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Islamismus auf dem Bildungsweg

PlayBlick in einen geöffnete Ausgabe des Koran
Islamismus auf dem Bildungsweg  | Video verfügbar bis 17.01.2022 | Bild: BR

Die Enthauptung des Lehrers Samuel Paty nahe Paris, die Anschläge in Dresden und Nizza im Oktober, in Wien im November. Der islamistische Terror hat eine neue Qualität. Die meisten Täter der letzten Jahre kommen aus Europa. Es gibt einen europäischen Jihadismus. Doch wie sich die Täter radikalisieren, wie ihre Ideologie verbreitet wird, wie gezielt auch mitten in Deutschland fundamentalistische Institutionen aufgebaut werden – darüber ist in der Öffentlichkeit kaum etwas bekannt. 

Videokonferenz mit einem weißen Mann im Anzug
Terrorismusforscher Hugo Micheron | Bild: BR

"Ich habe viele Interviews mit Jihadisten im Gefängnis geführt und war sehr überrascht, dass das Wichtigste für sie Bildung und Erziehung von Kindern ist", sagt Hugo Micheron, Terrorismusforscher an der Princeton University. "Für sie ist das die Zukunft. Sie sagen: Wir waren ein paar Dutzend in den 90er Jahren, wir sind heute 6.000 in Europa. Wenn wir in zehn Jahren 100.000 sind, werden wir siegen."

Ideologischer Hintergrund für militante Islamisten

Videostandbild von Kindern, die in Uniform und mit Waffen auf dem Boden robben
Muslime gelten als Opfer in einem Krieg  | Bild: BR

Tatsächlich bauen Islamisten ein ganzes Bildungssystem auf. Von Koranschulen über Kulturvereine bis zu Universitäten. Meist unter wohlklingenden Namen wie das "Europäische Institut für Humanwissenschaften" in Frankfurt. Nach Erkenntnissen des hessischen Verfassungsschutzes eine Kaderschmiede der international tätigen Muslimbruderschaft. Ihr Ziel ist die Errichtung eines Gottesstaates. Sie liefert den ideologischen Hintergrund für militante Islamisten, auch für den Mord an Samuel Paty. 

Videokonferenz mit einem Mann mittleren Alters
Islamismusforscher Heiko Heinisch | Bild: BR

"Die Kampagne gegen ihn wurde nicht von Salafisten, nicht von Jihadisten initiiert. Sie wurde von Personen aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft initiiert", sagt der Islamismusforscher Heiko Heinisch. "Der legalistische Islamismus startet die Kampagnen, arbeitet mit dem Wort, benennt quasi das Ziel, das es zu attackieren gilt. Und irgendein Jihadist greift dann eben zur Waffe und attackiert dieses Ziel tatsächlich gewaltsam."

Das Ziel: Die Spaltung der Gesellschaft

In den letzten Jahren waren die Muslimbrüder besonders im Osten Deutschlands, in Sachsen aktiv. Hier – wo bis vor fünf Jahren kaum Muslime gelebt haben – baute die sogenannte "Sächsische Begegnungsstätte" gezielt Bildungszentren auf, in denen ein extremistischer Islam gelehrt wird.

Fernsehbild eines islamischen Predigers
900 Ditib-Moscheen in Deutschland | Bild: BR

Das Ziel der Islamisten ist immer, die Gesellschaft zu spalten, autonome muslimische Communities zu schaffen. "Das lässt sich in manchen Ländern – Frankreich, Belgien, Großbritannien – bereits beobachten", sagt Heinisch. "Es gibt dann tatsächlich Parallelgesellschaften, abgeschottete Gebiete, in denen mehrheitlich Muslime leben, in denen nach islamischen Regeln gelebt wird, quasi die Scharia Gültigkeit besitzt." 

Die deutsche Zivilgesellschaft blieb ausgeschlossen

"Sie lehren ihre Kinder, dass Demokratie Teufelszeug ist, dass Muslime die Opfer sind in einem Krieg, den Deutschland und Frankreich gegen den Islam führen und dass sie Gott gegen die Ungläubigen verteidigen müssen", sagt Micheron. "Damit arbeiten sie." 

Eine Moschee mit Minarett vor blauem Himmel
Zentralmoschee Köln | Bild: BR

Die größte Moschee Deutschlands, die neue Zentralmoschee in Köln, wird, so wie 900 weitere Moscheen in Deutschland, vom Verband Ditib betrieben. Ditib untersteht direkt dem türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan und seiner islamistischen Agenda. Sie unterläuft das deutsche Bildungssystem, denn ihre Imame werden in der Türkei ausgebildet und sind Beamte des türkischen Staates. Erdoğan selbst eröffnete die Moschee. Die deutsche Zivilgesellschaft blieb ausgeschlossen. Ditib arbeitet mit dem türkischen Geheimdienst zusammen.

Mann wird von Securityleuten geschützt
Der türkische Ministerpräsident Erdoğan | Bild: BR

In den Koranschulen lernen die Kinder etwas ganz Anderes als an öffentlichen Schulen, mussten sogar türkisch-nationalistische Kriegsszenen nachspielen. Dennoch hält die Bundesregierung an einer Zusammenarbeit mit Ditib fest. "Es ist nicht nur so, dass deutsche Stellen, staatliche Institutionen, Politiker, mit diesen Organisationen zusammenarbeiten", sagt Heinisch. "Einige dieser Organisationen werden auch jährlich mit Millionenbeträgen vom deutschen Staat, vom deutschen Steuerzahler gefördert."

Es fehlt an Gegenangeboten

Jetzt sind immerhin einzelne Politiker aufgewacht. Ex-Juso-Chef Kevin Kühnert gestand nach dem Mord an Samuel Paty im Spiegel ein, die politische Linke habe einen "blinden Fleck", wenn es um Islamismus geht. Gerade um das Thema nicht den Rechtsradikalen zu überlassen, müsse man den islamischen Fundamentalismus bekämpfen, zu dem es in vielen Teilen Deutschlands für religiöse Muslime gar keine Alternative gibt.

Videokonferenz mit einem weißen Mann
Der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert | Bild: BR

"Es fehlt erstmal an Gegenangeboten", sagt der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzender Kevin Kühnert. "Da leisten insbesondere die islamischen Theologiezentren eine ganz wichtige Arbeit. Die versuchen, auch didaktisch Dinge vorzubereiten, die jungen Musliminnen und Muslimen ein Bild des Islam mit auf den Weg gibt, das absolut kompatibel ist mit Menschenrechten, mit Demokratie."

"Was sie nicht wollen: einen europäisch geprägten Islam"

"Das wäre der Alptraum für die islamistische Bewegung", sagt Micheron. "Was sie absolut nicht wollen, ist der Aufstieg eines europäisch geprägten Islam mit westlichen Werten, eines Islam, der sich komplett europäisch anfühlt." 

Fernsehbild betender Muslime hinter einem Zaun
Trennung von Staat und Religion | Bild: BR

Rechte Propagandisten missbrauchen die Gewalttaten, um Stimmung gegen die Millionen hier lebender, friedliebender Muslime zu machen. Diese Spaltung ist ganz im Sinne der Islamisten. Man bekämpft sie am ehesten, indem man die fundamentalistischen Einrichtungen enttarnt, ihre Strategie offenlegt und indem man die muslimischen Deutschen darin bestärkt, einen gemäßigten Islam zu leben. Einen Islam, der die strikte Trennung von Religion und Staat bedingungslos anerkennt.

Autor: Joachim Gaertner

Stand: 18.01.2021 09:35 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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