SENDETERMIN So., 17.10.21 | 23:35 Uhr | Das Erste

Goya-Retrospektive in Basel

PlayÖlgemälde einer Frau, die sich räkelt
Goya-Retrospektive in Basel | Video verfügbar bis 17.10.2022 | Bild: Photographic Archive. Museo Nacional del Prado. Madrid

Er hat es gesehen: Wie sanft Menschen sein können. Wie zerbrechlich und schön. Vor allem Frauen und Kindern waren ihm nah. Ihre Freundlichkeit und Sanftheit.

Ölbild einer Gesellschaft beim Kartenspiel
"Die Familie des Infanten Luis de Borbón y Farnesio" | Bild: Fondazione Magnani-Rocca

Francisco de Goya, geboren 1746, Hofmaler und Kriegsreporter. Maler von Hass, Grausamkeit und existentieller Einsamkeit. Ein Zeitgenosse. Goya zeigt die Mächtigen am spanischen Hof. Aber wie: beim Kartenspiel und Haare kämmen. "Das ist einer seiner ersten Paukenschläge. Es ist auch ein großes Format, ein sehr repräsentatives Bild", beschreibt Martin Schwander, Kurator der Fondation Beyeler das Gemälde. "Es ist ein Auftrag des Bruders des Königs. Von außen gesehen ist es eine Art Antiportrait. Es ist eine Dekonstruktion von dem, was man von einem solchen repräsentativen Portrait erwarten kann."

Fragilität – und Dummheit

Ein mittelater Mann mit Brille gibt ein Interview
Kurator Martin Schwander | Bild: BR

Goya kniet im Vordergrund und schaut auf seinen Auftraggeber, einen alten Schwächling. Die junge Ehefrau wirkt feindselig. Keine Verbundenheit, nirgends. Goya porträtiert auch den mächtigsten Mann Spaniens, Karl IV. Er wirkt ungelenk und wenig charismatisch. Noch weniger schmeichelhaft die Königin: sie trägt ein prunkvolles Kleid, sie wirkt darin unelegant und plump. "Er liebt die Menschen, aber er zeigt sie in ihrer Beschränktheit, in ihrer Fragilität, teilweise Dummheit, in ihrer Begrenztheit, in ihrer Verführbarkeit", sagt Schwander. "Das ist auch ein wichtiges Thema bei ihm, wie der Mensch, eben auch der vernunftgeleitete Mensch verführbar ist."

Goya zeigt die dunkle Seite

Schwarzweißzeichnung eines schlafenden Mannes
"Der Schlaf/Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer" (Ausschnitt) | Bild: Sammlung E. W. K., Bern, Caprichos, 43, 1. Aufl. / Courtesy Galerie Kornfeld, Bern

Goya und sein wahrhaftiger Blick. Nach einer rätselhaften Krankheit mit 46 ist er vollständig taub und die Welt ein stummes Schauspiel. "Der Schlaf der Vernunft", unterschreibt er sein berühmtes Capricho 43, "gebiert Ungeheuer". Goya zeigt sie uns: Aberglaube, der den Erhängten die Zähne aus dem Mund bricht, der scharfe Intellekt, der Folter immer neu erfindet. Besonders interessiert Goya der Moment, wenn der Mensch hoffnungslos ausgeliefert ist. Schiffbruch, etwa. Da ist keine Erzählung, keine Mythologie mehr. Nur der kommende Tod. Und der Himmel: leer.

Das Licht der Aufklärung ist irgendwo da draußen. Goya zeigt uns die dunkle, weggesperrte Seite: Irre und Gefangene.

Alles, was wir haben, ist die Menschlichkeit

Ein Selbstportrait eines Mannes in Öl
Selbstbildnis von Francisco de Goya (Ausschnitt) | Bild: Photographic Archive. Museo Nacional del Prado. Madrid

Goya. Ein Soziologe. Popanz, Macht, Elend, Kriegsverbrechen. In einer großartigen Ausstellung, mit bisher nie öffentlich gezeigten Leihgaben, können wir entdecken, wie modern dieser Maler ist. "Er zeigt die Grenzen auf, gleich ganz am Anfang der Möglichkeiten, die in einem vernunftgeleiteten Denken enthalten sind", sagt Schwander. "Also der Mensch ist bei Goya weder gut noch böse, er ist immer beides."

Eine der bedeutendsten Goya-Ausstellungen außerhalb Spaniens

Blick in eine Ausstellung mit großformatigen Ölbildern
Fondation Beyeler in Riehen/Basel | Bild: BR

Seine "Desastres de la Guerra". 82 Graphiken über die "Schrecken des Krieges". Darüber, was da auch ist, im Menschen. Der Blutrausch. Die Freude am Mord. Die Verwahrlosung der Seele.

Der alte Goya. Malt sich in den Armen seines Arztes. Es ist beinahe eine Pietà-Darstellung. Nichts Göttliches wird uns retten, sagt Goya. Alles, was wir haben am Ende, ist die Menschlichkeit, die wir füreinander aufbringen.

AUSSTELLUNGSTIPP
Goya, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, bis 23. Januar 2022

Autorin: Angelika Kellhammer

Stand: 17.10.2021 19:28 Uhr

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So., 17.10.21 | 23:35 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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