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Rassismus in Deutschland

PlayZwei Women of Colour halten auf einer Demonstration antirassistische Pappschilder in die Höhe
Rassismus in Deutschland | Video verfügbar bis 12.07.2021 | Bild: BR

I can’t breathe. Leben, das dem Körper entweicht. Körper, die marginalisiert werden. Und die sich wehren. Hier, in Deutschland. "Erleben von Rassismus ist Ohnmacht", sagt Tupoka Ogette, Autorin des Buches "exit Racism".  

"Rasse": ein Echo aus unserer Geschichte. Das noch immer nachhallt. "Schwarz sein in Deutschland bedeutet auf ganz vielen Mikroebenen immer seine Menschlichkeit zu rechtfertigen", sagt die Journalistin Alice Hasters.

Die Hölle, das ist der Alltag

Kommunikationswissenschaftlerin Natasha A. Kelly
Kommunikationswissenschaftlerin Natasha A. Kelly | Bild: BR

Vergangenes Jahr wurden zehn Prozent mehr rassistische Vorfälle registriert: 1176. Nicht ungefährlich, hier zu leben. "Für eine so junge Demokratie wie Deutschland, die sich das immer auf die Fahne schreibt: not good enough!", kritisiert die Kommunikationswissenschaftlerin Natasha A. Kelly.  

Die Hölle, das ist der Alltag. Die Frage: Woher kommst du "wirklich"? Auf Englisch angesprochen zu werden. Nicht als Bürger dieses Landes anerkannt zu sein. Blicke, die zu lang haften. Ein ständiges Grundrauschen. Dem man sich nicht entziehen kann. Das Perfide ist, "dass der Rassismus in Deutschland eigentlich auf allen Ebenen sehr subtil läuft", sagt Natasha A. Kelly. "Und dass der Effekt der Mikro-Aggressionen sehr unterschätzt wird. Wenn eine schwarze Person oder Person of Colour morgens raus geht und abends nach Hause kommt, hat sie über hundert Begegnungen mit Rassismus gemacht. Und diese Summe macht es aus."

Struktureller Rassismus macht unsichtbar

Buchcover von Alice Hasters, "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten" erschienen bei Hanser Blau
Alice Hasters Buch ist ein Bestseller | Bild: Hanser Blau/BR

Was wir sehen, sind Symptome. Rassismus nehmen wir als Fehlverhalten von Einzelpersonen wahr. Nicht als das, was es ist: ein Konstruktionsfehler unserer Gesellschaft, der alles durchdringt und Ungleichheit legitimiert. "Angefangen bei der Ignoranz, dass es schon seit Jahrzehnten schwarze Deutsche gibt", sagt Alice Hasters, die das Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen" geschrieben hat. "Wir werden gar nicht anerkannt als Teil der Bevölkerung. Ich glaube, dass ein großer Teil von strukturellem Rassismus hier in Deutschland auch Unsichtbarmachung ist."  

Die Heroen der Aufklärung. Für Hegel und Kant sind Menschenrechte Weißen-Rechte. Dass Deutschland heute als weißes Land wahrgenommen wird, ist kein Zufall. Schwarze Körper, unterworfen in Deutsch-Südwestafrika.

Schwarze Kinder werden in der BRD geächtet

IDENTITÄT
Die Frage nach der Identität | Bild: BR

1935. Nürnberger Rassengesetze. Deutsches Blut soll "rein" bleiben. Jahrzehntelang wird gelten: Deutsch ist nicht, wer hier geboren ist, sondern: wer biologisch von Deutschen abstammt.  "Ich kann mir gut vorstellen, dass die Deutschen müde sind sich mit ihrer Geschichte zu beschäftigen", sagt die Soziologin Natasha A. Kelly. "Aber es gibt keinen Weg daran vorbei. Die Bereitschaft muss da sein, in die Tiefe zu gehen, die wirklich blutig und dreckig ist."

Nach dem Krieg bleiben viele afroamerikanische Soldaten, gründen Familien. Für einen Moment sieht es so aus, als ob schwarze Menschen auch bei uns Normalität werden könnten. Doch die Kinder werden geächtet. Tausende Mütter gedrängt, sie zur Adoption freizugeben – um sie aus dem Land zu bekommen. Schwarze Körper, erneut aus Deutschland entfernt.

Rassismus ist ein Problem weißer Menschen

Eine Frau of Colour wird interviewt
"Rassismus braucht keine böse Absicht", sagt Ogette | Bild: BR

Die DDR holt Gastarbeiter aus sozialistischen Staaten wie Mosambik, nur um sie bald wieder abzuschieben. Viele Entscheidungen, die dazu führen, dass wir Deutschland heute als weißes Land imaginieren. Und weiße Menschen als die Norm. Ohne zu merken, wie rassistisch das ist. "Ich nenne diesen Bewusstseinszustand ‚Happyland’", sagt Tupoka Ogette, die Antirassismus-Training anbietet. "Also, dass die gesellschaftliche Mitte und die gesellschaftliche Linke gelernt haben: Rassismus ist böse, Rassismus ist schlecht, aber es ist nur ein rechtes Phänomen. Und ich selbst bin anti-rassistisch und das muss reichen."

Jetzt ist ein Streit um unsere Erinnerungskultur entbrannt. Es geht wieder viel um Symptome von Rassismus. Wie die Entfernung des Begriffs "Rasse" aus dem Grundgesetz. Doch das Problem liegt tiefer. Rassismus kann erst dann weniger werden, wenn weiße Menschen beginnen ihn als ihr Problem zu sehen, das sie lösen müssen – nicht als ein Problem schwarzer Menschen, für das sie Empathie haben. 

 "Niemand kann sich rausnehmen!"

Buchumschlag Tupoka Ogette, "Exit Racism"
Tupoka Ogette, "exit Racism" | Bild: Unrast Verlag/BR

"Ein rassismuskritisches Bildungssystem ist ganz dringend nötig", sagt Alice Hasters. "Multiplikator/innen, Pädagog/innen sollen von Anfang an in ihrer Ausbildung Rassismus- und Diskriminierungskritik als Teil ihrer Ausbildung haben", fordert Tupoka Ogette. "Wir brauchen Kontrollsysteme für Institutionen, unabhängige Kontrollsysteme, das gilt für die Polizei, das gilt für Schulen", bestätigt Hasters. "Es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Niemand kann sich aus der Rassismus-Thematik rausnehmen. Niemand!", sagt Natasha A. Kelly mit Nachdruck.  

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, Artikel 3 Grundgesetz. We the people. Ein Versprechen. Zeit, es einzulösen.

Buch-Tipps
Alice Hasters: "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten", Hanser Blau
Tupoka Ogette: "exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen", Unrast Verlag

Autorin: Ronja Mira Dittrich

Stand: 12.07.2020 19:10 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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