleitet sie mit dem Fotoapparat. Auf den Schlachtfeldern der Vergangenheit sind heute Fastfood-Restaurants oder Parkplätze. Nostalgie. Wie eine irrationale Krankheit. Heimweh in eine Vergangenheit, die man selbst nie erlebt hat. "Es ist auffällig: Viele dieser Nachspieler agieren auf beiden Seiten, mal für den Norden, mal für den Süden. Aber meistens spielen sie lieber den Südstaatler. Wenn man sich Trump ansieht und seine ganze 'Make America Great Again'-Kampagne. Was seine Strategen eigentlich meinen, ist: 'Mach Amerika wieder weiß.' Es ist dieser Wahn von der Überlegenheit der Weißen. Dass die Weißen wieder an der Macht sind. Als bestimmende kulturelle Kraft."

Segal arbeitet wie ein Soziologe

In seinen Serien arbeitet Gregg Segal mit wissenschaftlicher Freude und Genauigkeit. Wie ein Soziologe. "Public Pool" heißt seine Serie über öffentliche Schwimmbäder. Hier fehlen die sozialen Uniformen. "Ich will Bilder machen, die einen stutzen lassen. Mit Stutzen meine ich, wenn man etwa durch ein Magazin oder Buch blättert und man dann ein Bild sieht, dass einen innehalten lässt. Wenn man es sich ganz genau ansehen und darüber nachdenken will."

Eine Mutter mit zwei Kleinkindern liegt inmitten der Dinge, die sie auf der Flucht bei sich hat
Das gesamte Hab und Gut | Bild: Gregg Segal

Im Auftrag der Vereinten Nationen hat Gregg Segal aus Venezuela Geflüchtete fotografiert – Kinder und ihre Eltern – und ihre wenigen Gegenstände, die ihnen noch geblieben sind. Kinder, die zum ersten Mal seit drei Jahren wieder frisches Obst essen können, weil in Venezuela ein Apfel bis zu 500 Dollar kostet. Gregg Segal zeigt die Not der Menschen, die sich spiegelt in ihren Gegenständen. Und das, was sie niemals verlieren dürfen: ihre Würde. 

BUCH
Gregg Segal: "Über den Tellerrand: Was Kinder hier und anderswo essen", Gabriel Verlag

Autor: Andreas Krieger

Stand: 04.10.2020 22:26 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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