SENDETERMIN So., 17.10.21 | 23:35 Uhr | Das Erste

Rechte Influencerinnen und ihre Strategien

PlayEine Frau mit geflochtenen Haaren
Rechte Influencerinnen und ihre Strategien | Video verfügbar bis 17.10.2022 | Bild: picture alliance/PIXSELL/Slavko Midzor

Für zwei Wochen begeben wir uns in eine Parallelwelt. Legen ein Instagram-Profil an. Und abonnieren "traditionelle" und "nationale" Frauen. Auf den ersten Blick posten sie: Harmloses. Viel Natur, viel Haare, Sonnenwendfeuer. Aber je mehr dieser Accounts wir folgen, umso mehr rechte Instagram-Seiten bekommen wir vorgeschlagen. Weiße Rassenideologie, rassistische Witze, Kriegspropaganda, Waffen.

Ratschläge für ein "traditionelles" Leben

eine junge, blonde Frau gibt ein Fernsehinterview
Politikwissenschaftlerin Judith Goetz | Bild: BR

"Frauen kommt hier so wie im realen Leben eine besondere Rolle zu", sagt Judith Goetz, Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien. "Weil nach wie vor in der Wahrnehmung von Rechtsextremismus das Bild dominiert, dass Frauen viel ungefährlicher sind, viel harmloser, weniger militant. Ihnen geht es darum, in diesen vorpolitischen Raum reinzugehen und zentrale Fragen der Gesellschaft in ihrem Sinne umzudeuten, also auch umzuframen. Da bietet gerade Bildmaterial eine sehr gute Möglichkeit dafür, weil dieses Bildmaterial eben nicht ganz klar auf den ersten Blick erkennbar ist als etwas, das auch zentrale politische Botschaften beinhaltet."

Ein Beispiel ist das öffentliche Profil von "Freya". Sie gibt Ratschläge für ein Leben als "traditionelle" Hausfrau und Mutter. Zum Beispiel diese: "Lerne Kochen und Backen. Habe deinen Haushalt unter Kontrolle. Lerne eine Handarbeit (Stricken, Sticken, Nähen). Setze dich mit deutscher Kultur und Brauchtum auseinander."

Erfahrungsberichte über Belästigungen durch Geflüchtete

Scroll über ein Handydisplay
Blumenkranz-Content und Hasskommentare  | Bild: BR

Die Politik kommt ganz subtil. "Freya" ist mit Reinhild Boßdorf befreundet, einer Aktivistin der Jungen Alternative. Eigenbeschreibung: "Unauffällig, aber zentral für das rechte Netzwerk." Boßdorf steckt auch hinter der Initiative Lukreta. Neben harmlosem Blumenkranz-Content vernetzen sich hier rechte Frauen um auf die ständige Bedrohung durch ausschließlich "migrantische Männer" aufmerksam zu machen. Sie posten Erfahrungsberichte über Belästigungen deutscher Frauen durch Geflüchtete. Darunter sammeln sich die Hasskommentare.

"Ich würde sagen, dass die extreme Rechte dieses Narrativ zwar schon sehr lange benutzt, aber jetzt so erfolgreich ist damit, weil dieser Diskurs auch stärker in den Massenmedien und in den Qualitätsmedien aufgenommen wurde", sagt Judith Goetz. "Und die extreme Rechte hat auch entdeckt, dass sie über die Thematisierung von Frauenrechten und Frauenschutz gut in der gesellschaftlichen Mitte punkten kann, weil es Themen sind, die alle betreffen."

Eine App legt rechte Narrative offen

Ein junger Mann und eine junge Frau geben ein Fernsehinterview
Caspar Weimann und Luzia Oppermann, Entwickler der App "Loulu" | Bild: BR

Luzia Oppermann und Caspar Weimann haben ein Online-Spiel entwickelt, das rechte Narrative und Strategien im Netz erfahrbar machen soll: die App "Loulu". Das Spiel beginnt mit der Nachricht einer Freundin, die Opfer eines rechten Shitstorms geworden ist. Danach sollen die Spieler das rechte Netzwerk hinter den Hasskommentaren aufspüren, indem sie deren Inhalte decodieren und liken. Zum Beispiel die der fiktiven rechten Influencerin "Loulu", gespielt von Luzia Oppermann.

"Man bewegt sich schon immer näher an dieses Netzwerk heran und dadurch wird es natürlich immer gefährlicher, was man tut", erklärt Caspar Weimann die App "Loulu". "Es gibt einen Punkt, an dem man auch direkt mit Loulu chattet und die richtigen Antworten geben muss, um an bestimmte Informationen zu kommen. Und am Ende landet man direkt selbst im Netzwerk." Damit wollen sie zum Beispiel an Schulen aufklären. Die App ist für den Amadeu-Antonio-Preis nominiert.

Idealbild weiße Familie mit Flechtfrisuren

Ein junger Mann gibt ein Fernsehinterview
"Die Kommentarspalte wird zur Hölle" | Bild: BR

"Sobald man über rechte Akteurinnen im Netz berichtet, ist die Kommentarspalte eine Hölle", sagt Weimann. "Das ist einer der Gründe, warum wir einen geschützten Erfahrungsraum schaffen wollten, in dem man sich mit diesen rechten Narrativen, aber auch mit Funktionsweisen von Plattformen beschäftigen kann, ohne den rechten Akteurinnen Aufmerksamkeit zu geben. Natürlich reproduzieren wir in dem Spiel rechte Narrative. Aber wir erfinden zum Beispiel keine neuen und wir kontextualisieren sie immer durch eine Rahmenhandlung. Die beiden Charaktere, die einem beim Spielen begleiten, helfen immer wieder, die Dinge zu verstehen. Wir suchen den künstlerischen Umgang, um möglichst viel erzählen zu können."

Die Filterblase funktioniert so: neben Beauty Content die idealisierte weiße Familie, die es zu schützen und zur Not zu verteidigen gilt. Subtil eingeflossene Rassismen, Sommerkleider, Flechtfrisuren. Und irgendwann bist du drin, im rechten Netzwerk.

Autorin: Laura Beck

Stand: 17.10.2021 21:39 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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