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Unberechenbar – Harald Lesch über das Leben

PlayPhysiker Harald Lesch
Unberechenbar – Harald Lesch über das Leben | Video verfügbar bis 29.11.2021 | Bild: BR

Das Leben ist immer Horizont. Ein Astrophysiker und Philosoph spürt das vielleicht besonders. Das alles hier ist eine Fahrt ins Ungewisse, auch wenn wir das gern verdrängen. Wir klammern uns an Bekanntes, fahren stur geradeaus, halten Umwege für Zeitverschwendung und glauben, dass unser Morgen vorauszuberechnen ist. Dank der Technik. Aber das alles ist nur Ideologie, die ausblendet, wie rätselhaft und wie verwundbar wir bleiben.

Wenn alles perfekt wäre, würde es uns nicht geben

"Wie so vieles ist das Leben ein Resultat eines Fehlers, einer kleinen Asymmetrie", sagt der Astrophysiker Harald Lesch. "Das ganze Universum ist das Ergebnis einer kleinen Asymmetrie. Wenn alles perfekt wäre, würde es uns gar nicht geben. Wenn das Universum ein Berater-Universum wäre, mit perfekter PowerPoint Präsentation, dann würde es uns gar nicht geben.

Absperrband
„Es gibt keine Alternative zum Optimismus."  | Bild: BR

Alles, was auf dieser Welt wirklich interessant ist, und auch zu Neuem führt, ist das, was instabil sein kann. Nur das Instabile kreiert neue Eigenschaften, die vorher nicht da waren. Wenn immer dasselbe passiert, passiert nichts Neues. Es gibt einen schönen, ich finde nach wie vor grandiosen jüdischen Satz: 'Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann mach einen Plan.'"

Wir können bestimmen, ob Maschinen ausgeschaltet werden

Die Grundgleichung des Technikwahnsinns lautet: berechenbarer = beherrschbarer = besser. Daraus folgt: Künstliche Intelligenz macht unsere Welt besser. Lesch dagegen fordert ein Bewusstsein für unsere menschliche Reichweite, statt sie durch Technik immer neu zu verschieben. Es geht um sinnvolle Schranken, ethische Grundpfeiler. Wer etwa verantwortet die Folgen dieser schönen neuen Maschinen-Welt?

Buchcover "Unberechenbar"
Buchcover "Unberechenbar" | Bild: Herder Verlag

"Das sind Maschinen, die lernen und zwar unabhängig von uns", sagt Lesch. "Wir geben diesen Maschine nichts mehr vor, sondern die lernen von alleine. Ändert man ihre Funktion, dann hat es auch Auswirkungen für uns. Das ist irre. Da haben wir uns Außerirdische geschaffen. Nachdem die Außerirdischen schon nicht hierhergekommen sind, verschaffen wir uns jetzt eine Form von Intelligenz, die garantiert nicht menschlich ist. Ich erinnere an den Satz des großen Alan Turing, einem der Pioniere der Computerforschung, der gesagt hat, nur Maschinen können Maschinen verstehen. Wenn das so ist, dann sollten wir ganz vorsichtig sein damit, diese Maschinen und Algorithmen überall einzusetzen. Alle sagen, das können wir sowieso nicht aufhalten, das ist wie eine Naturgewalt! Stimmt nicht. Wir sind die Akteure, nach wie vor können wir bestimmen, ob diese Maschinen angeschaltet oder ausgeschaltet werden."

Faktencheck in Sachen Klima

In seiner Fernsehsendung nimmt er schon mal das Parteiprogramm der AfD auseinander. "Wenn es um die AfD in den Medien geht, dann geht es doch meistens darum, was hat der eine gesagt und was hat die andere gesagt. Wir kümmern uns darum, was sie geschrieben haben."

Physiker Harald Lesch
Harald Lesch in seinem Büro | Bild: BR

Erklären. Faktencheck über das Parteiprogramm der AfD in Sachen Klima, schwarze Löcher oder Quantenmechanik. In Leschs Kosmos soll sich jeder seines Verstandes bedienen. "Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Was mich umtreibt, ist die Kenntnis vom Bekannten in etwas zu überführen, was menschlich ist. Also, die Kenntnis von der Natur, mit der man nicht verhandeln kann, in etwas zu überführen, was Menschen verstehen. Das kann ein Witz sein, ein Kalauer, ein gutes Gedicht. Und immer freundlich. Weil jeder braucht alle anderen. Und niemand von uns ist allein. Es darf nicht diejenigen geben, die glauben, vor ihnen sei nichts gewesen und nach ihnen wird nichts mehr kommen. Das nicht. Sondern: zusammen. Das ist das Glück."

Es gibt kein Alternative zum Optimismus

In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Harald Lesch und sein Co-Autor Thomas Schwartz plädieren für eine Welt, in der man spielen kann. In der man irren darf. In der man Widersprüche aushält, anstatt alles zu normieren. Vor allem aber: In der man die Unberechenbarkeit des Lebens, die uns gerade so Angst macht, auch als Freiheit versteht.

Physiker Harald Lesch
Harald Lesch  | Bild: BR

"Es gibt keine Alternative zum Optimismus. Es gibt viele Leute, die mich für diesen Satz heftig kritisieren, weil sie sagen, das sei doch naiv so zu denken. Es wird doch immer versucht aus Wissenschaften etwas zu machen wie die Kunst des Sterbens:  'Wir müssen irgendwie kucken wie wir klar kommen und dann werden wir hier vergehen!' Das ist nicht der Punkt. Hannah Arendt hat diesen wunderbaren Satz geprägt: Wenn Menschen zusammenkommen, dann muss man mit Wundern rechnen. Wir wissen nie, was passiert. Das ist ein anderer Ausdruck dafür, dass die Welt nicht berechenbar ist. Wir wissen es nicht. Wir werden alles probieren und dann werden wir sehen, wie wir damit klarkommen."

"Wo Menschen zusammenkommen, muss man mit Wundern rechnen." Was wäre die Welt, würden wir daran glauben.

BUCH
Harald Lesch / Thomas Schwartz: "Unberechenbar. Das Leben ist mehr als eine Gleichung", Herder Verlag

Autorin: Angelika Kellhammer

Stand: 29.11.2020 18:24 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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