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Delirium Alpinum – die Superspreader

PlayVier betrunkene Männer in blauen Hasenkostümen beim Après-Ski
Delirium Alpinum – die Superspreader | Video verfügbar bis 12.07.2021 | Bild: Lois Hechenblaikner

Der Mensch braucht ein Ziel. Und wenn er nicht mehr weiß, wohin mit sich vor lauter Langeweile, Midlifecrisis, Lebensüberdruss, dann fährt er offenbar nach Ischgl. Ischgl, das ist Delirium Alpinum und Rush Hour des Massentourismus. So die Definition von Lois Hechenblaikner. Und wer seine Bilder sieht, versteht, wofür das Wort Schneehölle geschaffen wurde. "Ich wollte einfach mal sehen: Wie weit kann der Geigerzähler des Tourismus ausschlagen in seiner Maximalversion, wenn man dieses Geschäftsfeld bis zum Anschlag betreibt?", sagt der Fotograf Lois Hechenblaikner.

Ischgl ist das "Ibiza der Alpen"

Eine Bierflasche mit dem Aufdruck "Corona", daneben der nackte Hintern einer Frau
Trinken in Ischgl | Bild: Lois Hechenblaikner

Seit über einem Vierteljahrhundert dokumentiert Hechenblaikner akribisch, wozu eine entfesselte Freizeitindustrie in Österreichs Bergen fähig ist. Circa 9000 Fotos hat er in diesem Zeitraum auch in Ischgl aufgenommen. Da war das Bergdorf noch alpine Hochburg des Après"Ski, "Ibiza der Alpen" mit 1,4 Millionen Übernachtungen pro Wintersaison auf 1600 Einwohner. Und dann plötzlich "Superspreader" und Synonym für virologisches Missmanagement.

Hechenblaikners fotografisches Destillat zeigt eine Gesellschaft, die schon lange vor Corona reif für die Intensivstation ist: Fließbandproduktion von hochgradig sexualisierten Menschen im Vollrausch. Kein Betriebsunfall, sondern Geschäftsmodell einer Allianz aus Alkoholindustrie und Bar"Betreibern.

Endlich die Evolution hinter sich lassen

Ein mittelalter weißer Mann gibt ein Interview, neben ihm eine Kamera
Fotograf Hechenblaikner | Bild: BR

An guten Nachmittagen werden hier in einem Lokal schon mal 5000 Liter Bier ausgeschenkt. Macht plus die anderen Betäubungsmittel über 100.000 Euro Umsatz.   "Es geht ja darum, die Gäste außer sich zu bringen", sagt Hechenblaikner. "Ein Mensch, der bei sich ist, den kann ich ja gar nicht zweckrational bewirtschaften. Ich muss ihn zuerst in den Zustand des ‚außer sich’ bringen. Und das ist eben dieses ganz spezielle Einstellen zwischen 0,5 und einem Promille, wo die Wurschtigkeit beginnt."

Und die Bereitschaft der Gäste, ihrem Bedürfnis nach Regression viel Zeit und Geld zu opfern, ist groß. Dafür steigen Tagestouristen früh um zwei in Köln oder Nürnberg mit ihrem Sexspielzeug in einen Bus, um nachmittags im Schnee die Evolution hinter sich zu lassen. "Das ist schon etwas, was phänomenologisch ist, was soziologisch und sozialpsychologisch interessant ist. Und meine Erkenntnis über die langen Jahre war eigentlich, dass der Alpenraum so etwas geworden ist wie ein Überdruckventil für die Leistungsgesellschaft. Bei uns kann man sozusagen Druck ablassen gegen Bezahlung."

Ausverkauf einer Kulturlandschaft

Skier soweit das Auge reicht
Keiner fährt, alle trinken | Bild: Lois Hechenblaikner

Wer diese Erwartungshaltung im Konkurrenzkampf der alpinen Skidestinationen nicht bedient, ist schnell out. Weshalb in Ischgl alles aufgeboten wird: Seit drei Jahrzehnten Mega"Konzerte im Skigebiet, 240 Kilometer Pisten, Liftanlagen die pro Stunde 93.000 Menschen in die Stille der Berge hieven. 

Die ganze Gegend eine Unterwerfungsgeste unter die Erfordernisse einer touristischen Schwerindustrie, zu der man keine Alternative sieht. Ausverkauf einer Kulturlandschaft, wo zusammenkommt, was nie zusammenpassen wird: Kuhstall und Après"Ski, Hütte und Schampus, Alm und Sado-Maso"Tracht. "Und das ist eigentlich das Verrückte, wo ein unheimlicher Kulturverrat stattgefunden hat, dass man dieses Element des Bauerntums gnadenlos ausgehöhlt hat", sagt Hechenblaikner. "Après-Ski-Lokale heißen immer Alm, Alm, Alm. Aber das sind doch keine Almen. Das ist nur eine Zweck-Hülle und eine Kultur-Lüge der höchsten Form, wie es sie im Alpenraum sonst nie gegeben hat."

Ist Corona ein kathartischer Moment?

Ein Buchcover zeigt gelbe Bierkästen im Schnee
Der Bildband | Bild: Steidl Verlag / Lois Hechenblaikner

Hinter den von Hechenblaikner geschmähten "Rustikal-Karzinomen" gibt es noch Überreste bäuerlichen Lebens. Aber vielleicht wird die Bergbevölkerung ja auch schon von billigen Saisonarbeitskräften gemimt. So skurril und schmerzhaft seine Bilder auch sind – der Fotograf nimmt die Bedürfnisse der Einheimischen und ihrer Gäste durchaus ernst. "Ich habe überhaupt nichts gegen Tourismus. Auch Masse darf es sein. Die Masse wegzuleugnen wäre Utopie und die Masse sucht auch wieder Unterhaltung, sie sucht in der Freizeit einen Platz. Aber das ist immer die Frage: Wie gestalten wir das?"

Vielleicht ist Corona in Ischgl jener kathartische Moment, an dem das Nachdenken über solche Gestaltungsfragen einsetzt. Lois Hechenblaikner ist das mit seinen Fotos bei den Verantwortlichen bislang leider nicht gelungen. 

Buch-Tipp
Lois Hechenblaikner: "Ischgl" , Steidl Verlag

Autor: Henning Biedermann

Stand: 12.07.2020 18:40 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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