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Gefangen im Netz – Caught in the Net

PlayEin junges blondes Mädchen sitzt in einer inszenierten Szene vor einem Computer
Gefangen im Netz – Caught in the Net | Video verfügbar bis 12.07.2021 | Bild: Hypermarket Film/Milan Jaroš

Abgründe im Internet. Vermeintlich zwölfjährige Mädchen chatten mit erwachsenen Männern: "Macht es nichts, dass ich zwölf bin?" – "Nicht, wenn es unser Geheimnis bleibt." – "Macht es dir wirklich nichts aus, dass ich zwölf bin?" – "Ich versuche, nicht darüber nachzudenken." – "Es stört dich nicht, dass ich zwölf bin?" – "Warum sollte es, wenn wir uns gut finden?" – "Wen interessiert’s ... ich war auch mal 12." – "Du bist jung. Aber das ist mir egal ..."

Das Experiment zu Tschechiens meistgesehenem Dokumentarfilm geht so: drei Schauspielerinnen, die aussehen wie junge Mädchen. Drei Kinderzimmer. Zehn Tage auf Facebook, Skype, Snapchat. Und dann: warten.

 Es geht um Manipulation

Menschen sitzen im fahlen Licht vor einem Computer und wirken angespannt
Chalupová und Klusák | Bild: Hypermarket Film/Milan Jaroš

"Gleich am ersten Tag hat es mir die Sprache verschlagen", sagt die Schauspielerin Tereza Těžká. "Als ich da saß und die Nachrichten nur so aufploppten. Ich habe echt nicht fassen können, was da gerade passiert. Ich fühlte mich unbeholfen. Ich war sauer. Ich fühlte Hass gegenüber den Männern, auch Mitleid, dass sie so armselig sind und was sie überhaupt für ein Problem haben zwölfjährige Mädchen anschreiben zu müssen."

"Es geht um Manipulation", sagt die Regisseurin Barbora Chalupová. "Das ist das Hauptthema des ganzen Films. Ein 16-jähriges Mädchen hätte bei einer Masturbationsanfrage den Typen in die Hölle gejagt, aber ein zwölfjähriges Mädchen, das im Prinzip einem Mann gegenüber sitzt, der so alt ist wie ihr Vater, eine Autorität – die macht das Skype nicht aus, sie traut sich nicht, hat Angst. Denn der Mann hat sie vielleicht schon am Haken, hat Fotos von ihr und es kann zu Erpressung kommen, was in unserem Film auch passiert ist."

Man stumpft ab

Regisseur Vít Klusák mit Schauspielerin
Regisseur Vít Klusák mit Schauspielerin | Bild: Hypermarket Film/Milan Jaroš

Die Frauen reagieren nur, provozieren nichts. Viele Männer reden ohnehin nicht lange um den heißen Brei herum. "Ich habe mich erniedrigt gefühlt", sagt die Schauspielerin Tereza Těžká. "Ich kann mich noch erinnern, als ich das erste Skype-Gespräch hatte und er direkt anfing zu onanieren. Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen soll. Ich saß da und konnte es noch nicht mal abschalten. Und mit der Zeit, als ich das zwanzigste, fünfzigste Gespräch hatte, wo sich immer wieder einer einen runtergeholt hat, habe ich festgestellt, dass ich dagegen immun wurde. Irgendwie abgestumpft – ja ok, ein weiterer Penis! Aber der Schock war nicht mehr da. Und das ist genau das Problem, dass die Kinder dem die ganze Zeit ausgesetzt sind und nicht mehr verstehen, dass es ein Problem ist."

Ratschläge für effektiven Missbrauch

Szene aus einem Filmstudio
Der Regisseur mit Filmcrew | Bild: Hypermarket Film/Milan Jaroš

Im Missbrauchskomplex Bergisch-Gladbach sind die Ermittler auf Spuren von mehr als 30.000 Verdachtsfällen gestoßen. Es handele sich um ein internationales Netzwerk von Pädo-Kriminellen mit Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum. Chatgruppen, teilweise befänden sich darin mehr als tausend Leute. "Chatteilnehmer werden darin bestärkt, wenn sie noch Zweifel haben, ihre eigenen Neigungen auszuleben und erhalten Ratschläge, wie sie Kindesmissbrauch, wenn er das erste Mal stattfinden soll an einem Kind, besonders effektiv gestalten können", sagt Markus Hartmann von der Staatsanwaltschaft Köln. "Da ist mir speiübel geworden", sagt Peter Biesenbach, Justizminister in Nordrhein-Westfalen.

"Wir wollten niemanden lynchen"

Ein junges Mädchen sitzt in seinem Kinderzimmer vor einem Computer, Filmszene
"Ich bin erst 12" | Bild: Hypermarket Film/Milan Jaroš

Die Dimension macht sprachlos. Und für manche Täter ist der Weg aus der Anonymität des Netzes in die reale Welt nicht weit. Die tschechischen Filmemacher arrangieren 21 Treffen, mit Undercover Bodyguards. Manche Männer haben schon Hotelzimmer gebucht oder Bustickets gekauft, um die Mädchen mit nach Hause zu nehmen.

 "Was die Arbeit mit der Polizei angeht. Wir wollten ganz am Anfang des Projekts niemanden kriminalisieren", sagt die Regisseurin Barbora Chalupová. "Wir wollten nur die Tür zu diesem Phänomen öffnen, aber niemanden lynchen. Aber da wussten wir auch noch nicht, dass sie uns Kinderpornos schicken werden, uns erpressen werden. Ab diesem Moment kann man nicht mehr schweigen. Und als die Polizei uns bat, ihnen unser Material zu geben, da haben wir es gemacht. Und ich glaube, es sind 52 Strafverfahren in Gang, bzw. sie befassen sich mit 52 Männern."

Film-Tipp
"Caught in the Net", CR 2020. Regie: Barbora Chalupová & Vít Klusák, deutscher Kinostart im November 2020

Autor*innen: Laura Beck / Danko Handrick

Stand: 12.07.2020 19:14 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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